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Landkreis stellt erstmals in der Geschichte fünf Bezirksräte

Rekord für Roth

Hilpoltstein
erstellt am 17.10.2018 um 18:20 Uhr
aktualisiert am 21.10.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Hilpoltstein (HK) Drei Bezirksräte hat der Landkreis Roth bislang gestellt: den Stimmkreisabgeordneten Ernst Schuster (CSU), Walter Schnell von den Freien Wählern (FW) und Robert Gattenlöhner, Chef der Frankenpartei. Fünf werden es in der neuen Periode sein, denn jetzt kommen neben Cornelia Griesbeck, Schusters Nachfolgerin, noch zwei Bezirksräte dazu: Sven Ehrhardt von der SPD und der neue Landtagsabgeordnete Ferdinand Mang (AfD). So viele aus dem Landkreis waren es noch nie.
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SVEN EHRHARDT

"Ich kann noch gar keine Glückwünsche entgegennehmen", sagt Sven Ehrhardt, Minuten, nachdem er erfahren hat, dass er in den Bezirkstag eingezogen ist. "Ich bin fassungslos." Eigentlich habe er mit dem Thema schon abgeschlossen gehabt. Denn nur vereinzelt hätten die Landkreise in den vergangenen drei Tagen die personalisierten Zweitstimmen veröffentlicht. Dieser bis dato unvollständigen Liste zufolge wäre er, der auf Platz zwei der Liste gestartet war, regelrecht abgestürzt. Hinzu kamen die deutlichen Verluste der Sozialdemokraten insgesamt, statt wie bisher mit sieben, sind sie nur noch mit vier Sitzen vertreten. Für Ehrhardt reichte am Ende der dritte Platz zum Einzug in den Bezirkstag. "Heute gibt es keine sicheren Listenplätze mehr", folgert er aus seiner Zitterpartie. Vor allem nicht im Stimmkreis Roth, der mehr als 30000 Wählerstimmen kleiner ist als etwa der benachbarte Kreis Ansbach-Süd-Weißenburg-Gunzenhausen. Entsprechend sind hier weniger Erststimmen zu ergattern.

 

Vor allem um soziale Belange will sich der neue Bezirkrat Sven Ehrhardt kümmern. Er zieht als Dritter der mittelfränkischen SPD-Liste in den Bezirkstag in Ansbach ein.
Vor allem um soziale Belange will sich der neue Bezirkrat Sven Ehrhardt kümmern. Er zieht als Dritter der mittelfränkischen SPD-Liste in den Bezirkstag in Ansbach ein.
AWO
Hilpoltstein

Sven Ehrhardt ist ein sozial eingestellter Mensch, beruflich ist der 30-Jährige für den AWO-Kreisverband Mittelfranken-Süd tätig. Ein Thema, das ihm am Herzen liegt, ist die Begleitung des Bundesteilhabegesetzes. "Wir brauchen starke stationäre Häuser", sagt er. Sie seien Voraussetzung für die Wahlfreiheit eines behinderten Menschen, wie er sein Leben leben will. "Mir ist der Auhof in Hilpoltstein wichtig", so Ehrhardt. Zuletzt seien dort dringend notwendige Sanierungen abgelehnt worden.

"Interessant" werde für ihn der Umgang mit den Bezirkstagskollegen von der AfD werden. "Ich bin ein höflicher Mensch, ich gebe erst einmal jedem die Hand", sagt der Rother. Möglichst unvoreingenommen. Doch fördere der Bezirk das Jüdische Museum in Fürth, kämpfe über den Bezirksjugendring gegen Rechtsradikalismus. "Ich denke, bei solchen Themen werden die AfD-Kollegen relativ schnell gestellt."


WALTER SCHNELL

Walter Schnell, der Listenführer der FW und langjährige Bezirksrat, blickt jetzt auch mit einem lachenden Auge auf die jüngsten Wahlen zurück. Zwar hat es sein Parteifreund Thomas Schneider nicht nach München geschafft - "es hätte gut getan, einen kompetenten Kommunalpolitiker im Landtag zu haben" -, doch das Plus von 1,5 Prozent für die Freien Wähler beschert ihnen zumindest einen Bezirksrat mehr als bisher. "Insgesamt können wir zufrieden sein", bilanziert Schnell, vor allem im ländlichen Raum seien die FW bekannt und etabliert. Was nichts daran ändere, dass sie in den größeren städtischen Stimmkreisen noch immer ein Problem hätten.

Abgesehen vom größeren Gewicht für die FW im neuen Bezirkstag freue ihn der erstmalige Einzug von Sven Ehrhardt ungemein, schlägt Schnell eine Brücke zum Sozialdemokraten. Denn dieser sei "ein junger, engagierter Mensch, mit ihm kann man gut zusammenarbeiten", verteilt er schon einmal Vorschusslorbeeren. Und für den Landkreis sei es ohnehin von Vorteil, dass mehr Rother im Bezirkstag säßen, immerhin würden im Bezirk auch Entscheidungen getroffen, die für den Kreis sehr wichtig seien, zum Beispiel gehört er den Zweckverbänden Brombach- und Rothsee sowie Burg Abenberg an.

Auf AfD-Bezirksräte als neue Kollegen hätte Schnell zwar gerne verzichtet, doch die neue Zusammensetzung birgt für ihn die Chance, "dass Strukturen aufgebrochen und weniger Entscheidungen hinter verschlossenen Türen getroffen werden". Zwar hätten die Christsozialen bislang auch keine absolute Mehrheit im Gremium gehabt, doch hätten FDP und ÖDP "vorbehaltlos mit ihnen gestimmt". Spannend wird für Schnell auch die Frage, wer neuer Bezirkstagspräsident wird. Denn Richard Bartsch (CSU) habe in der Affäre um Helmut Nawratil, den Ex-Chef der Bezirkskliniken Mittelfranken, keine gute Figur abgegeben, "er hat doch das Desaster mitzuverantworten". Die Stimmverluste für die CSU liegen für Schnell im Trend der Landtagswahl, dass es zuletzt massiven Ärger im Bezirk wegen der Kliniken gegeben habe, hat ihm zufolge nicht durchgeschlagen. Schnell sieht dies als Zeichen dafür, dass die Bezirksebene kaum beachtet werde: "Für die meisten ist der Bezirk das unbekannte Wesen - obwohl er mit seinen sozialen Themen wichtig für die Menschen ist."
 

CORNELIA GRIESBECK

"Die gute Arbeit von Ernst Schuster fortsetzen": Das ist das Ziel von Cornelia Griesbeck (CSU), die jetzt sein Direktmandat im Bezirkstag errungen hat.

Und sie freut sich darauf, hier für die Bürger im Landkreis Roth einzutreten. " Es interessieren mich grundsätzlich alle Aufgaben des Bezirks", sagt Griesbeck. Doch besonders froh wäre sie, wenn sie in den Ausschüssen für Soziales und Bildung arbeiten könnte. Zudem möchte sie sich für die Einrichtungen des Bezirks, wie das Bezirkskrankenhaus einsetzen, das sich vor allem um psychisch kranke Menschen kümmert. "Hier finde ich Tageskliniken, wie jetzt eine in Roth entstehen soll, sehr wichtig", sagt Griesbeck. Der ambulante Ansatz sei immer der beste, ist Griesbeck überzeugt. Sie will deshalb, wo immer möglich, stationäre Aufenthalte vermeiden. "Es hat wenig Sinn, wenn wir jemanden mit einer Depression für einen stationären Aufenthalt aus seiner Lebenssituation reißen. Hier kann nur eine ambulante Hilfe etwas bewirken", sagt die 53-jährige Wendelsteinerin. Zudem wünscht sie sich, dass in kommunalen Krankenhäusern wieder mehr Ruhe einkehrt, da diese nur dann ihre Aufgaben gut wahrnehmen können.

Griesbeck hat auch ältere Menschen im Blick, deren Pflege immer schwieriger werde. "Wir müssen uns bewusst sein, dass die meisten Menschen immer noch zu Hause gepflegt werden", sagt sie. Sie weiß, dass Pflegeheime nicht die primäre Aufgabe des Bezirks sind, doch auch hier ist es ihr Ziel, noch mehr Tagespflege anzubieten, um Angehörige zu entlasten.

Mit Blick auf behinderte Menschen hebt Griesbeck hervor, dass der Hilpoltsteiner Auhof und Regens-Wagner-Zell mit ihren Außenwohngruppen schon sehr gute Arbeit leisten. "Aber auch hier ist es mein Ziel, noch mehr solcher Gruppen zu unterstützen", sagt sie. "Es wäre für die Betroffenen, aber auch für die Angehörigen schön, wenn behinderte Menschen dort leben könnten, wo sie auch geboren worden sind." Man müsse einfach zusehen, "dass wir die Pflichtaufgaben des Bezirkstags gut erfüllen", so Griesbeck. Dabei gelte es, über alle Parteien hinweg zusammenzuarbeiten. "Es ist das Erste, was man im Bezirkstag lernen muss: Nämlich die Parteibrille wegzulassen und in gutem Miteinander und über alle Grenzen hinweg zusammenzuarbeiten."
 

ROBERT GATTENLÖHNER

Eigentlich hatte sich Robert Gattenlöhner von der Partei für Franken schon von dem Gedanken verabschiedet, wieder in den Bezirkstag einzuziehen: "Ich hatte viele und starke Mitbewerber und deshalb habe ich nicht mehr damit gerechnet", gesteht der 62-Jährige. Umso größer seien Freude und Erleichterung gewesen, als dann doch die positive Nachricht kam. "Ich bin davon ausgegangen, dass entweder Sven Ehrhardt oder ich in den Bezirkstag gewählt werden - jetzt haben wir es beide geschafft." Es sei "wirklich eine starke Nummer", dass der Landkreis Roth erstmals mit fünf Bezirksräten vertreten sei.

"Natürlich habe ich Federn lassen müssen und bei der ersten Hochrechnung ist mir fast schlecht geworden", sagt Gattenlöhner. Aber letztlich habe sich der Einsatz doch bezahlt gemacht. "Die Nürnberger haben mich noch als Faschingsprinz im Kopf und vielleicht deshalb für mich gestimmt. Auch sonst war ich fleißig unterwegs." Die erneute Wahl in den Bezirkstag will der Vollblut-Franke für Veränderungen nutzen und sich bevorzugt mehr im Kultur- sowie Sozialausschuss einbringen. "Mittlerweile weiß ich besser Bescheid und kenne die Abläufe."

Mit seiner Frau Elke möchte Robert Gattenlöhner auf jeden Fall noch auf den Erfolg anstoßen, "aber erstmal werde ich meine restlichen Wahlplakate noch einsammeln".
 

FERDINAND MANG

Am Sonntag war AfD-Kandidat Ferdinand Mang noch davon ausgegangen, dass er nicht gewählt worden ist. "Doch dann kam der Dienstag, ein wahrer Krimi", sagt er - und am Ende das Landtagsmandat. Seit gestern steht nun fest, dass Mang auch dem nächsten Bezirkstag angehört. "Ich muss das Ganze jetzt erst einmal sacken lassen, das war schon etwas viel." Annehmen will er aber auch das Bezirkstagsmandat. "Dafür bin ich gewählt worden, das ist mein Auftrag." Wenngleich er es nicht auf eine Häufung von Ämtern angelegt habe.

Ob er langfristig beide Sitze behält, will Mang allerdings noch nicht endgültig sagen. Er müsse sich jetzt auf alle Fälle kundig machen und schauen, ob sich der Bezirkstag auf Dauer mit dem Landtag verträgt. "Ich bin kein Freund schneller Entscheidungen", sagt Mang. Er handle stets mit Bedacht.

 

BEZIRKSTAG WÄCHST AUF 33 SITZE AN

Am dritten Tag nach der Bezirkswahl liegen die Ergebnisse vor, ausgezählt war gestern Nachmittag. Ähnlich wie im Land sind die vielen Direktmandate, die die CSU - bei gleichzeitigem Stimmverlust - gewonnen hat, dafür verantwortlich, dass das Gremium erneut anwächst. Statt der gesetzlich vorgesehenen 24 Sitze werden es bis zum Jahr 2023 satte 33 sein; in der vergangenen Wahlperiode waren es lediglich 30. Stärkste Fraktion bleibt die CSU, die in den nächsten fünf Jahren mit elf Sitzen (-1) im Bezirkstag vertreten sein wird. Sie hat in elf der insgesamt zwölf Stimmkreise das Direktmandat gewonnen, im Landkreis Roth war dies Cornelia Griesbeck, die damit dem langjährigen Bezirksrat Ernst Schuster aus Thalmässing nachfolgt. Nach dem Zweitstimmenergebnis von 33,1 Prozent stünden der CSU rechnerisch lediglich acht Sitze zu, deshalb erhalten die Christsozialen die drei übrigen Sitze als sogenannte Überhangmandate. Im Gegenzug dazu bekommen SPD, Freie Wähler, die Grünen, die Linke, die ÖDP und die Franken je ein Ausgleichsmandat. Als zweitstärkste Partei ist Bündnis 90/Die Grünen mit sechs Sitzen in dem Gremium vertreten. SPD und Freie Wähler entsenden jeweils vier Bezirksräte; der FW-Kandidat Armin Kroder aus Lauf konnte als einziger Kandidat außerhalb der CSU ein Direktmandat gewinnen. Die AfD wird mit drei Bezirksräten vertreten sein, die Linkspartei entsendet zwei Bezirksräte, jeweils ein Mandatsträger gehört der FDP, der ÖDP sowie der Frankenpartei an. luf

Rainer Messingschlager, Volker Luff, Kai Bader, Luisa Riß
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