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Hans Pühn erinnert an die Arbeit der Schriftsetzer - Letter für Letter zur kompletten Zeitungsseite

Auf den Spuren Gutenbergs

Hilpoltstein
erstellt am 09.11.2018 um 17:14 Uhr
aktualisiert am 14.11.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Hilpoltstein/Roth (HK) Buchstabe für Buchstabe, Bleiletter für Bleiletter aus dem Setzkasten nehmen, in die richtige Richtung drehen, in den Winkelhaken setzten und so Stück für Stück das Wort, den Satz, die Zeile, das Buch erschaffen - das war die Arbeit der Schriftsetzer, die oft viele Stunden an einer einzigen Seite gearbeitet haben. Hans Pühn begibt sich in seinem Werk "Das Brot des Schriftsetzers" auf Spurensuche.
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Willi Stengl beginnt als 13-Jähriger bei der Hilpoltsteiner Firma Militzer seine Ausbildung zum Schriftsetzer. Er musste damals, was auf dem Bild leider nicht zu sehen ist, sogar auf einem Schemel stehen, um die Bleilettern aus dem Setzkasten zu nehmen.
Willi Stengl beginnt als 13-Jähriger bei der Hilpoltsteiner Firma Militzer seine Ausbildung zum Schriftsetzer. Er musste damals, was auf dem Bild leider nicht zu sehen ist, sogar auf einem Schemel stehen, um die Bleilettern aus dem Setzkasten zu nehmen.
Militzer
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"1500 Buchstaben in der Stunde - ohne einen einzigen Fehler: Wer das geschafft hat, hat in seiner Gesellenprüfung eine Eins bekommen", erinnert sich Willi Stengl aus Hilpoltstein beim Durchblättern des Werks. Er hat 1954, im zarten Altern von 13 Jahren, bei der Hilpoltsteiner Firma Militzer seine Lehre als Schriftsetzer begonnen. 30 Mark hat Stengl zu dieser Zeit als Monatslohn bekommen. Gerade einmal 90 Mark waren es im dritten Lehrjahr.

Ein Bild aus Stengls ersten Arbeitstagen ist in dem Buch "Das Brot des Schriftsetzers" gleich auf den ersten Seiten zu finden. Und die vielen weiteren alten Aufnahmen erinnern Stengl an die Arbeit vom ersten Buchstaben bis hin zum Druck.

Geschrieben hat das Buch Hans Pühn, wie Stengl ein gelernter Schriftsetzer. "Insgesamt sieben Jahre habe ich an dem Buch gearbeitet. In den vergangenen zwei Jahren besonders intensiv", erzählt Pühn, der das frisch gedruckte Werk jetzt vorgestellt hat. Allein hätte er es trotz des immensen Zeitaufwands nicht geschafft. Auf seiner Suche nach alten Dokumenten bekam er jedoch schnell Hilfe. "Das ist der Stallgeruch unter den Schriftsetzern. Man kennt sich und man hilft sich."

Manfred Schärtl, Helmut Schmidt, Waldemar Blank, Peter Pichl, Karl-Heinz Richter und eben Willi Stengl haben auf der Suche nach alten Dokumenten und Bildern geholfen, haben Pühn erzählt, wie sie ihre Zeit als Schriftsetzer erlebt haben.

Eintönig und hart sei die Zeit als Schriftsetzer gewesen, erinnert sich Pühn. Da tat jede Abwechslung gut. "Vesper holen, Fenster putzen, Papierrollen abladen und sogar das verstopfte Klo reparieren - ich musste als Lehrbub einfach alles machen", sagt er. Dazu kam sogar das Korrekturlesen mit seiner Chefin Linchen Graff. "Da habe ich dann meine erste Schelln bekommen, weil ich falsch vorgelesen habe."

Das Buch erzählt von Anfang an vom Schriftsetzerlehrling Hans, also dem jungen Hans Pühn. Und erzählt darin unterhaltsam von allen angenehmen, aber auch von allen beschwerlichen und peinlichen Augenblicken seines Daseins als Lehrling.
In dem Buch ?Das Brot des Schriftsetzers?, das Willi Stengl hier zeigt, ist die Aufnahme aus dem Jahr 1954 zu finden.
In dem Buch "Das Brot des Schriftsetzers", das Willi Stengl hier zeigt, ist die Aufnahme aus dem Jahr 1954 zu finden.
Bader
Hilpoltstein



So erinnert er sich zum Beispiel an seinen Auftrag, die Scheiben des Pultdachs der Druckerei zu putzen. Auf Holzdielen balancierend, damit er nicht durch das Dach bricht, reinigte er Fenster um Fenster bis er wegen der nahenden Mittagspause immer schneller wurde. Dabei passierte ihm ein folgenreicher Fehltritt: Eine Holzdiele schnellte nach oben und rauschte anschließend durch das splitternde Dach samt Putzeimer auf die darunterstehende Druckmaschine. "Schon stand nicht nur die einzelne Maschine, sondern die ganze Druckerei still", so Pühn. "Alle kamen gelaufen um sich das Unglück anzusehen." Doch die erwartete Standpauke blieb aus. "Sie waren scheinbar alle froh, das nicht mehr passiert war", mutmaßt Pühn.

Aber er erinnert sich auch an besonders schöne Stunden, wie den Tag, als er nach einigen Überstunden am sonst arbeitsfreien Samstag mit seinem Mitlehrling Johann zum Mittagessen ins Rother Gasthaus Jägerheim geschickt wurde. Aus der "Kleinigkeit zu Essen", die der Chef zum Dank für die Überstunden genehmigt hatte, wurde eine Suppe als Vorspeise, Lendchen mit Spätzle als Hauptgericht und schließlich Vanilleeis mit Himbeeren zum Nachtisch. "Dann haben wir uns gedacht, dass zum Abschluss ein Cognac gut wäre und haben uns einen Hennessy bestellt." Der Chef fand den Ausflug mit Blick auf die Rechnung weniger vergnüglich. "Es war das letzte Mal, das irgendwer zum Essen eingeladen wurde", sagt Pühn.

So arbeitet er sich in dem Buch langsam bis zur Gesellenprüfung vor und vermittelt dabei ganz nebenbei, wie die Arbeit eines Schriftsetzers aussah. Werner Tiehl steuerte ein paar Zeichnungen bei, um die Fehltritte des Lehrlings wie den Fehltritt beim Fensterputzen zu illustrieren. Die besonders interessanten alten Aufnahmen werden von aktuellen Fotos aus Museen ergänzt, die alte Setzkästen genauso zeigen wie den sogenannten Winkelhaken, der zum Einlegen der Bleilettern genutzt wurde. Außerdem beschreibt Pühn in einem kurzen Glossar die auch heute im Buchdruck noch gewöhnlichen Formulierungen vom Blocksatz über Majuskel und Minuskel bis hin zum Zwiebelfisch.

"Es ist ein lehrreiches Buch für jeden, der Drucksachen produziert", sagt Stengl und fügt schmunzelnd hinzu: "Und für jeden, der meint, er muss ein Prospekt selbst machen."

Das Buch "Das Brot des Schriftsetzers" von Hans Pühn ist im Landratsamt Roth und im Hilpoltsteiner Haus des Gastes zum Preis von 13,80 Euro erhältlich. Zudem kann man das 132-seitige Werk unter der ISBN-Nummer 978-3-9815571-5-2 im Buchhandel bestellen.
 
Kai Bader
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