Mittwoch, 15. August 2018
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Bewegende Uraufführung des Musikdramas "Oasen der verwüsteten Kinder" in der Rebdorfer Pfarrkirche

Verstörende Klangwelten

Eichstätt
erstellt am 12.06.2018 um 17:51 Uhr
aktualisiert am 16.06.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Eichstätt (EK) Der Ort war symbolisch und hätte nicht besser gewählt sein können: Ausgerechnet in der schmuck restaurierten Pfarrkirche Sankt Johannes in Rebdorf fielen am Samstag schreckliche Worte und ließen sich musikalische Töne hören, die weder Harmonie noch Feierabendruhe verbreiteten, sondern schrill die Stille des Kirchenschiffs durchschnitten.
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Freude über die gelungene und bewegende Premiere des Musikdramas: Engelbert Groß (links) und der musikalische Leiter des Musikdramas Steven Heelein (rechts) präsentierten sich mit den professionellen Sprechern und Instrumentalisten sowie den jungen Rebdorfer Helfern nach der Aufführung in Sankt Johannes.
Freude über die gelungene und bewegende Premiere des Musikdramas: Engelbert Groß (links) und der musikalische Leiter des Musikdramas Steven Heelein (rechts) präsentierten sich mit den professionellen Sprechern und Instrumentalisten sowie den jungen Rebdorfer Helfern nach der Aufführung in Sankt Johannes.
Foto: Kusche
Eichstätt
Erholung und Ruhe passten auch nicht zu den grausamen, verstörenden Lebensrealitäten philippinischer Kinder, die der emeritierte Eichstätter Theologe Engelbert Groß (Text) und der Komponist und Kirchenmusiker Steven Heelein aus Bamberg (Musik und Leitung) in ihrem "Drama für Sprecher und Instrumentalisten" kongenial inszenierten.

Doch genau hier trafen sich Kunst und Kirche, Katholische Universität und die päpstliche Enzyklika "Laudato si'", denn das aufgeführte Sprechschauspiel präsentierte - von vier professionellen Schauspielern gesprochen und von vier Musikern begleitet - kaum erträgliche Kinderschicksale auf der Straße, im Gefängnis und an anderen düsteren Orten, die wir Europäer gerne ausblenden. Am Samstagabend war dies jedoch nicht möglich, denn die Klage der Armen und Missbrauchten wurde nach den einführenden Worten von Engelbert Groß zum bestandenen Härtetest für Kirche und Universität: Denn was würden eine Katholische Universität und die Kirche taugen, wenn nicht in ihr der Schrei der Schöpfung und nach Menschlichkeit ertönen darf? , fragte der Eichstätter Theologe.

Und dieser Schrei der geschundenen Kreatur ertönte dann auch - stimmgewaltig und unbarmherzig - in teilweise schwer erträglichen Wortkaskaden und im Kanon- und Chorsprechen, in ausdrucksstarker Diktion und im leisen, fließenden Ineinandersprechen, vor allem aber immer wieder als deutlich akzentuierte Einzelstimme der vier brillanten Sprecher Rebecca Hollweck, Christopher Maschek, Anne Rosenberger und Carolin Sabath.

Zunächst waren es lange Textabschnitte, in denen das Publikum in der fast vollbesetzten Rebdorfer Kirche buchstäblich durch die Wüste marschieren musste - auch musikalisch. Die Texte waren schonungslos und die variantenreiche musikalische Begleitung (vom Orgelsolo bis hin zu Kompositionen für Violine, Klarinette, Orgel und Bariton) setzten die Hoffnungslosigkeit, Angst und Wut angesichts der Gewalt, denen die Kinder hilflos ausgeliefert sind, auch grandios und düster in Szene (besonders beeindruckend: Bariton Marlo Honselmann).

Es geht zunächst um "Kinderwelten", in denen 13-jährige Mädchen durch scheinbar freundliche Männer nach Manila gelockt werden, um dann zur Kinderprostitution gezwungen zu werden. Die Spirale aus Bandenkrieg, Kleinkriminalität, Prostitution, Drogen und Gewalt führt viele Jungen indes in den "Knast" und damit in die Hölle auf Erden. Denn hier teilen sie sich eine Zelle mit Vergewaltigern, und die Wärter schauen einfach weg, schlagen oder brüllen sadistisch: "Quäl dich, du Sau! " Das Allerschlimmste aber ist die Langeweile, zu der die Kinder hier verdonnert sind - ohne Perspektive auf eine baldige Gerichtsverhandlung: ein "Alp-Traum" eben.

Freilich gibt es in dieser Wüste auch Oasen. Musikalisch waren diese mit Bibeltexten unterlegt und boten immer wieder Gelegenheit, nach den Textdarbietungen für einen Moment eine Reflexionsebene zu betreten und das Gehörte innerlich zu verarbeiten: Worte wie "Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir", "Herr, eil mir zu Hilfe! " oder "Responde mihi! " stammen ursprünglich aus den "Improperien" oder "Heilandsklagen", die seit dem Mittelalter am Karfreitag ertönten und für die Menschen Hilfe und Stütze bedeuteten. In diese geistliche Tradition soll sich die Oasen-Musik nach der Intention des musikalischen Leiters Steven Heelein einfügen.

Im Text ergaben sich Oasen für die misshandelten Kinder in Person der katholischen Sozialarbeiterin Sheila, die von außen durch die Gitterstäbe des Gefängnisses blickt und möglichst viele Jungen aus diesen grausamen Verhältnissen befreit. Sie ist es im musikalischen Drama auch, die die entscheidende Frage in jedem der Kinder weckt: "Ist da einer, dem ich etwas wert bin? " Ein neues Leben in Wertschätzung und Geborgenheit führen die befreiten Kinder dann in den von Bougainvillea üppig umrankten "Boy's Home" und "Girl's Home" der PREDA-Stiftung in Olóngapo, wo der irische Pater Shay Cullen (Shalom-Preisträger 2017) idyllische Stätten der Ruhe, Zuwendung und des Rückzugs geschaffen hat. Hier können die "verwüsteten" Kinder wieder durchatmen und sich neu orientieren. Symbolisch und ökonomisch zeigt der Mango-Baum die neue Aussicht auf Hoffnung, denn dessen Früchte bilden die wirtschaftliche Grundlage der Fairhandelsorganisation PREDA, die Cullen ins Leben gerufen hat, und er steht auch tatsächlich auf dem Gelände der Kinderheime.

Die Zuhörer wurden an diesem Abend stark gefordert: Die Konfrontation mit derart düsteren Lebenswirklichkeiten von Kindern ist nur schwer zu ertragen. Und doch legten die Texte und die Musik nicht nur den Finger in Wunden, sondern brachten auch Licht ins Dunkel. Es ging um die elementare Frage nach dem Wert eines jeden Menschen, die am Ende positiv beantwortet wird: Ja, es gibt durchaus viele, die Interesse am Schicksal scheinbar verlorener philippinischer Kinderseelen zeigen. Neben den spendenfreudigen Zuhörern in Rebdorf und vielen engagierten Unterstützern von PREDA darf man hier getrost auch den Schirmherrn der Veranstaltung, Oberbürgermeister Andreas Steppberger, sowie den Sponsor des Musikdramas, den Pfaffenhofener Unternehmer Claus Hipp, nennen.
Dagmar Kusche
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