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Die Lithografie-Künstlerin Jodi Le Bigre eröffnete ihre Ausstellung "Zitrus Früchte Sterben"

Sozialkritischer Blick der Druckkunst

Eichstätt
erstellt am 05.12.2018 um 17:59 Uhr
aktualisiert am 08.12.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Eichstätt (EK) Eindrucksvolle Stillleben von Früchten aus aller Welt, bunte Reigen dekorativ angeordneter Zitrusfrüchte, daneben kunstvoll drapierte Obstnetze von Orangen und Zitronen - es ist eine beeindruckende Vielfalt faszinierender Lithografien mit einem außergewöhnlichen Themenschwerpunkt. Am Freitagabend eröffnete Jodi Le Bigre, Gastkünstlerin aus Edinburgh, ihre Ausstellung "Zitrus Früchte Sterben".
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40 Gäste, darunter auch Oberbürgermeister Andreas Steppberger, waren in die Lithographie-Werkstatt gekommen. Schon lange nicht mehr hatten die Gäste einer Vernissage bei Li Portenlänger eine nähere Erläuterung eines Ausstellungstitels mit solch großer Spannung erwartet wie am Freitagabend: "The Great Citrus Extinction" - diese geheimnisvolle Überschrift hatte die erfolgreiche junge Malerin und Druckkünstlerin Jodi Le Bigre für ihre Ausstellung gewählt.

"Jodi Le Bigre ist es gelungen, uns eine wunderbare Zusammenschau großartiger künstlerischer und handwerklicher Arbeit und hintersinniger Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen unserer Zeit - des Klimawandels und des Artensterbens - zu bieten", so führte der Eichstätter Kunsthistoriker Gernot Lorenz in das künstlerische Werk der Druckgraphikerin ein. Inspiriert durch den Prachtband des "Hortus Eystettensis" von 1613, habe die Künstlerin für ihre diesjährige Ausstellung und den Jahresdruck 2018 insbesondere Zitrusfrüchte in den Fokus genommen, die nicht nur eine jahrtausendealte Vergangenheit mit Ursprung in Ostasien, sondern schon immer eine herausragende kulturelle Bedeutung hatten, so Lorenz. Schon für den ersten römischen Kaiser Augustus (63 vor Christus bis 14 nach Christus) stand die damals bekannte Zitronat-Zitrone für die Wiederkehr des "Goldenen Zeitalters" und symbolisierte Wohlstand, Frieden und Paradies.
Im Mittelpunkt der Ausstellung der schottischen Künstlerin Jodie Le Bigre (2. von links) stehen Lithographien rund um das Thema Zitrusfrüchte, die sie zusammen mit Kunsthistoriker Gernot Lorenz (links), Gastgeberin Li Portenlänger und Oberbürgermeister Andreas Steppberger am Freitagabend präsentierte. Im komplizierten Mezzotinto-Verfahren auf einer Kupferplatte fertigte Jodi Le Bigre hier eindrucksvoll ihr Kunstwerk ?Citrus Aurantium Bizzaria? an (unten links). Diese große Vielfalt hat der schot
Im Mittelpunkt der Ausstellung der schottischen Künstlerin Jodie Le Bigre (2. von links) stehen Lithographien rund um das Thema Zitrusfrüchte, die sie zusammen mit Kunsthistoriker Gernot Lorenz (links), Gastgeberin Li Portenlänger und Oberbürgermeister Andreas Steppberger am Freitagabend präsentierte. Im komplizierten Mezzotinto-Verfahren auf einer Kupferplatte fertigte Jodi Le Bigre hier eindrucksvoll ihr Kunstwerk "Citrus Aurantium Bizzaria" an (unten links). Diese große Vielfalt hat der schottische Handel an Zitrusfrüchten zu bieten: "Scottish Citrus" ist dieLithographie betitelt (unten rechts).
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Auf diese Symbolik griffen schließlich auch die Herrscher des Barocks in ihren Orangerien und Prachtgärten voller Pomeranzen, Orangen-, Zitronen- und anderen exotischen Bäumen zurück, erklärte Lorenz: "Jodi Le Bigre präsentiert uns in ihren Lithographien einen Reigen exotischer Früchte, die für uns heute rund um das Jahr völlig selbstverständlich sind", betonte Lorenz.

Ohne erhobenen Zeigefinger gelinge es der Künstlerin auf einzigartige Weise in ihren Lithographien, verschiedene Fragen in den Raum zu stellen, die heute keinen unberührt lassen könnten: Ist es notwendig, dass wir wirklich rund um das Jahr Früchte aus der ganzen Welt verzehren, die auf enorm langen Wegen transportiert werden müssen?, so müsse der Betrachter des faszinierenden Drucks "Scottish Citrus" zwangsläufig fragen, bei dem nicht nur ein scheinbar harmloses Stillleben verschiedenster Früchte, sondern in antiken Schriftzügen auch deren lateinische Bezeichnung, der Handelsname sowie die Einkaufsorte mit den Namen großer Supermarktketten zu sehen ist. Wer weiß genau, wie lange diese Früchtevielfalt noch für uns erhalten bleibt?, diese Frage scheint das Bild ebenso aufzuwerfen. Und gehört die Kulturgeschichte der Aneignung von Früchten zu unserem Selbstverständnis wie einst die Kolonialisierung fremder Länder? Welche Reste von Zitrusfrüchten und deren Verpackung, den Obstnetzen, werden Forscher in vielen Millionen Jahren vielleicht einmal von uns vorfinden?, dies frage sich der Bewunderer der zahlreichen eindrucksvollen Lithographien kunstvoll drapierter Obstnetze, die Jodi Le Bigre mitsamt des dazugehörigen Produktzettels als Motiv auswählte. "Kunst muss nicht, aber sie kann gesellschaftskritisch sein", resümierte Lorenz abschließend. "In einer Welt, die durch Klimawandel stark bedroht ist und auch weltwirtschaftlich durch Entscheidungen wie dem Brexit Veränderungen erfährt, ist es gut, wenn Kunst, so wie bei Jodi Le Bigre, hintergründig sozialkritische Aspekte vermittelt."
 
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Auch Oberbürgermeister Andreas Steppberger nahm in seinen Grußworten Bezug zur aktuellen Ausstellung, die er als abschließenden "Höhepunkt des zwanzigjährigen Jubiläums der Lithographie-Werkstatt" im Jahre 2018 erachtete: "Die einzigartige Ausstellung weist nicht nur mit ihrem Titel, sondern auch in den herausragenden Kunstwerken in vielfältiger Weise auf das besorgniserregende Ausmaß von Klimawandel und maßlosem Konsumverhalten hin", so Steppberger. Seinen Dank für das zwanzigjährige Engagement richtete Steppberger schließlich an Li Portenlänger, die mit ihrer Lithographie-Werkstatt nicht nur den "Geist des Ortes", sondern mit wunderbaren Künstlern aus aller Welt vor allem den "Geist der Lithographie" in der Heimat des Drucksteins bewahre, die geradezu zugeschnitten für diese Kunstform sei: "Li Portenlänger hat den Namen Eichstätts durch die Lithographie-Kunst in alle Welt hinausgetragen", betonte der Oberbürgermeister. Mit Blick auf die imposante Lithographische Sammlung der Stadt Eichstätt, die seit nunmehr 20 Jahren im Hofgarten kompetent bewahrt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werde, dankte er Jodi Le Bigre insbesondere für ihren Jahresdruck 2018, "November Frucht", der drei kunstvoll arrangierte Zitrusfrüchte präsentiert.

Auf begeisterte Reaktionen der Gäste stießen auch die im Nebenraum der Werkstatt ausgestellten Objekte - imposante Lithosteinbrocken, auf denen Le Bigre Teile von Obstnetzen gedruckt hat. Auch die in Scheiben geschnittene Zitrone, die die Künstlerin auf Seide gedruckt hat, fand großes Lob. "Le Bigre gelingt es immer wieder, ihre künstlerischen Themen auf sehr hintersinnige Weise und spielerisch-leicht, ohne Vorwurf und Zeigefinger, zu präsentieren", so fasste es Kunsthistoriker Lorenz abschließend zusammen.

Die Ausstellung von Jodi Le Bigre in der Pfahlstraße 25 ist noch bis einschließlich 24. Dezember jeweils Mittwoch, Donnerstag und Freitag von 16 bis 18 Uhr und Samstag und Sonntag von 11 bis 13 Uhr zu sehen.
Dagmar Kusche
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