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Drei Stunden lang präsentierten sich am Donnerstag neun der zehn Landkreis-Direktkandidaten für die anstehende Landtagswahl auf der Bühne des Gutmannsaals in Eichstätt. Schwerpunkte der Diskussion waren die Themen Landwirtschaft, Bildung, Soziales sowie Verkehr und Digitalisierung. Von Julian Bird

"Demokratie ist anstrengend"

erstellt am 14.09.2018 um 17:49 Uhr
aktualisiert am 19.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Drei Stunden lang präsentierten sich am Donnerstag neun der zehn Landkreis-Direktkandidaten für die anstehende Landtagswahl auf der Bühne des Gutmannsaals in Eichstätt. Schwerpunkte der Diskussion waren die Themen Landwirtschaft, Bildung, Soziales sowie Verkehr und Digitalisierung.
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Vermutlich hätte Gastgeber Adalbert Lina zu jedem der Themen, die am Donnerstagabend von den neun Kandidaten bei der Podiumsdiskussion im Gutmannsaal besprochen werden sollten, einen eigenen Abend veranstalten können. Von einem "Strauß an Themen" sprach deshalb Moderator Stephan Zengerle zwischenzeitlich, während er versuchte, die Balance zwischen seinen Fragen an die Kandidaten, Beiträgen der versammelten Politiker im Saal und Wortmeldungen aus dem Publikum zu halten. Kein einfaches Unterfangen.

In einem großen Halbkreis präsentierten sich am Donnerstagabend neun von zehn Direktkandidaten für den Landkreis Eichstätt im Gutmannsaal. Stephan Zengerle (Mitte) moderierte die Veranstaltung.
In einem großen Halbkreis präsentierten sich am Donnerstagabend neun von zehn Direktkandidaten für den Landkreis Eichstätt im Gutmannsaal. Stephan Zengerle (Mitte) moderierte die Veranstaltung.
Bird
Beachtliches vorneweg: Das Thema Migration und Flüchtlinge kam lediglich in zwei Abschlussplädoyers zur Sprache, was dem Abend angesichts der aktuellen öffentlichen Debatte vermutlich viele so nicht zugetraut hätten. Deutlich wurde dagegen, welche Themen sowohl die Politiker auf der Bühne als auch die etwa 130 Zuhörer im voll besetzten Saal umtreiben. Denn anstatt über Zuwanderung und Asyl zu debattieren, hießen die Schwerpunkte Ökologie und Landwirtschaft, Bildung, Digitalisierung, Verkehr und Soziales.
Der voll besetzte Saal von der Bühne aus.
Der voll besetzte Saal von der Bühne aus.
Bird



Zunächst, so gab es der Veranstalter vor, erhielten alle neun Kandidaten die Möglichkeit, sich selbst vorzustellen und ihre politischen Schwerpunkte zu präsentieren und zwar der zuvor ausgelosten Reihe nach. So mancher Kandidat strapazierte das "drei- bis vier"-minütige Rederecht, was allerdings mit kurzen Wortbeiträgen einiger Konkurrenten kompensiert wurde, so dass Moderator Zengerle keinen Anlass sah, einzugreifen.

So ging es direkt und ohne Vorwarnung in den ersten Themenblock, den Zengerle seinen Gästen vorgab: Wirtschaft. "Wir müssen uns um die Menschen kümmern", forderte der Linke-Kandidat Dominik Eigner sogleich. Die Zukunftsplanung sei für viele Menschen schwierig, bei der Nachfrage zu konkreten Umsetzungen musste der Polit-Neuling zu seinem eigenen Bedauern passen, was er allerdings im Lauf des Abends nachzuholen versuchte. Eva Gottstein (FW) stellte klar: "Das meiste sind bundespolitische Themen", konkret auf Bayern gemünzt forderte sie jedoch den Abbau von Bürokratie, die Abschaffung von Befristungen bei Lehrkräften sowie den Breitbandausbau zu forcieren. "Wir müssen die Rahmenbedingungen schaffen, dass Leute gerne nach Bayern kommen", umschrieb Tanja Schorer-Dremel (CSU) ihren Auftrag. Sie mahnte die Kontrahenten jedoch auch "mal aus dem Fenster zu schauen", was wirtschaftlich bisher alles erreicht worden sei. Dem viel geforderten Bürokratieabbau, etwa von AfD-Kandidat und BWL-Student Oskar Lipp ("viel wird von Brüssel herunterdiktiert") schob Schorer-Dremel einen Riegel vor: "Bürokratieabbau spricht sich immer so leicht." Lipp hielt sich an diesem Abend abgesehen von (Land-)Wirtschaftsthemen weitgehend aus der Diskussion heraus und reagierte eher ausweichend ("Das müssen Sie nachgoogeln") auf kritische Nachfragen aus dem Publikum. "Es blickt niemand mehr durch", stellte der Bayernpartei-Kandidat Wolfgang Distler in Bezug auf die EU fest. Sein taktisches Mittel der Wahl waren vor allem kurze Statements ("Ich finde den Brexit gut!"). Der Gewerkschafter und SPD-Kandidat Christian De Lapuente forderte indes: "Wir brauchen ein Tariftreue-Gesetz." Der Mindestlohn sei zudem zu niedrig. Die "Leiharbeit" kritisierte Dominik Eigner von der Linken. Klaus Bittlmayer (Grüne), der ein flammendes Plädoyer für die EU hielt (dem sich die meisten anderen Kandidaten anschlossen), sorgte zwischenzeitlich für einen Lacher: Er brachte die Legalisierung von Cannabis als neuen Wirtschaftszweig ins Spiel. "Das Kraut" solle endlich geraucht werden dürfen.


Den optimistischen Plan, Politikfelder blockweise abzuhandeln, musste Moderator Zengerle schon früh aufgeben. So wurden unterschiedliche Themen - auch auf Grund zahlreicher Wortmeldungen aus dem Publikum - wild durcheinander abgehandelt. Digitalisierung und Bildung etwa wurden im Einklang diskutiert - Stichwort iPad im Klassenzimmer. ÖDP-Kandidatin Maria Lechner forderte ein "Recht auf analoge Kindheit", ohne auf Laptop und Co. zu verzichten. "Bildung ist der Schlüssel für ein selbstbestimmtes Leben", sagte FDP-Mann Thomas Schön. Auch Bauernhöfe gehörten sich digitalisiert, forderte er - zum Breitbandausbau stellte er fest: "Digitalisierung geht auch in Ochsenfeld!" Einen Anflug von Hitzigkeit gab es beim Lehrermangel, bekanntlich sind mehrere Teilnehmer der Runde ausgewiesene Pädagogik-Experten. Schorer-Dremel sah sich in der Defensive und lieferte sich einen kurzen Schlagabtausch mit Eva Gottstein - ansonsten blieb die Diskussion ruhig und: immer fair.

Auch die Landwirtschaft wurde intensiv diskutiert, die ÖDP-Kandidatin Lechner brachte ihr Steckenpferd, die Ökologie, so oft es ging zur Sprache ("Weniger Fleischproduktion muss sich lohnen!"). Beim Thema ÖPNV forderten die linksorientierten Parteien kostenlose Bus- und Bahnfahrten, der Individualverkehr solle eingeschränkt werden. Oskar Lipp (AfD) stellte dem das Prinzip Angebot und Nachfrage entgegen und verurteilte Dieselverbote. Mehr Geld für verschiedene Sozialthemen und Bildung verlangten SPD, Linke, ÖDP und Grüne. Angesichts der Kosten mahnte Schorer-Dremel: "Man muss auch mit den Konsequenzen leben." Schließlich brachte ein Gast ein Thema auf, das einige Protagonisten,vor allem die, die bereits politischen Gremien angehören, in Wallung brachte: das drohende Aus des Juramuseums. Dass es die Schließung zu verhindern gilt, dem stimmten alle bis auf Lipp (kein Wortbeitrag) und Distler ("Man muss hin und wieder Abstriche machen") teils mehr, teils weniger energisch zu. Ob der FW-Antrag im Landtag nun geschadet oder geholfen hat, darüber wurden sich die beiden Abgeordneten Eva Gottstein (FW) und Tanja Schorer-Dremel (CSU) auch auf diesem Podium nicht einig. Nach einigen Abschlussplädoyers und einem Beitrag vom enttäuschten Die-Partei-Kandidaten Felix Tischer (er war nicht eingeladen) beendete Stephan Zengerle den Abend nach knapp drei Stunden sichtlich erschöpft. "Demokratie ist halt anstrengend", verkündete er schmunzelnd. Bert Lina freute sich über 400 Euro Spenden für wohltätige Zwecke, die beim kostenlosen Auftritt der Hitzhofener Band Echd zusammenkamen.
 

DIE KANDIDATEN KURZ ZITIERT

Maria Lechner, ÖDP:
Maria Lechner
Bird
„Mensch vor 
Profit! Wer mehr verbrauchen will, muss mehr bezahlen.“


Tanja Schorer-Dremel, CSU:
Tanja Schorer-Dremel
Bird
„Ich möchte Probleme weiterbringen und Netzwerker sein. Wir wollen, dass Politik begreifbar ist.“ 

Klaus Bittlmayer, DIE GRÜNEN:
Klaus Bittlmayer
Bird
„Wir müssen beim Klimaschutz schleunigst was tun. Für ein menschenfreundliches und faires Bayern.“ 
 
Wolfgang Distler, Bayernpartei:
Wolfgang Distler
Bird
„Politik ist oft das Problem und nicht die Lösung. Für das Recht, in Ruhe gelassen zu werden.“ 

Thomas Schön, FDP:
Thomas Schön
Bird
„Bildung ist die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. Leben und Leben lassen!“

Christian De Lapuente, SPD:
Christian De Lapuente
Bird
„Bayern geht es gut, aber nicht allen in Bayern! Wir wollen das Tariftreue-Gesetz einführen.“

Dominik Eigner, DIE LINKE:
Dominik Eigner
Bird
„Die Digitalisierung ist ein Gleichmacher. Sie bietet nicht nur Chancen, sondern auch Gefahren.“
 
Eva Gottstein, FREIE WÄHLER:
Eva Gottstein
Bird
„Wir sind der Anwalt der Kommunen. Die absolute Mehrheit der CSU hat nicht gut getan.“

Oskar  Lipp, AfD:
 Oskar Lipp
Bird, Julian, Ingolstadt
„Eine Demokratie muss andere Meinungen aushalten. Wir müssen die Innere Sicherheit wieder herstellen.“
 

Kommentar von Julian Bird

Dass  einige Besucher keinen Platz mehr bekamen, ist zwar bedauerlich, doch es zeigt auch: Die Landkreisbürger wollen an der politischen Diskussion teilhaben. Und das ist ein positives Signal für die anstehende Landtagswahl. Über das Format der Veranstaltung lässt sich sicherlich streiten, denn der rote Faden wurde im Verlauf der Debatte immer dünner. Das war vor allem den Beiträgen aus dem Saal  geschuldet. Dennoch ist es wichtig und folglich richtig, dass den Zuhörern Redezeit eingeräumt wurde, um die Themen, die ihnen auf den Nägeln brennen, einzubringen. Denn so funktioniert Demokratie.  Das Gefälle der Qualität der Beiträge der Protagonisten war bisweilen groß, was unter anderem an der unterschiedlichen  politischen Erfahrung liegen dürfte. Wer  seit Jahren auf kommunaler und Landesebene politisch zuhause ist, ist klar im Vorteil. Markante Sprüche auf Wahlplakaten oder Umfrageergebnisse funktionieren auf einer kleinen Wirtshausbühne nun mal nicht. 
 
Julian Bird
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