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Die Uhr tickt: Wenn nicht bald ein neuer Träger gefunden wird, dann gehen am 31. Dezember in dem weltbekannten Jura-Museum auf der Eichstätter Willibaldsburg die Lichter aus. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Was verloren ginge

Eichstätt
erstellt am 14.08.2018 um 17:54 Uhr
aktualisiert am 19.08.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Eichstätt (DK) Seit der Regens des Bischöflichen Priesterseminars, Michael Wohner, am 7. Juni die Kündigung der Trägerschaft des Jura-Museums an Bayerns Wissenschaftsministerin Marion Kiechle hat zustellen lassen, läuft der Countdown.Während hinter den Kulissen auch auf politischer Ebene noch um Lösungen gerungen wird, soll hier einmal ganz bewusst beleuchtet werden, welches ebenso wissenschaftliche wie touristische Juwel der Stadt Eichstätt und dem Naturpark Altmühltal verloren ginge, wenn die Rettung nicht gelingen sollte.
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Star der Ausstellung ist der Archaeopteryx. Doch auch das Korallenaquarium und die detailreichen Fischfossilien aus der Forschungsgrabung Ettlingen sind Publikumsmagneten.
Star der Ausstellung ist der Archaeopteryx. Doch auch das Korallenaquarium und die detailreichen Fischfossilien aus der Forschungsgrabung Ettlingen sind Publikumsmagneten.
Fotos: Chloupek
Eichstätt




Die Fossilien beleuchten anschaulich die Evolutionsgeschichte und nehmen die Besucher - 43264 waren es im vergangenen Jahr - mit auf eine Zeitreise rund 150 Millionen Jahre in die Vergangenheit, in der das heutige Altmühltal als tropische Insel-, Riff- und Lagunenlandschaft von Fischsauriern und Krokodilen, Korallenfischen und Krebsen, Insekten und Flugsauriern bevölkert war. Das Jura-Museum widmet sich den weltbekannten Fossilienfundstellen der Solnhofener Plattenkalke, die durch die intensive Steinbruchtätigkeit in der Region zwischen Eichstätt und Solnhofen zutage gefördert wurden und noch werden, und gilt unter Experten als eines der besten paläontologischen Museen weltweit, wie auch Zitate internationaler Gäste zeigen.
 
Fotos: Chloupek
Eichstätt

 
Fotos: Chloupek
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Hinter der Ausstellung steht die weltweit größte Sammlung von Fossilien der Solnhofener Plattenkalke, die im Besitz des Bischöflichen Priesterseminars ist und bleibt. Dessen Naturkundesammlung wird im kommenden Jahr 175 Jahre alt. Ganz in jesuitischer Tradition gehörte die Naturkunde und Naturphilosophie zur Priesterausbildung. Gott sollte nicht nur in der Heiligen Schrift, sondern auch im "Buch der Natur" als Gottes Schöpfung gesucht und gefunden werden. Über diese Sammlungshistorie selbst lassen sich eigene Geschichten schreiben. Jedenfalls entfiel 1968 mit einer neuen theologischen Studienordnung der Philosophisch-Theologischen Hochschule die Naturkunde zugunsten von Religionspädagogik. Die naturkundlichen Sammlungen verloren damit ihre Funktion für die Hochschule.
Die Evolution der Vögel hat nach dem Aussterben der Saurier in der Kreidezeit vor rund 65 Millionen Jahren kurios anmutende Geschöpfe wie den Gastorrnis gigantaeus (oben links) entwickelt. Auch im Hauptsaal, in dem Fossilien des Jurameers zu sehen sind (großes Bild) werden die Exponate mit Modellen ergänzt und veranschaulicht.
Die Evolution der Vögel hat nach dem Aussterben der Saurier in der Kreidezeit vor rund 65 Millionen Jahren kurios anmutende Geschöpfe wie den Gastorrnis gigantaeus (oben links) entwickelt. Auch im Hauptsaal, in dem Fossilien des Jurameers zu sehen sind (großes Bild) werden die Exponate mit Modellen ergänzt und veranschaulicht.
Fotos: Chloupek
Eichstätt



Auf der Suche nach einem neuen Zweck forcierte Professor Franz Xaver Mayr seine schon seit den 1930er-Jahren gehegte Idee vom öffentlichen Museum, das dann 1976 - zwei Jahre nach Mayrs Tod - als Kooperation zwischen den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns und dem Bischöflichen Seminar eröffnet wurde.
 
Fotos: Chloupek
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Mayr (1887 bis 1974) war Botaniker und Priester. Er hatte die Sammlung mit Hauptaugenmerk auf die Plattenkalkfossilien ausgebaut und kaufte zahlreiche, wissenschaftlich bedeutsame Fossilen auf, darunter auch das Eichstätter Archaeopteryx-Exemplar, das noch heute berühmteste Fossil und Herzstück des 2006 neu gestalteten Archaeopteryx-Saals. Dort erzählt das Museum die Geschichte der Vogelevolution von den befiederten Raubdinosauriern zu den modernen Vögeln. Interaktiven Ausstellungselemente, Modelle, Experimente und digitale Lernprogramme führen die Besucher in die physikalischen Geheimnisse des Vogelflugs ein. Sie erfahren, welche physikalischen Voraussetzungen für das Fliegen bestehen und wie die Biokonstruktion Vogel auf diese Erfordernisse reagiert hat. Dabei soll ihnen verdeutlich werden, dass sich eine ganze Reihe von Merkmalen direkt aus der Optimierung des Flugvermögens entwickelt hat, andere wichtige Merkmale sich jedoch bereits in der biologischen Grundausstattung der Dinosauriervorfahren der Vögel finden, deren - quasi - Zweckentfremdung dann den Weg zur Vogelwerdung überhaupt erst ermöglichte.
 
Fotos: Chloupek
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Den Wissenshorizont erweitern dazu schließlich Vergleiche mit anderen fliegenden Tieren, die aufgrund ihrer biologischen, genetischen Grundausstattung völlig andere Wege zum Flug gegangen sind: Flugsaurier waren lange sehr erfolgreiche Biokonstruktionen, deren beste Fossilien aus der Region Eichstätt stammen. Rekordverdächtig ist ein Skelettmodell eines kreidezeitlichen Flugsaurierriesen, das mit elf Metern Spannweite unter der Decke hängt und nahezu den gesamten Ausstellungsraum ausfüllt. Geradezu winzig sind dagegen Fledermäuse. Diese agilen, nachtaktiven Säugetiere sind evolutionsgeschichtlich Neulinge in den Lüften - sie können "erst" seit etwa 52 Millionen Jahren fliegen -, während ihre Beute, die Insekten, bereits 325 Millionen Jahre Flugerfahrung hinter sich haben.

Auch das Museum selbst hat sich ganz im Sinne der Evolution unter dem Gründungsdirektor Günter Viohl und ab 2003 seiner Nachfolgerin Martina Kölbl-Ebert immer weiter entwickelt. Zur Eröffnung 1976 hatte der international bekannte moderne Architekt und Diözesanbaumeister Karljosef Schattner (1924 bis 2012) die Räume gestaltet: Die Fossilien wurden in ästhetisch sehr ansprechender, nahezu künstlerischer Hängung gezeigt. Im Laufe der Jahrzehnte änderten sich jedoch die Sehgewohnheiten und die pädagogischen Anforderungen. Deshalb stellte der neu eröffnete Hauptsaal 2010 die Fossilien in ihren ökologischen Kontext: Die verschiedenen Lebensräume dieser urzeitlichen Flora und Fauna auf den Inseln und im Meer von den Lagunen und Weichböden über die Riffe bis hin zum offenen Ozean sind seitdem ein wichtiger Aspekt der Ausstellung. Am Beispiel der Fische, Tintenfische und Meeresreptilien zeigt sie darüber hinaus allgemeingültige, physikalische Gesetzmäßigkeiten, in deren Rahmen sich die Evolution der Schwimmer im Tierreich abspielt. Lebendmodelle und interaktive Ausstellungselemente ergänzen die Betrachtung.

Neben den Fossilien zeigt das Jura-Museum ein lebendes Korallenriff. Eine ausgefeilte Wassertechnik steckt hinter dem Mikrokosmos der Schauaquarien. Riffkorallen und andere wirbellose Tiere, farbenfrohe Korallenfische und "lebende Fossilien" wie Pfeilschwanz und Knochenhecht, die sich über Jahrmillionen nicht verändert haben, sind ein lebendiges Modell der bunten Vielfalt von Meeresbewohner, wie es sie zur Jurazeit in der Eichstätter Region gegeben hat. Gleichzeitig sollen die Korallenaquarien ein Fenster zu einem der artenreichsten, aber auch am meisten gefährdeten Lebensräume unserer Erde sein.
Ergänzt werden die Aquarien durch eine 2011 eingeweihte Ausstellung über Riffe im Laufe der Erdgeschichte, die diesen artenreichen Lebensraum durch die evolutionären und ökologischen Veränderungen der Erdgeschichte begleitet und den Hauptsaal mit dem Aquarienraum verbindet.

Riffe sind ein Nebengestein der Solnhofener Plattenkalke. Meist sind es Schwamm-Mikroben-Riffe des tieferen Wassers, es gibt aber auch kleine Korallenriffe. Sie sind aufgebaut aus den Skeletten und Schalen ihrer Erbauer und vieler ihrer Bewohner; Riffgestein ist daher voller Fossilien. In den Riffen findet man allerdings keine Wirbeltiere, da sie im sauerstoffreichen Milieu der Riffe rasch von Aasfressern verzehrt werden. Da die Versteinerungen in den Plattenkalkwannen keine Vorstellung von der hohen Diversität an Wirbellosen in einem jurazeitlichen Riff bieten, braucht es beides zusammen - also Plattenkalkfossilien und Rifffossilien - für ein einigermaßen objektives Bild vom Leben in den Jurariffen.

Die weitere Entwicklung der Ausstellungsräume und die dringend nötigen Sanierungsarbeiten sind nun wegen finanzieller Unwägbarkeiten auf Eis gelegt. Die Kostenfrage - es stehen 1,5 Millionen Euro an Sanierungskosten sowie rund 100000 Euro an jährlichen Aufwendungen für den Träger im Feuer - war es bekanntlich auch, die das Priesterseminar dazu bewogen hat, die Trägerschaft zum Jahresende abzugeben.

In weiteren Beiträgen zum Jura-Museum soll es um die Historie der Sammlungen, um die Forschung und um die Pädagogik gehen.
Eva Chloupek
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