Mittwoch, 16. Januar 2019
Lade Login-Box.

Zum neuen Buch der Eichstätter Autorin Elisabeth Schinagl

Historischer Wendepunkt

Eichstätt
erstellt am 09.04.2018 um 18:08 Uhr
aktualisiert am 13.04.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Eichstätt (EK) Wenn jemand einen historischen Roman schreibt, muss er die richtige Balance zwischen exakter Recherche und spannender Handlung finden.
Textgröße
Drucken
Genau dies gelingt Elisabeth Schinagl in ihrem neuesten Schmöker "Die geheime Akte des Cassiodor", obgleich der geschichtliche Stoff alles andere als aktuell klingt: Es geht um den Zusammenbruch des Römischen Reiches im 6. Jahrhundert. Die Langobarden erobern weite Teile Italiens, nachdem der Gotenkönig Theoderich ein letztes Mal versucht hat, eine stabile politische, religiöse und soziale Ordnung im Reich herzustellen - und damit gescheitert ist. Sein höchster Beamter Flavius Aurelius Cassiodor erzählt als alter Mann und Augenzeuge rückblickend die dramatischen Ereignisse, die von Machtkämpfen und Ränkespielen bis hin zu Kriegen und religiösem Fanatismus zwischen Katholiken und Arianern reichen.

Seinem Buch gibt er den Titel Liber secretus ("Geheimes Buch") und wendet sich damit an einen imaginären "fernen Leser", für den er die historischen Ereignisse aufzeichnen will, bevor sie dem Vergessen anheim fallen. Zugleich darf dieser Leser dem Schreibprozess des Buches selbst beiwohnen, denn Schinagl konstruiert geschickt eine Rahmengeschichte, die sich episodenartig um die 17 Kapitel des Liber rankt. Cassiodor hat sich nämlich nach den Wirren der Zeit und seinem erzwungenen Exil in Konstantinopel in ein von ihm selbst gegründetes Kloster in Kalabrien zurückgezogen, wo er mit anderen Mönchen versucht, möglichst viele antike Handschriften zu retten, indem er sie kopieren oder aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzen lässt. Das Kloster heißt Vivarium und ist historisch bezeugt, seine Rolle als Bildungsstätte für theologisches und weltliches Wissen fundamental: Einen Großteil der Werke, die von der Antike zu uns gekommen sind, verdanken wir der Überlieferung Cassiodors.

Daneben verfasste Cassiodor auch selbst wichtige Werke, von denen seine "Studienordnung" eine der Voraussetzungen für die abendländischen Universitäten schuf. Genau dieses Buch möchten aus Montecassino angereiste Benediktinermönche auf selbst mitgebrachtes Pergament kopieren, wie die Rahmenerzählung immer wieder einstreut. Zudem erfährt der Leser von gefährlichen Reisen nach Karthago in Nordafrika, von Fischzucht und Landwirtschaft, von Medizin und Ernährung, von den Thermen und den wirtschaftlichen Problemen in einem Kloster des 6. Jahrhunderts. Es ist der akkurate und unaufdringliche Einblick in den Alltag der Mönche, der einen Reiz des Buches ausmacht.

Die blutige Geschichte um das Weströmische Reich, das 554 durch den oströmischen Kaiser Justinian seinen Zusammenbruch erlebte, verteilt sich auf die Binnenkapitel und konzentriert sich auf die Ereignisse um den gebildeten Ostgoten Theoderich, der es schaffte, mehr als 30 Jahre lang für Frieden und Ordnung zu sorgen. Seine Tochter Amalasuntha regierte das Reich danach mehrere Jahre stellvertretend für ihren unmündigen Sohn, konnte aber nicht verhindern, dass sie entmachtet und getötet wurde. Die grausame Eroberung des Reiches durch Justinian und seinen Heermeister Belisar erlebt sie nicht mehr mit, wohl aber der Ich-Erzähler Cassiodor, der bis zuletzt in der königlichen Kanzlei in Ravenna und damit im Zentrum der Macht tätig ist.

Schinagl erhielt den Impuls für diesen historischen Roman durch die prächtigen Mosaiken im Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna. Dass die seit Kurzem als freie Autorin tätige Schriftstellerin nun den Lokalkolorit ihrer bisherigen historischen Romane und Erzählungen ("Francobaldi", "Dreizehn Tage") hinter sich lässt und mit dem Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter einen Wendepunkt der europäischen Geistesgeschichte thematisiert, darf man als Glücksfall sehen. Unterhaltsam und zugleich informativ, sachlich und immer wieder spannend erzählt sie von einer Zeit, ohne die unser heutiges Schul- und Universitätswesen nicht denkbar wären.

Elisabeth Schinagl, Die geheime Akte des Cassiodor. Historischer Roman, Norderstedt 2018 (Books on Demand), 284 Seiten, mit Register und Zeittafel, 12,90 .
Robert Luff
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!