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Das Rauschmittel Cannabis ist in Eichstätt fast überall erhältlich - Jugendliche besonders gefährdet

Eine Verharmlosung?

Eichstätt
erstellt am 10.08.2018 um 17:52 Uhr
aktualisiert am 15.08.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Eichstätt (EK) Der Stoff ist in Eichstätt und Umgebung überall zu haben: Cannabis, die derzeit wohl meistkonsumierte illegale Droge. Ob in geschlossenen Räumen oder auf Plätzen, in Bushäuschen oder "Hüttn". "Jeder, der die Droge haben will, kann sie ohne Probleme bekommen." Das sagt einer, der dem Konsum nach traumatischen Erfahrungen abgeschworen hat, der aber nicht öffentlich genannt werden will.
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Selbst gedrehte Droge: Der Konsum von Cannabis ist in Eichstätt auf dem Vormarsch.
Selbst gedrehte Droge: Der Konsum von Cannabis ist in Eichstätt auf dem Vormarsch.
Foto: dpa/Hillenbrabd
Eichstätt
Dass Cannabis bei Jugendlichen derzeit hoch im Kurs steht, wissen auch Vertreter von Suchtberatungsstellen, Psychologen oder Behörden. Und sie warnen: "Gerade im Kindes- und Jugendalter kann das Rauschmittel zu erheblichen körperlichen wie seelischen Beeinträchtigungen führen", berichtet Christine Feil, bei der Gesundheitsabteilung des Landratsamtes Eichstätt für Gesundheitsförderung zuständig und Mitglied des Arbeitskreises Sucht.

Sowohl Gehirn als auch Körper eines jungen Menschen im Alter bis zu etwa 20 Jahren seien im Wachstum und stetigen Veränderungen unterworfen. In dieser Phase Rauschmittel zuzuführen, könne Auswirkungen auf die Konzentrationsfähigkeit bis hin zu Gedächtnisschwund oder zu Halluzinationen haben, so Feil. Aber auch psychische Reaktionen vom Gefühl einer "Gelassenheit" und "Entspanntheit", einer "Lockerheit bis Albernheit" bis hin zu Gleichgültigkeit auf der einen, Psychosen, Angstzustände oder Panikattacken auf der anderen Seite seien zu beobachten. Häufiger und regelmäßiger Konsum führe "unabdingbar zur Abhängigkeit", warnt Feil energisch.

Lesen Sie hier ein aktuelles Interview mit Polizeichef Rindlbacher zum Thema Cannabis

Davon spricht auch der junge Mann, der sich vom Rauschmittel Cannabis wieder losgesagt hat. Der Jugendliche, der nicht genannt werden will, hat Panikattacken erlebt, die ihn "nahe an den Rand des Todes" geführt haben, wie er sagt. Dies sei schließlich der Grund gewesen, mit dem "ganzen Zeug Schluss zu machen". Während seiner "aktiven Rauschmittelphase" habe er keinerlei Interesse mehr am Alltag gehabt. "Schule war völlig egal, das Elternhaus ebenso, Hauptsache die Clique und das gemeinsame Rumhängen und Kiffen hat noch gezählt," beschreibt er seine damalige Stimmungslage. Und er weiß von Konsumenten, die auf einem "ähnlichen Tripp waren und meist noch sind". Die dann von der Schule abgegangen sind, ihre Ausbildung abgebrochen haben, sich treiben lassen und keinen Bock haben, sich im Leben zurechtzufinden.

Derartige Situationen kennt auch Christine Feil. Die Phase vom Kind zum Jugendlichen und dann zum Erwachsenen sei sehr schwierig. Das Erwachsenwerden bringe viele Herausforderungen mit: die Ablösung von den Eltern, die Findung der eigenen Identität, die Anforderungen in Schule und Ausbildung, Sexualität und Liebe nennt Feil als Beispiele. Jugendliche seien dabei "experimentierfreudig", hätten vereinzelt auch ein übersteigertes Selbstbewusstsein und lebten "gegenwartsbezogen", sprich uninteressiert daran, was eventuell morgen sei. Und: Jugendliche gingen auch an ihre Grenzen - auch beim Ausprobieren von Suchtmitteln.

In dieser Zeit sei es wichtig, Vertrauenspersonen zu haben, Halt zu bieten und Sicherheit zu geben, so Feil, die seit mehr als einem Jahrzehnt mit der Materie vertraut ist. Denn Jugendliche wollten auch sichere und zuverlässige Informationen.

Dies bestätigt auch Bernd Zengerle, Leiter des Hauses der Jugend in Eichstätt. Cannabis, so sagt er, "ist momentan bei Jugendlichen relativ verbreitet". Von einer "neue Welle" allerdings will er nicht sprechen. Dennoch: "Das Thema beschäftigt uns im Haus, steht immer wieder auf der Tagesordnung in den verschiedenen Gremien und wird heftig diskutiert." Eine Einrichtung wie ein Haus der Jugend sei ein "Spiegel der Gesellschaft", hebt er hervor. Für ihn sei es wichtig, offen über dieses Thema zu sprechen, es nicht zu verteufeln oder zu verharmlosen. Vor allem "mit den Mythen" wie "Kiffer sind die besten Schüler", mit Halbwissen und Fake-News aufzuräumen: "Unsere Aufgabe ist es, mitzuhelfen, dass aus jungen Menschen mündige Bürger werden." Information, Gespräch und Austausch sowie vor allem Vertrauen und Zugang mit und zu den Jugendlichen seien wichtig. Rauschmittel jeglicher Art seien im Haus und auf dem Gelände tabu. Und, so Zengerle, sollte jemand auffällig sein, dann "wird der oder die Person direkt angesprochen".

Nicht unter den Tisch gekehrt wird das Thema an den weiterführenden Schulen, wie gegenüber unserer Zeitung allenthalben versichert wird. Johannes Langer, Lehrer für Religion und Mathematik an der Maria-Ward-Realschule in Eichstätt und dort auch Suchtbeauftragter, spricht ebenso wie Feil von einer großen Unsicherheit bei Jugendlichen, was den Konsum von Rauschmitteln betrifft. "Die Diskussion über eine Legalisierung von Cannabis hat hier zu viel Unsicherheit geführt" und beschäftige viele Jugendliche, sagen Langer und Feil.

Die Gesundheitsexpertin registriert in diesem Zusammenhang eine "Verharmlosung" des Problems - sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch bei Eltern. Aussagen wie "so schlimm kann das doch gar nicht sein, wenn es doch eventuell legalisiert wird", oder "es ist medizinisch doch gut" würden häufig fallen, so auch der Pädagoge Langer. Er weiß dies aus Gesprächen mit Schülerinnen. Ebenso, dass "Cannabis fast überall und leicht in Eichstätt zu bekommen ist". Das ist auch Hans-Peter Sandner, Leiter der Knabenrealschule Rebdorf, bekannt. An seiner Schule sei das Thema ebenfalls nicht wegzudiskutieren, auch wenn er selbst von keinem Schüler wüsste, der Cannabis konsumiert. Dennoch: Nach Wochenenden sei da schon immer wieder mal von Drogenkonsum die Rede - ebenso wie von Alkohol- oder Nikotinkonsum. Sandner: "Wir versuchen, durch Aufklärung und Präventionsangebote entgegenzuwirken."

Ähnlich stellt sich laut Schulleiter Adalhard Biederer die Lage am Gabrieli-Gymnasium dar. Er und Claus Schredl, Chef des Willibald-Gymnasiums, verweisen auf gemeinsame Informationsveranstaltungen, die an ihren Schulen oder in den entsprechenden Jahrgangsstufen zum Thema Drogenkonsum angeboten würden. Fälle, dass Schülerinnen oder Schüler ihrer Schule Cannabis konsumierten, seien ihnen "derzeit nicht bekannt".

Beide setzen auf Prävention. "Wir gehen das Thema pro-aktiv an", sagt Schredl, der sich aber auch bewusst ist, dass es in Eichstätt eine "Szene" gebe und dass das, "was in der Gesellschaft passiert, auch vor den Schulen nicht Halt macht". An der Maria-Ward-Realschule erstellt Suchtbeauftragter Langer derzeit mit Unterstützung des Elternbeirats und in Zusammenarbeit mit dem Projekt "kontakt+co" ein auf seine Schule abgestimmtes Präventionskonzept. Dabei gehe es um "Aufklärung, nicht um Verteufelung". Denn "Wissen macht stark", wie der Mathe- und Religionslehrer sagt.

Sein Wissen benutzt der "Aussteiger" inzwischen auch, um in seinen Kreisen für eine Abstinenz von Rauschmitteln zu werben. Mit wenig Erfolg allerdings, wie er einräumt. "Da wirst du meist nur belächelt oder auch im sozialen Netzwerk verarscht, oder du stößt auf taube Ohren. "Manche sind voll auf dem Tripp, konsumieren meist täglich mehrmals, sehen sich selbst aber in der Lage, immer und sofort damit aufzuhören."

Eine Selbsttäuschung? Zweifelsohne, meint Christine Feil. Zwar führe der Konsum nicht so schnell in die Abhängigkeit wie bei ganz harten Drogen, doch bei regelmäßigem und häufigem Gebrauch "macht Cannabis selbstverständlich auch süchtig".

Auch Ivica Lasic von der Suchtberatungsstelle des Blauen Kreuzes in Eichstätt weiß um die Gefahr der Abhängigkeit durch Cannabis. Es gibt Fälle, bei denen selbst mehrmalige Aufenthalte in einer psychiatrischen Abteilung oder langfristige Therapien keine Abhilfe gebracht hätten, berichtet er aus seiner Erfahrung. Das Rauschmittel Cannabis, "das inzwischen bei Jugendlichen sehr verbreitet ist", dürfe keineswegs verharmlost werden. Denn: "An den Stoff zu kommen, ist sehr, sehr leicht - man kann ihn ohne weiteres im Internet bestellen und per Post nach Hause liefern lassen."

Ob eine Legalisierung hier der richtige Weg ist? Lasic hält sich mit einer eindeutigen Aussage zurück. Auf der einen Seite, sagt er, "arbeiten wir mit Menschen, die sich mit dem Einhalten von Regeln schon schwer tun". Und Menschen, die für Rauschmittel anfällig seien, sähen sich oft in einer Situation, sich irgendwie Erleichterung verschaffen zu müssen, weil sie mit der Umwelt nicht zurechtkommen Dann "wird eine schnelle und unproblematische Lösung einer anstregenden und längerfristig notwendigen gerne vorgezogen". Andererseits bestehe die Gefahr, dass bei einer Legalisierung die Wirkung bei dauerhaftem Konsum verharmlost werde. Denn, und damit wiederholt sich der Suchtberater: "Cannabis ist nicht harmlos und führt zur Sucht."

Bei all der Brisanz, die Christine Feil im wachsenden und oft verharmlosten Cannabiskonsum sieht, ist für sie der in der Gesellschaft kaum hinterfragte Konsum von Alkohol das wesentlich größere Problem. Alkohol - wie auch Nikotin - mache deutlich schneller und vor allem "schleichender" abhängig. Und Alkohol kann schnell Existenzen, Familien zerstören.


Abhängigkeit

Beim Konsum illegaler Drogen spielt Cannabis die Hauptrolle. Gemäß der Drogenaffinitätsstudie 2015 der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung ist der Anteil Jugendlicher im Alter von zwölf bis 17 Jahren, die in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung Cannabis konsumiert haben, von 4,6 Prozent im Jahr 2011 auf 6,6 Prozent im Jahr 2015 angestiegen. Bei den jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren zeigt sich seit 2008 ein Wiederanstieg der Zwölf-Monats-Prävalenz. Bezogen auf alle jungen Erwachsenen betrug diese im Jahr 2015 16,3 Prozent - im Jahr 2010 waren es noch 12,7 Prozent. Während es bei der Mehrzahl der Konsumenten beim Probierkonsum bleibt, stellen die regelmäßigen und häufigen Cannabiskonsumenten die eigentliche Risikogruppe dar.

Im Jahr 2015 berichteten etwa ein Prozent der zwölf- bis 17-jährigen Jugendlichen und rund vier Prozent der 18- bis 25-jährigen Erwachsenen, in den letzten zwölf Monaten häufiger als zehn Mal Cannabis konsumiert zu haben. Schätzungen zufolge erfüllen etwa 0,5 Prozent der Bevölkerung im Alter zwischen 18 und 64 Jahre die Kriterien für eine Cannabisabhängigkeit.
 
Hermann Redl
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