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Grünen-Politikerin Claudia Stamm über eine besondere Mutter-Tochter-Beziehung

Schafkopfen glättet die Wogen

Eichstätt
erstellt am 08.03.2015 um 20:02 Uhr
aktualisiert am 06.12.2018 um 12:22 Uhr | x gelesen
Eichstätt (EK) Zwei Frauen aus einer Familie, beide Politikerinnen, beide mit Sitz und Stimme im Bayerischen Landtag, die eine – Barbara Stamm – ist Landtagspräsidentin und CSU-Mitglied, die andere, ihre Tochter Claudia, besitzt das Parteibuch der Grünen. Interne Reibereien scheinen vorprogrammiert.
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Eichstätt: Schafkopfen glättet die Wogen
Über die Facetten einer besonderen Mutter-Tochter-Beziehung erzählte die Grünen-Abgeordnete Claudia Stamm (links). In die Rolle der Stichwortgeberin schlüpfte Melanie Arzenheimer. - Foto: baj
Eichstätt

Ein turbulentes Familienleben räumt Claudia Stamm durchaus ein. Gleichzeitig pflegen die Stamms offensichtlich einen sehr liebevollen Umgang miteinander.

Einblicke in eine zutiefst politische Familie gewährte Claudia Stamm am Freitag zum Auftakt der Eichstätter Frauentage. Im Gasthaus Zum Gutmann stand sie Melanie Arzenheimer vor großem Publikum Rede und Antwort. Arzenheimer zeigte sich als kluge, manchmal freche und sich selbst zurücknehmende Stichwortgeberin.

In Szene gesetzt hatte sie sich schon zuvor. Melanie Arzenheimer war in ihre Paraderolle als Frau Professorin Dr. Amalie Stürzenhofecker-Pasatelski geschlüpft und hatte die Geschichte der weiblichen Entwicklung von der Höhlenfrau über Cleopatra bis hin zu Eva Gottstein referiert.

Die Atmosphäre blieb heiter, als Claudia Stamm die Bühne betrat. Die 44-Jährige verzichtete auf ein politisches Grundsatzreferat, sondern transportierte die ihr wichtigen Inhalte eher auf unterhaltsame Art. Sie weiß, wie’s geht: „Politik habe ich mit der Muttermilch eingesogen.“ Ausgerechnet ihre Mutter Barbara ist – neben Hildegard Hamm-Brücher – das große Vorbild der Grünen-Politikerin. „Sie hat mich beeindruckt und geprägt.“ Barbara Stamm hat sich als einfache Erzieherin, ohne Studium, in der rauen Männerwelt behauptet und Karriere gemacht. Emanzipation und den Tausch eingefahrener Geschlechterrollen hat Claudia Stamm von Jugend an als Selbstverständlichkeit erlebt. Die Mutter war in München in der Politik, der Vater managte die Familie in Würzburg. Claudia Stamm tritt auch hier in die Fußstapfen der Mama: Die Grüne kämpft für soziale Gerechtigkeit im Plenum, ihr Mann brutzelt Zuhause Reisbratlinge oder seine Spezialität – Schweinsbraten.

Gleichstellung ist der Abgeordneten ein wichtiges Anliegen. „Bayern ist hier Entwicklungsland“, findet sie. Deshalb plädiert sie für Quoten. „Man braucht diese Regel für die Gleichberechtigung.“ Mit dem Wahlsystem im Freistaat – Personalisierte Verhältniswahl mit offenen Listen – ist sie aus dem gleichen Grund so glücklich nicht. Da stellt Bündnis90/Die Grünen die Wahllisten so auf, dass stets die ungeraden Plätze mit Frauen, die geraden Plätze mit Männern besetzt werden. Was machen die Wähler? Sie schenken nicht der Liste, sondern dem Kandidaten ihres Vertrauens die Gunst, schieben ihn womöglich von ganz hinten nach ganz vorne durch und bringen die schöne Ordnung durcheinander, so dass nicht einmal bei den Grünen gleich viele Frauen wie Männer im Parlament sitzen.

Kritisch steht Claudia Stamm auch dem Girl’s Day gegenüber. „Bei seiner Einführung war er sinnvoll, aber es hat sich nichts verändert.“ Deshalb müssten andere Wege beschritten werden, etwa die Geschlechtertrennung in den Schulen bei naturwissenschaftlichen Fächern.

Im Elternhaus dürfte der Schock tief gewesen sein, als sich Claudia Stamm als „grünes Schaf“ entpuppte, mutmaßte Melanie Arzenheimer. Die 44-Jährige muss grinsen: „Das war eine absolute Win-Win-Situation für Mama.“ Die Leute hätten gesagt „Hut ab! Das ist ja eine richtige Demokratie bei ihr.“

Familie Stamm schätzt sich Wert, wenn auch manchmal daheim über eine politische Debatte die Fetzen fliegen. Da mischt der Papa, ein eingefleischter CSUler, mit. Eine Schafkopfrunde in familiärer Runde glättet die Wogen. Mutter und Tochter kennen sich inzwischen so gut, dass auch die nonverbale Kommunikation klappt. Beispielsweise wenn Claudia im Plenum über die Stränge schlägt. „Dann gibt es die lautlose Rüge von der Landtagspräsidentin, die nur ich verstehe“, verrät die Grünen-Abgeordnete im Plauderton, was die Gäste mit leisem Lachen quittierten.

Ganz ohne männliche Unterstützung ging es an diesem Abend übrigens nicht ab. Für die musikalische Untermalung war die Stahlblosn verantwortlich, die mit Können und guter Laune für gute Laune sorgten. Ein wenig zu spät trafen die fünf Blechbläser zwar ein, so dass Melanie Arzenheimer schon etwas in Sorge war, die Jungs könnten den Termin versemmelt haben, aber die hatten sich zuvor noch einen Fisch munden lassen. Mit einem lockeren Spruch – „Wir fischeln noch“ – brachten sie das Publikum sofort auf ihre Seite.

Von Josef Bartenschlager
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