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Erste Bilanz ein Jahr danach

Eichstätt
erstellt am 12.01.2018 um 19:07 Uhr
aktualisiert am 08.08.2018 um 09:42 Uhr | x gelesen
Eichstätt/Ingolstadt (DK) Am 1. Januar 2017 haben die Sparkassen Eichstätt und Ingolstadt fusioniert. Die Verschmelzung der beiden Häuser wurde vor allem auf Eichstätter Seite kritisch begleitet. Sogar ein Bürgerbegehren stand im Raum. Auch nach gut einem Jahr sind die ?Stimmen der Zweifler nicht verstummt. Je nach ?Blickwinkel fallen die Urteile über den Erfolg ?der Fusion höchst unterschiedlich aus.
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Die Kunden

Natürlich werden die gestiegenen Gebühren moniert. Aber dies sei wohl keine unmittelbare Folge der Fusion: „Erhöhen tun ja alle Banken – das muss man fairerweise auch erwähnen“, sagt eine Kundin, die schon seit Jahrzehnten bei der Sparkasse ist. Trotzdem: Die gestiegenen Kontogebühren scheinen vielen so gar nicht zu schmecken. Und wer noch „analog“ ist, also den Zahlungsverkehr zum Beispiel mit herkömmlichen Papierüberweisungen bestreitet, müsse deutlich tiefer in die Tasche greifen, wird beklagt. „Soll mein 80-jähriger Vater jetzt noch auf Online-Banking umsteigen?“, so die eher rhetorisch gemeinte Frage eines Kunden: „Dieses Gebaren gefällt mir ganz und gar nicht.“ Grundsätzlich werde „die Null-Zins-Politik auf die Kundschaft abgewälzt“.

Ansonsten sind viele Emotionen mit im Spiel, gewissermaßen scheint sich mancher von „seiner“ Sparkasse zu entfremden: „Für mich ist das keine lokale Bank mehr“, meint ein Kunde, der ernsthaft einen Wechsel erwägt. Ein anderer beklagt, dass sein langjähriger Berater „verschwunden“ sei. Vieles sei offensichtlich nach Ingolstadt verlagert worden. So könne die Eichstätter Sparkasse mittlerweile nur noch über eine Ingolstädter Nummer telefonisch erreicht werden, wird kritisiert. Für einige ist das endgültig ein deutliches Indiz dafür, dass ihre „gute, alte“ Eichstätter Sparkasse der Vergangenheit angehört.

Die Mitarbeiter

Es laufe besser als erwartet, räumt ein Angestellter ein, der zuvor noch „erklärter Fusionsgegner“ war. Man habe sich inzwischen mit den neuen Kolleginnen und Kollegen in Ingolstadt arrangiert – zum großen Teil zumindest: „Das ist natürlich von Abteilung zu Abteilung unterschiedlich.“ Manche hätten demnach noch nicht „persönlich fusioniert“. Einiges hätte nach außen hin deutlicher kommuniziert werden können, findet ein anderer Mitarbeiter. Beispiel: die neuen Telefon- und Kontonummern. Ansonsten aber hält er unter anderem die Kunden für Gewinner der Fusion: „Die Qualität der Beratung hat sich gesteigert.“ Das sei eine Folge der verbesserten internen Aus- und Fortbildung.

Immer wieder negativ ins Feld geführt wird „die elende Fahrerei“ zwischen Eichstätt und Ingolstadt: Diese sei sehr belastend. Nicht zuletzt deshalb hätten im vergangenen Jahr über 20 der Eichstätter Mitarbeiter der Sparkasse den Rücken gekehrt und sich beruflich anderweitig orientiert.

Sorgen bereitet offensichtlich die „Optimierung“ des Filialnetzes: Hier wird gemunkelt, dass sich künftig Zweigstellen wie in Pollenfeld/Titting und Nassenfels/Buxheim die Öffnungszeiten teilen sollen. Kritisch gesehen wird auch das geplante Servicecenter in Eitensheim: Dies könne größer ausfallen als bislang kommuniziert, ist zu hören. Mögliche Verlagerungen gingen dann zulasten der Hauptstelle Eichstätt.

Der Vorstand

Eins und eins macht mehr als zwei“ – so lautet die Losung auf Vorstandsebene der Sparkasse Ingolstadt-Eichstätt. Die Fusion sei nach einem Jahr als „absolut positiv“ zu bewerten, so der frühere Chef der Eichstätter Sparkasse und jetzige stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Sparkasse Ingolstadt-Eichstätt, Emmeran Hollweck. Von einer feindlichen Übernahme könne keine Rede sein, vielmehr von einer „Win-win-Situation“ – nicht zuletzt angesichts der erzielten Synergieeffekte. Es habe auch keine Fusionsdelle gegeben, was in solchen Fällen eher unüblich sei.

Neben der technischen Verschmelzung sei man auch auf menschlicher Ebene zusammengewachsen: „Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen ,den Eichstättern’ und ,den Ingolstädtern’“, bekräftigt Vorstandsvorsitzender Jürgen Wittmann. Die Mitarbeiter (insgesamt rund 960) hätten der fusionierten Bank zum allergrößten Teil die Treue gehalten, „es gab keine Kündigungswelle, und auch kein Abteilungsleiter ist gegangen“. Die Zahl der Vollzeitstellen der Sparkasse Eichstätt sei nur geringfügig von 130 auf 127 gesunken, erläutert Emmeran Hollweck.

Im Bauspar- und Wertpapiergeschäft sei die Sparkasse „hervorragend unterwegs“, Sorgen bereite allerdings nach wie vor die niedrige Zinsspanne, die auf die Erträge drücke. „Trotzdem werden wir auch 2017 wieder ein zufriedenstellendes Ergebnis erreichen“, kündigt Jürgen Wittmann an.

Beim Thema Erhöhung der Kontogebühren spricht Wittmann lieber von einer „moderaten Anpassung“: „Im Vergleich mit den anderen 64 bayerischen Sparkassen liegen wir bei den Erträgen aus den Kontogebühren auf einem der hintersten Plätze.“ Die Kunden würden die „Anpassungen“ mittragen: „Es gibt so gut wie keine Kündigungen.“ Was die Filialschließungen in Schernfeld, Schelldorf und Böhmfeld angeht (wir berichteten), beteuern Wittmann und Hollweck, dass dies nichts mit der Fusion, sondern mit der stetig nachlassenden Frequenz zu tun habe.

Insgesamt handle es sich um eine „partnerschaftliche Fusion auf Augenhöhe“, urteilen die beiden Vorstände. Mit einer Bilanzsumme von fünf Milliarden Euro – Platz sechs unter den bayerischen Sparkassen – „verfügen wir nun über eine hervorragende Größe“. Ob damit das Ende der Fahnenstange erreicht ist, bleibt vorerst offen. Weitere Fusionen seien – aber eher in fernerer Zukunft – nicht ausgeschlossen: „Wir halten allerdings derzeit nicht aktiv Ausschau“, so Wittmann. Gesprächen würde man sich freilich nicht verschließen.

Die Gegner

Die Galionsfiguren des Widerstands gegen die Sparkassenfusion waren SPD-Urgestein Annemarie Gärtner und Kaufmann Wolfram Ruoff. Sie initiierten ein Bürgerbegehren, dessen Zulassung allerdings trotz ausreichender Unterschriften am Votum des Eichstätter Stadtrats gescheitert ist. Danach liefen diverse Klagen Ruoffs ins Leere.

Heute sagt er, sein Urteil falle nach einem Jahr „äußerst übel“ aus. Das beginne schon mit der ersten gemeinsamen Bilanzvorstellung im März 2017. „Wie können zwei im Jahr 2016 unabhängig voneinander arbeitende Sparkassen eine gemeinsame Bilanz vorstellen? Hat man da nicht die beiden Jahresgewinne einfach zusammengezählt (12,5 Millionen Euro; d. Red.), um zu vertuschen, dass es der Sparkasse Ingolstadt gar nicht so gut ging?“ Den früheren Vorstandsvorsitzenden Emmeran Hollweck bezichtigt Ruoff der „dreisten Lüge“. Entgegen dessen Beteuerungen habe sich doch vieles geändert: „Alle maßgeblichen Abteilungen wurden nach Ingolstadt verlegt, die meisten Kontonummern mussten geändert werden, die Sparkasse ist noch nicht einmal unter der alten Telefonnummer zu erreichen. Und das Schlimmste: Die Sparkasse Eichstätt hat 2016 noch einmal neun Millionen Euro in den äußerst zweifelhaften Fonds für allgemeine Bankenrisiken gesteckt, statt zumindest einen Teil davon an die Träger – Stadt und Landkreis – auszuschütten.“ Ruoff kritisiert zudem die Gebührenanhebungen und befürchtet weitere Filialschließungen. Nicht zuletzt fehlten dem örtlichen Einzelhandel, Metzgereien und Lokalen nun „viele Sparkassler“: „Die Kundenfrequenz in der Innenstadt hat spürbar nachgelassen.“ Nachlassen will Ruoff dagegen nicht: Er kündigt einen weiteren Anlauf für ein Bürgerbegehren an, „um die Fusion rückgängig zu machen“.

Annemarie Gärtner hatte die Fusion seinerzeit „als größten Schmarrn aller Zeiten“ angeprangert, weil wieder ein Stück Eichstätt nach Ingolstadt wandere. Ihr Ärger ist auch nach einem Jahr nicht verflogen. „Ich stehe nach wie vor zu meinen Aussagen“, bekräftigt sie heute. Leidtragende seien die Mitarbeiter, die nun zwischen Eichstätt und Ingolstadt hin- und herpendeln müssten, Nutznießer die Vorstände und Verwaltungsräte „wegen höherer Bezüge“. Nicht zuletzt gehöre die Stadt Eichstätt zu den Verlierern, weil sie deutlich weniger Gewerbesteuer einnehme.

Die Politik

Mit einem „uneingeschränkten Ja“ beantwortet Eichstätts Oberbürgermeister Andreas Steppberger auch heute die Frage, ob die Fusion der richtige Weg gewesen sei. Vorteile ergäben sich auf vielen Ebenen. Beispielsweise seien für Geschäftskunden durch die neue Größe der Sparkassen „ganz andere Kreditvolumina möglich“. Nicht zuletzt schneide der Landkreis Eichstätt in Sachen Spenden und Sponsoring durch die Sparkasse jetzt wesentlich besser ab. Das Argument, dass der Stadt durch die Fusion viele Gewerbesteuereinnahmen verloren gingen, will Steppberger so nicht gelten lassen: „Der Einbruch würde ohne die Fusion noch deutlicher ausfallen.“ Dass so mancher Kunde mit dem Identitätsverlust seiner „alten Eichstätter Sparkasse“ hadert, kann Steppberger zwar durchaus nachvollziehen – aber: „Das sollte nicht vom fehlenden Zweier in der Telefonnummer abhängen“, spielt er darauf an, dass die Bank seit einigen Wochen nur noch über die 0841-Vorwahl zu erreichen ist. „Am anderen Ende der Leitung sitzen immer noch dieselben Mitarbeiter.“

„Der Grundgedanke, den Landkreis Eichstätt für die Zukunft unter dem Dach einer leistungsfähigen Sparkasse zusammenzuführen, ist mit der Fusion erreicht“, sagt Landrat Anton Knapp. Ziel der Fusion sei es gewesen, Synergieeffekte und Größenvorteile zu nutzen: „Beides ist bereits gelungen und wird sich meiner Meinung nach auch in Zukunft fortsetzen.“ Neben der Zusammenfassung von Funktionsbereichen und Beauftragten sei dies vor allem auf der Leitungsebene erkennbar: „Die Sparkasse Ingolstadt-Eichstätt wird künftig von drei Vorständen geleitet. Bisher waren in Ingolstadt drei und in Eichstätt zwei Vorstände tätig. Als Erfolg werte ich auch die damit verbundene interne Besetzung der Führungsfunktionen.“

Der Verweigerer

Ursprünglich hätte es ja eine Dreierfusion werden sollen – aber Pfaffenhofen scherte aus. Mit deutlichen Worten erteilte Bürgermeister Thomas Herker den Begehrlichkeiten eine Absage, gestützt von einem einstimmigen Stadtratsbeschluss.

Heute lässt Herker wissen: „Die Sparkasse Pfaffenhofen entwickelte sich in den letzten beiden Jahren überdurchschnittlich: starke Zunahme bei den Kundeneinlagen, bei den ausgereichten Krediten und bayernweite Spitzenwerte im Versicherungs- und Immobiliengeschäft.“ In Summe habe sich die Sparkasse deutlich besser entwickelt als noch 2015 prognostiziert, betont Herker. „Stellschrauben wie Kontogebühren und Dispozinsen sind für uns keine relevanten Optionen zur Ergebnisoptimierung, Personalabbau ist derzeit ebenso kein Thema – die Mitarbeiter und die Kundenbeziehungen sorgen letztlich für den Erfolg der Sparkasse, und so bekennen wir uns weiter zur Fläche.“

Der Erfolg der Sparkasse sei auch eng verbunden mit der gelebten Kultur im Unternehmen – „und da sehe ich uns auch alleine bestens gewappnet für die Zukunft“.

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