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Gelebte Toleranz

Eichstätt
erstellt am 10.08.2010 um 18:44 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 16:47 Uhr | x gelesen
Eichstätt (EK) Den Schlusspunkt zur Open-HeArt-Serie des EICHSTÄTTER KURIER soll die "Installation im Luftraum" von Andrea Thema und Giselher Scheicher aus Nürnberg setzen.
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Eichstätt: Gelebte Toleranz
Luftigkeit trifft Wasserfall: Die temporäre Ausstellung im Rahmen von Open HeArt harmoniert perfekt mit dem lang bekannten Wasserfall von René Chacón.
Eichstätt
Zugleich spiegelt dieses Kunstwerk, sieht man dabei auch auf die Kunstgeschichte des "Mobiles" und der popularisierten Kunst, die Ankunft der Kunst im öffentlichen Raum und in der Mitte der demokratischen Bürgergesellschaft wider. Mit den sogenannten "Universumscheiben" von Andrea Thema und den "Blauen Kreisen" von Giselher Scheicher schließt sich dann vorerst auch der Kreis, der mit dem Auftaktrundgang zu Open HeArt, Kunst im Zentrum, am 2. Mai beschritten wurde und der sich nach und nach zur Spirale geöffnet hat.

Diese sich öffnende Spirale zeigt auch, dass Kunst heute, im frühen 21. Jahrhundert, aus der Mitte des Lebens demokratischer Bürgergesellschaften hervorwächst. In diese gesellschaftliche Mitte vorzudringen, war vor etwa 100 Jahren nicht nur der Kunst noch reichlich schwer geworden.

Am Anfang der "Mobile-Kunst" steht ja auch der Bürgerschreck Marcel Duchamp, der den Mobile-Begriff ab 1913 für seine in Teilen beweglichen Ready-made-Objekte, etwa das auf einen Hocker montierte Fahrrad-Rad, besetzte. Was der erschrockene Bürger danach und nach zwei schrecklichen Weltkriegen, die Ethik, Humanismus und Glaubensüberzeugungen aus den Angeln gehoben haben, gerne verdrängte, war die Tatsache, dass die klassische Moderne, gleich ob Kunst oder Architektur, ursprünglich angetreten war, die Welt zu demokratisieren.

Die Teilhabe des Bürgers an der Kunst ganz allgemein und speziell an der Kunst im öffentlichen Raum, die Popularisierung der Kunst und die Ästhetisierung der Welt, inklusive ihrer Befriedung, standen nach 1900 regelmäßig auf dem Spielplan der Moderne.

Dass diese "Gefährlichkeit" der demokratischen Kunst von den politischen Machthabern immer wieder sehr schnell erkannt wurde, zeigt sich historisch wie gegenwärtig darin, dass politische Potentaten regelmäßig zum Bildersturm gegen die Kunst aufrufen, die ihnen nicht huldigt, die sich ihren Ideologien oder ihrem Personenkult nicht anpassen will oder einverleiben lässt.

Insofern ist Open-HeArt in Eichstätt ein wunderbar wahrhaftiger Beweis einer ganzen Stadt auf ihre gelebte Toleranz, auf ihre Weltoffenheit und ihre Dialog- und Demokratiefähigkeit. In der Sparkassen-Passage zeigen Andrea Thema und Giselher Scheicher mit ihrem lapidar "Installation im Luftraum" benannten Mobile-Kunstwerk ein nahezu vollkommenes Bild für dieses demokratische Eichstätt.

Die an Stahlseilen abgehängten Universumscheiben von Thema sind mit Bitumen bearbeitet und werden inwendig von Bleikugeln im schwebenden Gleichgewicht gehalten. Kunst und Technik finden in dieser Grundform zusammen. Archaisch wirken dabei nicht nur das verwendete und bearbeitete Material und die Urform des Kreises oder Rades, sondern auch die beinahe schon technik-anachronistisch anmutende Montage der Universumscheiben. Die wie Planetenoberflächen scheinenden Bitumenscheiben Themas werden kongenial begleitet von den mit bemalten Plastikfolien bespannten und daraus modellierten kreisrunden Rahmen Giselher Scheichers. Diese oberflächlich so aufgewühlt erscheinenden Flächen vermitteln Tiefe, sie fangen Licht ein und brechen es, sie scheinen wie die Bitumen-Scheiben von Thema ein Bild von der ersten Schöpfungsstunde eingefangen zu haben. "Am Anfang schuf Gott …", lässt uns die Genesis wissen – heute schafft der Mensch.

Idealerweise, soviel kann man sagen, versucht er seinem Schöpfer demutsvoll nachzueifern, in Ethik und Ästhetik. Sich über Gott und die Schöpfung erheben zu wollen, muss freilich scheitern, auch im Zeitalter der Hochtechnologie.

Nicht gescheitert ist allerdings das anfänglich von viel Skepsis begleitete Kunstprojekt "Open HeArt – Kunst im Zentrum", das im Auftrag von Stadt und Universität von Professor Günther Köppel und "Stadtbaumeister emeritus" Albert Dischinger zusammen mit Künstlerinnen und Künstlern und mit vielen hundert Eichstätter Bürgerinnen und Bürgern in aller Öffentlichkeit ins Werk gesetzt wurde.

Kunst ist es, wenn man es versteht, einer Idee, also etwas Immateriellem, ein Bild zu geben. Wenn es also gelingt, Ideen zu materialisieren, sie anfassbar, begreifbar und verstehbar zu machen. Genau das ist den Ideengebern und Initiatoren von Open HeArt gelungen!

Weil das aber nur gelingen konnte, indem sich die Eichstätter Bürgerschaft einmütig, auch die anfänglichen Skeptiker ließen sich schließlich begeistern, zu dieser Kunst im öffentlichen Raum bewegen ließ, kann man mit Fug und Recht behaupten: Kunst wächst aus der Mitte der demokratischen Bürgergesellschaft.

Von Rüdiger Klein
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