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Vierter K'Universale-Vortrag beschäftigt sich mit Vertrauen aus differentiell-psychologischer Perspektive

Gegengewicht zu Ängsten und Unsicherheiten

Eichstätt
erstellt am 23.11.2017 um 18:38 Uhr
aktualisiert am 27.11.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Eichstätt (ddk) Er gilt als Experte der Vertrauenspsychologie und leitet an der Universität Vechta das Zentrum für Vertrauensforschung: Professor Martin Schweer nahm den weiten Weg aus Niedersachsen nach Eichstätt auf sich und stellte im Rahmen der K´Universale-Reihe "Vertrauen" an der Katholischen Universität seine Forschungsergebnisse in einem launigen und gleichwohl wissenschaftlich fundierten Vortrag einem interessierten Publikum vor. Schweer erarbeitet unter anderem im Auftrag großer Unternehmen vertrauensbildende Maßnahmen für die Mitarbeiter.
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Eichstätt: Gegengewicht zu Ängsten und Unsicherheiten
Referent des Abends: Professor Dr. Martin Schweer. - Foto: Kusche
Eichstätt

Dass im weitgehend theoretisch ausgerichteten Vortrag die Beispiele aus der Praxis etwas zu kurz und erst in der Fragerunde zur Sprache kamen, war zu verzeihen. Denn Schweer sprach präzise und verständlich, strukturiert und ohne akademische Dünkel, wenngleich er seinen Eichstätter Zuhörern außerordentlich dichte Informationen präsentierte.

Die differentiell-psychologische Methode setzt bei einem dynamischen Vertrauensbegriff an, der als wirksamer psychologischer Mechanismus den Menschen hilft, die zunehmende Komplexität unserer Gesellschaft zu reduzieren und dadurch sein Verlangen nach Kontrolle zu befriedigen, so erläuterte Schweer seine Herangehensweise an den weiten Begriff des Vertrauens. Denn jeder Mensch sehne sich implizit nach der Sicherheit, "sich in die Hand anderer Personen oder Institutionen begeben zu können" - kurzum: ihnen zu vertrauen. Damit aber stelle Vertrauen ein fundamentales Gegengewicht zu den Ängsten und Unsicherheiten dar, die durch aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen hervorgerufen würden. Zu diesen zählen Globalisierung und Digitalisierung, Nachhaltigkeitsfragen, demografischer Wandel und zunehmende Vielfalt.

Das Dynamische am Vertrauensbildungsprozess ist dabei im Wechselspiel von Person und Situation zu sehen: Denn jedes Individuum ist von persönlichen Faktoren wie Alter, Geschlecht, Werten oder Erwartungen geprägt und nimmt zugleich eine soziale Situation jeweils anders wahr, betonte Schweer. Misstrauen etabliere sich im zeitlichen Verlauf deutlich zügiger als Vertrauen. Dementsprechend können Vertrauensbrüche gewonnenes Vertrauen abrupt sinken lassen; der Wiederaufbau ist entsprechend mühsam und funktioniert nicht automatisch.

Echtes Vertrauen indes baue sich stets durch persönliche Erfahrungen auf, und zwar in kleinen Schritten durch gegenseitige Vertrauensbeweise. Es ist der langsam sich etablierende gegenseitige Vertrauensbildungsprozess, in dem einer der beiden Partner in Vorleistung gehen muss, welche Vertrauen gelingen lassen. Und hinter diesem Prozess dürfe keine Berechnung aufscheinen - wie etwa strategisches Vertrauen zur Kundengewinnung, sondern die humanistische Grundhaltung von Echtheit und Authentizität, von unbedingter Wertschätzung und Offenheit: "Nur wer dem anderen gegenüber stimmig denken, fühlen und handeln kann, wer ihm Respekt und Achtung in jeder denkbaren Situation entgegenbringt - wie etwa Eltern ihren leiblichen Kindern -, nur der baut tatsächlich Vertrauen auf", erklärte Schweer.

Am Ende seines Vortrags legte er die bislang erbrachten empirischen Befunde vor, die allesamt ein zentrales Fazit des Abends darlegten: "Es lohnt sich wirklich, auf persönlicher wie beruflicher, auf nationaler wie internationaler Ebene auf Vertrauen zu setzen, da nur dadurch gesicherte positive Auswirkungen auf Motivation, soziales Miteinander und Konfliktbewältigung zu erwarten sind." Allerdings, so betonte der Leiter des Vertrauenszentrums in Vechta auch, müsse in unserer heutigen, von Vertrauensverlusten gekennzeichneten Gesellschaft das Bemühen um Vertrauen erfahrbarer und authentischer werden, als es derzeit ist: "Die Menschen wollen, dass ethisch-moralische Handlungsprinzipien von Politikern und Unternehmen sichtbar werden und dass sie ihre ihnen anvertraute Verantwortung ernst nehmen." Hier müsse noch viel geschehen.

Am kommenden Montag, 27. November, von 18.15 bis 19.45 Uhr hält Dr. Daniel Schulz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Politische Theorie des Geschwister-Scholl-Instituts für Politikwissenschaft an der LMU München, im Rahmen der K'Universale-Reihe einen Vortrag mit dem Titel "Trau, schau, wem - Vertrauen und Kontrolle in der politischen Theorie des Republikanismus". Der Vortrag findet im Raum KGA 201, Ostenstraße 26, statt.

Von Dagmar Kusche
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