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Institut für digitales Lernen entwickelt multimediale Lehrmittel und muss dabei auch gegen alte Strukturen ankämpfen

Auf dem Weg ins neue Schulbuchzeitalter

Eichstätt
erstellt am 04.03.2016 um 21:50 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 17:36 Uhr | x gelesen
Eichstätt (kno) So macht Geschichte lernen Spaß: Florian Sochatzy tippt auf seiner Tastatur herum, und auf dem Bildschirm erscheint eine bunte Animation, die zeigt, wie sich die Habsburger einst nach und nach in Europa ausgebreitet haben. Eine weitere erklärt plastisch, warum die Tante von Max 1907 in die USA ausgewandert ist. "Wir haben hier auch eine kleine Familiensaga entwickelt", so Sochatzy über das multimediale Schulbuch (mBook) Geschichte. Der kleine Max ist sozusagen die Identifikationsfigur und begleitet die Schüler von der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis zur Entstehung der Bundesrepublik.
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Eichstätt: Auf dem Weg ins neue Schulbuchzeitalter
Florian Sochatzy ist Geschäftsführer des Instituts für digitales Lernen im früheren Atelier Lang am Eichstätter Salzstadel. Das kleine Unternehmen hat sich auf die Produktion multimedialer Schulbücher spezialisiert und dafür auch schon den Deutschen eBook-Award bekommen. Im Hintergrund: Benjamin Heinz, einer der 15 Mitarbeiter. - Foto: Knopp
Eichstätt

Florian Sochatzy ist Geschäftsführer des Instituts für digitales Lernen (IdL), das seit Anfang April 2015 im ehemaligen Atelier Lang, einer architektonischen Perle am Salzstadel in Eichstätt, beheimatet ist. Sochatzy findet, das passt prima: "Das hier ist die Neuinterpretation des Jurahauses, und wir kümmern uns um die Neuinterpretation des Schulbuchs."

Dies ist freilich eine recht holprige Angelegenheit: "Der deutsche Schulbuchmarkt wird von drei Verlagen beherrscht", berichtet der 35-Jährige. Und diese hätten wenig bis gar kein Interesse an Innovationen. Vor allem nicht an digitalen. "Kein Wunder, die wollen ihre Druckereien auslasten" und machten gute Geschäfte mit klassischen Schulbüchern, deren Inhalte sich auch nur in überschaubarem Ausmaß änderten.

Trotzdem: Das Institut für digitales Lernen kratzt - auch international - hartnäckig an den verkrusteten Strukturen. In Belgien wird ihr mBook schon an deutschsprachigen Gymnasien eingesetzt - und in Nordrhein-Westfalen ist es Bestandteil des Geschichtsunterrichts in 41 Pilotschulen. "Es ist noch Luft nach oben", sagt Sochatzy angesichts der Zurückhaltung der anderen Bundesländer und deren Verordnungen, wonach ein Schulbuch gedruckt sein und einen festen Umschlag haben muss. Die Signale aus der Politik würden aber immer deutlicher: So habe beispielsweise das bayerische Kultusministerium erst kürzlich ihre "digitale Strategie" erläutert und angekündigt, multimediale Schulbücher zulassen zu wollen. "Zumindest die Behauptungen sind schon mal erfreulich", scheint Sochatzy dem Braten immer noch nicht recht zu trauen.

Wie auch immer: Das kleine Eichstätter Institut ist gut gerüstet. Es ist Ende 2010 aus der Katholischen Universität heraus entstanden, genauer gesagt aus dem Lehrstuhl für Theorie und Didaktik der Geschichte. Gründer und führende Figuren des IdL sind Lehrstuhlinhaberin Waltraud Schreiber und die wissenschaftlichen Mitarbeiter Marcus Ventzke und Florian Sochatzy. Während Schreiber und Ventzke eher fürs Inhaltliche zuständig sind, kümmert sich Sochatzy ums operative Geschäft. Das Institut steht mittlerweile auf eigenen Beinen. So wurde eine Gesellschaft des bürgerlichen Rechts gegründet, und die "IdeeL"-GmbH soll sich mit Marketing und Vertrieb befassen.

15 Freiberufler und "Teilzeitkräfte" arbeiten dem IdL zu: Animationsspezialisten, Filmleute, Sprecher und natürlich Autoren - darunter drei aus Leipzig. Das Hauptkontingent an Mitarbeitern rekrutiert Sochatzy allerdings aus Studenten der Eichstätter Uni. Darunter ist auch Benjamin Heinz, der kurz vor seinem Master in Geschichte und Betriebswirtschaftslehre steht und sich auf diese Weise nebenher sein Studium finanziert. "Für unsere Projekte brauchen wir einen Hochschulstandort", betont Sochatzy. Und daher sei Eichstätt ideal und durchaus langfristig als Firmenzentrale angelegt.

Produziert wird alles "im Haus", auch wenn die Mitarbeiter meist nur online miteinander kommunizieren und ihre Aufträge daheim oder "von mir aus auf der grünen Wiese" erledigen: "Da sind wir ziemlich kreativ und flexibel", so Sochatzy, "wir benötigen nur Laptop und Internet." Zu tun gibt es einiges: in Anbetracht dessen, dass zum Beispiel das NRW-mBook neben den Texten aus 3616 Bildern, 86 Videos, 29 Audios und 50 interaktiven Sequenzen besteht. Vom nordrhein-westfälischen Arbeitsministerium kommt bereits der nächste Auftrag: ein mBook zur Integration Russlanddeutscher.

Preisgekrönt ist die Arbeit aus dem Salzstadel auch schon: Auf der Frankfurter Buchmesse 2015 gab es den Deutschen eBook-Award, und auf der Leipziger Buchmesse war das mBook aus Eichstätt nominiert als "Schulbuch des Jahres". Für Sochatzy ist der Durchbruch des multimedialen Schulbuchs nur noch eine Frage der Zeit: "Man muss kein Prophet sein, um zu wissen, dass die Zukunft der Lehrmittel keine analoge sein wird."

Von Jürgen Knopp
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