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"Die Tragödie des 20. Jahrhunderts in Form pressen"

erstellt am 05.10.2009 um 18:22 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 16:43 Uhr | x gelesen
Eichstätt (buk) "Mich drückt es förmlich auseinander. Viele Zeichnungen für das Mahnmal sind wieder fertig. Je länger ich daran arbeite, umso mehr wird mir die Aufgabe klar, dass ich die Tragödie des 20. Jahrhunderts in Form zu pressen habe"
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Das von Alois Wünsche-Mitterecker geschaffene Figurenfeld im Hessental. - Foto: buk
Dies schrieb der Eichstätter Künstler Alois Wünsche-Mitterecker im Dezember 1966. Das Zitat ist programmatisch für sein Lebenswerk, das "Figurenfeld" im Hessental. Mit diesem Zitat wird nun eine höchst opulente Studie eingeleitet, die erstmals umfassend das Werk des bildenden Künstlers untersucht, verfasst von der Passauer Kunsthistorikerin Myriam Wagner.

Die 1978 im oberpfälzischen Roding geborene Autorin legte diese Arbeit 2008 als Dissertation am Passauer Lehrstuhl für Kunstgeschichte und Christliche Archäologie vor, doch in Eichstätt scheint das Werk bislang noch kaum wahrgenommen zu werden: Grund dafür könnte der nicht ganz billige Preis von 98 Euro sein, was für wissenschaftliches Schrifttum allerdings nicht ungewöhnlich ist. Doch sollte solch dies einer breiten Rezeption der Studie in der Heimatstadt des Künstlers nicht im Weg stehen.

Wagner hat akribisch Quellen recherchiert (darunter auch zahllose Artikel des EK) und das Mahnmal mit dieser Dissertation hervorragend dokumentiert.

Die Studie umfasst zwei Bände, einen Textteil und einen Band mit Hunderten von Abbildungen – nicht nur des Figurenfeldes, sondern auch von Skizzen, Studien und Entwürfen. Nur eines ist zu monieren: Der sehr kleine Schriftgrad lässt die Lektüre bisweilen zur Anstrengung werden. Aber ein größeres Format hätte wohl den Kaufpreis noch höher getrieben.

Wagner steckte sich mit ihrer Arbeit vier Ziele: Erstens will sie "die Beschäftigung mit der Kriegsthematik" und das Mahnmal "in der Biographie und im Oeuvre des Künstlers verankern", wobei sie bereits mit ersten Zeichnungen eines "Sturmangriffs" aus den 30-er Jahren ansetzen kann. Zweitens will Wagner den Prozess der Genese des Figurenfelds und der Probleme, die sich mit seiner Realisierung verbanden, nachzeichnen. Drittens geht sie den Beziehungen des Künstlers zur zeitgenössischen Kunstproduktion nach. Zuletzt wird "das Mahnmal in der Denkmalskultur nach 1945 verankert".

Der erste Hauptteil gilt der Biographie des Bildhauers, der "ein schwieriger Mensch gewesen sein" soll. Doch fällt es nicht leicht zu glauben, dass er auch "ungesellig" war – gehörte er doch seit etwa 1955 als "Mynheer Adrian van Wesemael" zur Eichstätter Sozietät der höchst fidelen "Niederländter", zu deren Quellenarchiv die Verfasserin allerdings wohl kaum Zutritt hatte. Doch sehr akribisch skizziert sie seine Ausbildung und frühe Arbeiten aus den Jahren in Salzburg nach, wo er als freier Kunstmaler wirkte, oder seine Mitwirkung als Assistent an einem Berliner Fresko.

1936 erhielt er den Nürnberger Albrecht-Dürer-Preis, bald zog es ihn nach München. Während des Zweiten Weltkriegs wirkte er als Pressezeichner und Kriegsmaler in Frankreich und Russland, wobei sich nicht viele Werke aus dieser Produktion erhalten haben. Nach der Kriegsgefangenschaft kam der Künstler 1947 nach Eichstätt, wohin seine Frau gezogen war. Es kam zu einer "Neuorientierung", Wünsche-Mitterecker schuf Fresken und Gemälde für die Pfarrkirche in Allersberg, die Friedhofskapelle in Gungolding und eine Wohnsiedlung in Treuchtlingen, bevor er sich Relief und Steinguss als neue Schaffens-Möglichkeiten erschließt und so ab 1958 an sein Hauptwerk gerät, zu dessen Förderung ein Kuratorium gegründet wird.

Die Studie zeichnet den Weg des Mahnmals von den ersten Gesamtentwürfen bis zur Realisierung nach und stellt Wünsche-Mitterecker auch in einen Kontext mit zeitgenössischen Künstlern wie Fritz Wotruba oder Henry Moore, wobei sie zudem auf Kritik eingeht, die das Werk reichlich erfuhr, und den Denkmalsbegriff nach 1945 reflektiert. Ein umfassender Anhang zur Vita, mit Planungsprotokollen und einer Bibliografie runden die Studie ab.

Myriam Wagner: Schlachtfeld – Monument. Zu Alois Wünsche-Mittereckers Mahnmal (1958-1975). Teil I: Text, Teil II: Abbildungen. Ars et Unitas Verlagsgesellschaft Neuried 2009 (Reihe Deutsche Universitätseditionen Band 32), 415 + 230 Seiten, Preis 98 Euro.

Von Walter Buckl
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