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Die Ausstellung "Der Durst der Seele" von Hubert P. Klotzeck wurde im Rahmen von "kunst & gesund" eröffnet

Das Tabu-Thema Alkoholismus fest im Blick

Eichstätt
erstellt am 15.05.2018 um 20:30 Uhr
aktualisiert am 19.05.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Eichstätt (EK) Viele Mythen ranken sich um das Thema Alkoholkonsum: "Ein bisschen Alkohol - das kann doch nicht schädlich sein!" Sogar gesund soll es sein, das Glas Rotwein am Abend, heißt es. "Alkohol ist Kulturgut" - so verklärt Werbung bisweilen hochprozentige Getränke, die viel zu viele Menschen zu Suchtverhalten, Krankheit, ja in tiefste Abgründe führen können.
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?Unorte? wie diesen hat Hubert Klotzeck in eindrucksvoller Weise mit Informationen zu den Wirkungen von Alkohol und Alkoholismus kombiniert.
"Unorte" wie diesen hat Hubert Klotzeck in eindrucksvoller Weise mit Informationen zu den Wirkungen von Alkohol und Alkoholismus kombiniert.
Fotos: Klotzeck/Kusche
Eichstätt
In einer höchst berührenden und vielschichtigen Ausstellung widmet sich der Fotokünstler und Galerist Hubert P. Klotzeck dem Thema Alkoholismus. "Der Durst der Seele", so hat Klotzeck seine kongeniale Bild-Text-Dokumentation betitelt, die er im Rahmen des Kunstfestivals "kunst & gesund" vom Stadtkultur Netzwerk der Bayerischen Städte e.V. am Freitagabend mit rund 50 Gästen in der "Bildfläche" eröffnete.

"Wir haben es beim Alkoholismus mit einem Tabu-Thema zu tun - das habe ich bei meinen Vorbereitungsarbeiten zur Ausstellung immer wieder gespürt", so Klotzeck in seinen Begrüßungsworten bei der Vernissage. Mit seinem Projekt wolle er dazu beitragen, den Blick auf das Thema Alkohol in unserer Gesellschaft zu schärfen.

Eigentlich, so der Fotograph und Galerist, handele es sich bei der Ausstellung gar nicht um eine Ausstellung im üblichen Sinne: "Es ist eher ein Objektiv, mit dem der Blick auf ein Thema gelenkt wird, der Ausschnitt gewählt und die Schärfe so gut wie möglich eingestellt wird." Alkoholismus sei ein Thema, das uns ständig umgebe - in der Werbung, beim Einkauf, im eigenen Verhalten oder im Beobachten dessen, was um uns herum geschehe.

Vor dem Hintergrund seiner eigenen Erlebnisse und Erfahrungen in der Familie und auch bei ihm selbst habe er das Thema gewählt, das ihn schon lange bewege: "Ich bin selbst in einem Familiendurcheinander aufgewachsen, in dem der Alkohol viel Leid und Schaden bis hin zum frühen Tod meines Vaters und Stiefvaters angerichtet hat", legte Klotzeck offen dar.

Großen Dank für den Mut, diese besondere Ausstellung vorzubereiten und zu präsentieren, sprach Christine Fuchs, Leiterin des Stadtkultur Netzwerks Bayerischer Städte e.V. und Organisatorin des derzeit laufenden Kulturfestivals "kunst & gesund" mit über 100 Veranstaltungen in rund 20 bayerischen Städten, Klotzeck in ihren Begrüßungsworten aus: "Es ist eine berührende, ernsthafte und großartige Ausstellung, die ihre Kraft aus seiner Geschichte erhält." Die Ausstellung treffe genau den Kern des Kunstfestivals und zeige, wozu Künstler in der Lage seien, so Fuchs.

Es ist eine kongeniale Kombination aus Fotographien und Texten, die Klotzeck in seiner Ausstellung in Bildtafeln in eindrücklicher und für den Besucher wahrhaft berührender Weise zusammengestellt hat. "Unorte" - so hat er seine eindrücklichen Fotographien der Trostlosigkeit betitelt. Mit Unterstützung von Stefanie Noll und Kristina Schmitt wurden die Fotographien mit akribisch genau recherchierten, wissenschaftlich belegten Informationen rund um Alkohol und Alkoholismus ergänzt.


"Unorte" - das kann ein Scherbenhaufen als Sinnbild für den von Alkohol zerbrochenen Lebensweg sein, eine heruntergekommene Hausfront oder ein vergessenes altes Möbelstück in einem zurückgelassenen Haus, Motive, die dem Betrachter Geschichten erzählen. Hier ein uraltes verschmutztes Waschbecken, dort ein Dachboden mit staubigen leeren Wein- und Schnapsflaschen. Klotzeck hat sie erbarmungslos ergänzt durch alarmierende Erkenntnisse rund um Alkohol und Alkoholismus. Zahlen und Fakten, Erkenntnisse über Ursachen, Phasen und Folgen des Alkoholkonsums, wie zum Beispiel Degenerationserscheinungen des Gehirns, lassen den Besucher im ersten Ausstellungsraum nicht ohne Schaudern zurück: 133,8 Liter betrug der Pro-Kopf-Konsum 2016 in Deutschland, 9,5 Millionen Deutsche trinken zu viel Alkohol, 1,6 Millionen missbräuchlich, 1,77 Millionen im Alter zwischen 18 und 64 Jahren sind alkoholabhängig. Riskanter Alkoholkonsum ist der Grund für etwa 74000 Todesfälle und rund 13500 Unfälle im Straßenverkehr jährlich.

Mit gängigen Mythen zum Alkohol konfrontiert Klotzeck seine Gäste im mittleren Galerieraum. Staunend kann man dort erfahren, dass die Annahme "Ein bisschen Alkohol kann doch nicht schaden. Alkohol ist sogar gesund" einfach falsch ist. Denn wer weiß schon, dass die "risikoarme Alkoholmenge" bei Frauen bei 0,3 Litern Bier oder 0,15 Litern Wein, bei Männern bei 0,6 Litern Bier oder 0,3 Litern Wein liegt? Dass Deutschland weltweit eine Spitzenposition im Alkoholkonsum einnimmt und in osteuropäischen Ländern - entgegen unserer Vorstellung - viel weniger Alkohol getrunken wird als bei uns? Das Problem: Der Konsum keines anderen Suchtmittels ist gesellschaftlich derart akzeptiert. Dass Alkohol abhängig machen kann, wissen zwar die meisten, aber wie hoch die gesundheitlichen Risiken beim Konsum von Alkohol wirklich sind, wird häufig verdrängt. Eine intime Dimension hat Klotzeck seiner Ausstellung im hinteren Galerieraum gegeben, wo er in 13 ganz persönlichen Erinnerungstexten die unvorstellbaren Abgründe darlegt, die sich für ihn auf Grund des Alkoholkonsums in seiner Familie aufgetan haben. Er musste nicht nur Gewalt in Form von Prügelei, Schlägen und Strafen erleben, sondern auch das schier unerträgliche Leid von Verfall, Krankheit und Tod seiner Familienmitglieder: "Es ist ein unermesslicher Schaden, den Alkohol anrichten kann und den so viele Kinder, Angehörige und Partner erleben mussten und noch immer erleben müssen", so Klotzeck.
Einen eigenen Blick auf geleerte Alkoholflaschen in trostlosem Ambiente bieten diese Fotographien Klotzecks dem Betrachter.
Einen eigenen Blick auf geleerte Alkoholflaschen in trostlosem Ambiente bieten diese Fotographien Klotzecks dem Betrachter.
Fotos: Klotzeck/Kusche
Eichstätt



Eine beeindruckende Sammlung von Pressetexten des EICHSTÄTTER KURIER und des DONAUKURIER von 2017 und 2018 über Gewalttaten und Ausnahmesituationen unter Alkoholeinfluss von über 3,44 Promille ergänzt diese persönlichen Berichte genial. Randale, Trunkenheit auf dem Fahrrad, Ausrasten, Fluchten von Unfallstellen in betrunkenem Zustand, Schlägereien, Gewalttaten Alkoholisierter, die bis zur Bewusstlosigkeit des Opfers führten - die Berichte lesen sich wie ein Kriminalroman.

Der Besucher der Ausstellung bleibt mit Betroffenheit zurück. Dennoch: "Der Durst der Seele" kommt ohne erhobenen Zeigefinger und ohne schulmeisterhafte Belehrungen aus. Zahlen und Fakten, Erläuterungen, Berichte und Texte sowie die mutigen eigenen Erinnerungen Klotzecks sprechen für sich. Man spürt sehr schnell: Hier findet eine intensive, vielleicht auch schmerzvolle Auseinandersetzung mit dem Thema Alkoholismus statt.

Doch sie erreicht ihr Ziel: Die Ausstellung berührt und bewegt, klärt angesichts der vorliegenden Ergebnisse und Erfahrungen erbarmungs- und schonungslos auf und lässt das Leid und den Schaden nur erahnen, den Alkohol anzurichten vermag. Und sie entlässt den Besucher schließlich mit einer aufrüttelnden Frage im Kopf - wie wir mit dem Tabu-Thema Alkohol zukünftig in unserem eigenen Umfeld und unserer Gesellschaft umgehen wollen.

Die Ausstellung "Der Durst der Seele" ist noch bis 17. Juni 2018 in der Galerie "Bildfläche" am Bahnhofplatz 20 jeweils Mittwoch und Freitag von 14 bis 18 Uhr sowie Samstag von 10 bis 13 Uhr und nach telefonischer Vereinbarung unter (0151) 25350296 zu sehen. Im Laufe des Ausstellungszeitraums sind weitere Veranstaltungen wie Gesprächsabende und Vorträge geplant, die in der Tagespresse angekündigt werden.
 
Dagmar Kusche
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