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Berufsschule Eichstätt startet 2019 mit der bayernweit ersten Doppelausbildung "Technischer Kaufmann"

Zwei Ausbildungsberufe in einem

Eichstätt
erstellt am 12.09.2018 um 17:57 Uhr
aktualisiert am 16.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Eichstätt (EK) In einem Schulterschluss zwischen Wirtschaft und Schule startet im Ausbildungsjahr 2019/2020 an der Staatlichen Berufsschule Eichstätt bayernweit die erste Doppelausbildung zum "Technischen Kaufmann". Damit reagiert die Schule auf die Bedürfnisse des Handwerks und der Wirtschaft.
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Stellten die für Bayern bislang einzigartige Doppelausbildung an der Staatlichen Berufsschule Eichstätt vor (von links): stellvertretende Schulleiterin Eva Hertle, Schulleiter Wendelin Ferstl, die Unternehmer Dominik Biersack, Michaela Weitner und Vater Heinz Weitner sowie Lehrer Stefan Plank.
Stellten die für Bayern bislang einzigartige Doppelausbildung an der Staatlichen Berufsschule Eichstätt vor (von links): stellvertretende Schulleiterin Eva Hertle, Schulleiter Wendelin Ferstl, die Unternehmer Dominik Biersack, Michaela Weitner und Vater Heinz Weitner sowie Lehrer Stefan Plank.
Redl
Eichstätt
Ab September 2019 wird damit die Möglichkeit geboten, innerhalb von vier Jahren parallel sowohl einen Abschluss zum/r Feinwerkmechaniker/in und zum/r Kaufmann/-frau für Büromanagement zu erwerben. Im gleichen Zug wird auch die Ausbildung zum/r Industriemechaniker/in mit Industriekaufmann/-frau angeboten. Beide Berufe werden in Blockform für ganz Bayern an der Staatlichen Berufsschule in Eichstätt unterrichtet und jeweils mit Prüfung und Zeugnis abgeschlossen.

Mit dem Angebot wird, wie sowohl Wendelin Ferstl, Direktor der Staatlichen Berufsschule, als auch Heinz Weitner und Dominik Biersack auf Unternehmerseite in einem Gespräch mit unserer Zeitung erklärten, ein seit langem gehegter Vorschlag der Unternehmer in die Tat umgesetzt.

Dass der Wirtschaft Fachkräfte fehlen, ist allseits bekannt. Aber auch Führungskräfte mit Praxiserfahrung sind rar; Menschen, die nicht nur in ihrer Sparte fit sind, sondern auch in anderen Bereichen mitreden können und damit einen größeren Überblick haben und möglicherweise auch eine größere Verantwortung übernehmen können.

Michaela Weitner beispielsweise, Tochter von Firmenchef Heinz Weitner (Weitner Engeneering, Eichstätt, mit etwa 250 Beschäftigten) und potenzielle Nachfolgerin, hat Betriebswirtschaftslehre für den kaufmännischen Bereich studiert; was die Mechanik oder die Produktion der von der Firma hergestellten Erzeugnisse betrifft, musste sie sich erst nach und nach einarbeiten, um auch hier mitreden zu können oder "überhaupt eine Ahnung zu haben, wie eine Zeichnung gelesen wird und wie eine Produktion abläuft". Hätte es diese Doppelausbildung, wie sie kommendes Jahr angeboten wird, bereits vor fünf Jahren gegeben, dann wäre Michaela hier eingestiegen.

Ähnlich äußert sich Dominik Biersack. Der Geschäftsführer des gleichnamigen Beilngrieser Unternehmes mit etwa 150 Mitarbeitern ist gelernter Bankkaufmann (die Ausbildung machte er an der Berufsschule in Eichstätt). Später studierte er Industriemechaniker. In mittelständischen Betrieben, betont Biersack, sei es wichtig, Denk- und Handelsweisen zu entwickeln, um kaufmännische und technische Prozesse zu verstehen und im Rahmen der fortschreitenden Digitalisierung umzusetzen. Beide Fachrichtungen somit zu bündeln, ein "Schnittstellenproblem" (Heinz Weitner) zu beseitigen, das erschien den Unternehmern im Landkreis Eichstätt als zielführend. Und Berufsschulchef Wendelin Ferstl zeigte sich sehr aufgeschlossen.

Gesucht für die neue Doppelausbildung sind vor allem "leistungsfähige und leistungsbereite Absolventinnen und Absolventen mit einem sehr guten oder guten mittleren oder höheren Schulabschluss", wie es in der Ausschreibung heißt. Angesprochen sollen sich eventuell auch Studienabbrecher fühlen.

Die bürokratischen Hürden - Genehmigung durch das Kultusministerium, durch die Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern sowie die Handwerkskammer und den Verband der Bayerischen Metallindustrie - sind zwischenzeitlich genommen. Und auch der Landkreis Eichstätt als Sachaufwandsträger der Schule steht "voll und ganz hinter diesem neuen Angebot", wie Ferstl versichert.

Seitens der Berufsschule zieht die Neuerung zwar organisatorisch einen Rattenschwanz an Maßnahmen nach sich, doch sowohl personell wie auch räumlich sieht sich die Schule gerüstet. Stefan Plank, Lehrer für Metallverarbeitung, der seit Monaten an dem Projekt arbeitet und mit etwa 350 Betrieben in ganz Bayern die Notwendigkeit einer derartigen Neufassung der Ausbildung abgeklärt hat, hat zwischenzeitlich die Stundentafel für die Doppelausbildung in groben Zügen fertig. Letztlich heißt dies, dass die bisher bereits angebotene 3,5-jährige Ausbildung beispielsweise zum Feinwerkmechaniker zwar um ein halbes Jahr verlängert wird. Da aber gleichzeitig ein zweiter Ausbildungsberuf erlernt wird, bedeutet dies faktisch eine Verkürzung. Somit hat der Auszubildende nach vier Jahren zwei Berufe gelernt - und mit Prüfung und Zeugnis dokumentiert. Die Verkürzung ist unter anderem deshalb möglich, weil die sogenannten allgemeinbildenden Fächer wie Deutsch, Sozialkunde, Englisch und Religion nur einmal für beide Fachrichtungen unterrichtet werden. Auch die Wirtschaft "belohnt" die Doppelausbildung mit einer höheren Ausbildungsvergütung im letzten halben Berufsschuljahr, wie Heinz Weitner versichert. Zudem: Wer Einblick in beide Berufsfelder hat, dem steht ein schnellerer Aufstieg innerhalb des Betriebs und damit auch eine bessere Entlohnung in Aussicht. Firmen, die sich zusammen mit der Schule für die Doppelausbildung stark machen, stellen auch ihre Ausbildungspläne um. Denn, so Heinz Weitner: "Wir brauchen Leute mit betriebswirtschaftlichen und technologischen Kompetenzen, die dort eingesetzt werden können, wo kaufmännische und technische betriebliche Prozesse in hohem Maße miteinander verschränkt sind."

Bewerbungen für die neue Doppelausbildung sind ab sofort möglich. Auf der Homepage der Staatlichen Berufsschule Eichstätt sind Informationen zur Ausbildung sowie die Firmen veröffentlicht, die Bewerbungen entgegennehmen. Fragen werden auch unter info@berufsschule-eichstaett.eu beantwortet.
 

Kommentar von Hermann Redl

Mit dem "Technischen Kaufmann" haben Schule und Wirtschaft ein Angebot geschaffen, das den seit Jahren festzustellenden Trend hin zum Studium um jeden Preis hinterfragen und zugleich die berufliche Bildung stärken kann. Denn die Doppelausbildung Mechanik und Kaufmann kann es gewiss mit dem Bachelor-Abschluss an einer Fachhochschule/Universität aufnehmen.

Mitarbeiter, die sowohl von kaufmännischen wie von technischen Prozessen etwas verstehen und dieses Wissen bei der fortschreitenden Digitalisierung anwenden können, werden gebraucht: für Führungspositionen in mittelständischen Unternehmen.

Die Wirtschaft, die auf die Einführung dieses Angebots gedrängt hat, muss nun selbst mit Verantwortung übernehmen, ihre Ausbildungspläne entsprechend anpassen und sich attraktiv aufstellen - nicht zuletzt auch bei der Bezahlung der künftigen Verantwortungsträger.
 
Hermann Redl
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