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Flüchtlingsunterkunft am Residenzplatz endet nach 1033 Tagen – Fast 3000 Asylsuchende

Die Erstaufnahme ist Geschichte

Eichstätt
erstellt am 01.08.2017 um 20:36 Uhr
aktualisiert am 05.08.2017 um 03:33 Uhr | x gelesen
Eichstätt (EK) Die letzten Geflüchteten haben die Unterkunft bereits verlassen: Nach fast drei Jahren hat die Regierung von Oberbayern die Erstaufnahmedependance am Eichstätter Residenzplatz geschlossen.
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Archivfoto Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward Eichstätt
Chloupek, Eva, Eichstaett
Eichstätt
Die Unterkunft für bis zu 250 Geflüchtete entwickelte sich zur Mustereinrichtung – unterstützt durch über 100 Ehrenamtliche.
Fotostrecke: Erstaufnahmeeinrichtung Eichstätt
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Jetzt sind die Tore der Erstaufnahme endgültig zugegangen. Fast 3000 Geflüchtete aus insgesamt 25 Nationen (wir berichteten) wohnten in den vergangenen 1033 Tagen hier an der Altmühl – seit jener Woche, als Bischof Gregor Maria Hanke überraschend die leer stehende ehemalige Maria-Ward-Realschule der Regierung von Oberbayern als Asylunterkunft angeboten hat. Er wollte damals eine „humanitäre Allianz“ schmieden, ein Zeichen setzen in der ersten Hochphase der Flüchtlingskrise 2014, die große Wohnraumnot im Freistaat lindern helfen. Hunderte, später tausende kamen täglich in Bayern an. Den ehemaligen Domherrnhof zur Verfügung zu stellen, war für Hanke seinen Worten zufolge „keine sozialpolitische Kür“, ihm sei es darum gegangen, „tatkräftige Hilfe zu leisten“ – zunächst befristet für ein Jahr. Nun sind drei daraus geworden, mietfrei. Er wolle mit der Not anderer Menschen „kein Silber machen“.

Erster Besichtigungstermin in der Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward: OB Andreas Steppberger, Landrat Anton Knapp, Sozialministerin Emilia Müller, Bischof Gregor Maria Hanke (von links) 25. September 2014
Schneider, Marco, Eichst�¤tt
Eichstätt
 

Während andernorts Proteste losbrachen, wenn Flüchtlinge in die Orte kamen, Ängste geschürt wurden und die Ablehnung oft groß war, waren die Eichstätter anders. Nicht nur die beteiligten Behörden packten beherzt an, als es darum ging, das Gebäude, das nach dem Auszug der Realschule leer stand, vorzubereiten und zu ertüchtigen: Das Ordinariat kümmerte sich um den Umbau, organisierte das Catering, Mitarbeiter der Bistumsverwaltung ließen ihre eigentliche Arbeit stehen und halfen mit. Die Bereitschaftspolizei rückte mit zahlreichen Beamten in Ausbildung an, die Betten und Schränke zusammenschraubten. Die Bürger spendeten für die Einrichtung mitten in der Kleinstadt Spielzeug, halfen beim Übersetzen und lieferten nicht mehr gebrauchte Kleidung an die Caritas – bis deren Kleiderkammer schon binnen weniger Tage übervoll war. Und die Eichstätter engagierten sich ehrenamtlich. Sei es zusammen mit der VHS beim Deutschunterricht oder gemeinsam mit den Maltesern.

Kinderbetreuung Erstaufnahme Maria Ward Oktober 2015
Schneider, Marco, Eichst�¤tt
Eichstätt

Die Zahlen, die die Flüchtlingsreferentin des Hilfsdiensts, Cordula Klenk, und deren Ehrenamtskoordinatorin Joana Lang-Eder parat haben, sind beeindruckend: In den vergangenen gut drei Jahren waren es insgesamt 110 Eichstätterinnen und Eichstätter zwischen 18 und 85 Jahren, vom Studenten bis zum Rentner, die einmal in der Woche die Kinderbetreuung übernommen haben. „Da war auch viel Spontanität gefragt“, erinnert sich Joana Lang-Eder, schließlich habe man nie gewusst, ob fünf oder 60 Kinder da sind. „Wir Malteser sind dankbar für jede und jeden Einzelnen, die sich in der Kinderbetreuung in Maria Ward eingesetzt haben“, sagt Klenk. Durch das Engagement habe man ermöglicht, den Geflüchteten „die Zeit in der Unterkunft leichter zu machen und sie spüren zu lassen, dass hier Menschen leben, die es gut mit ihnen meinen“. Die Kinder waren immer eingebunden in das Leben der Stadt: vom Spielen und Basteln in der Unterkunft bis hin zur Teilnahme am Volksfestumzug oder beim weihnachtlichen Kinderkrippenspiel im Dom.

Archivfotos Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward 2017
Schneider, Marco, Eichst�¤tt
Eichstätt

Auch die Schwestern der benachbarten Congregatio Jesu, die früher als „Englische Fräulein“ bekannt waren und lange Zeit die Realschule führten, waren präsent – trotz sprachlicher Barrieren: „Wenn es mit der Sprache nicht so funktioniert, von Herz zu Herz geht’s dann doch“, motivierte sich Ordensoberin Claudia Köberlein für ihr Engagement in der Unterkunft. Diese Rädchen, die offenbar perfekt ineinandergegriffen haben, waren es wohl auch, die die Erstaufnahme-Dependance bayernweit als mustergültig bekanntgemacht haben. Immer wieder wurde von verschiedenen Stellen auf „Eichstätter Modelle“ verwiesen, sei es in der medizinischen Versorgung der Geflüchteten oder in einer eigens für diese Unterkunft entwickelte strukturierte Tagesgestaltung für die Bewohner oder das pädagogische Malprojekt. Das sollte das Gebäude, das eigentlich schon nach dem Auszug der Realschule stark renovierungsbedürftig war, einerseits verschönern. Andererseits war es auch ein Beitrag zur Deeskalation. Da entstanden teils großformatige Wandgemälde, die die Geflüchteten selbst gestaltet haben.

„Die Unterkunft war ein fester Bestandteil der Stadt.“

OB Andreas Steppberger

 

Archivfotos Erstaufnahmeeinrichtung Maria Ward 2017
Schneider, Marco, Eichst�¤tt
Eichstätt

Hier war die Betreiberfirma Jonas Better Place (JBP) mit dem für Eichstätt zuständigen Objektleiter Tobias Geyer federführend. JBP war bekanntlich von Dezember 2014 an als Betreuerin der Erstaufnahme eingestiegen. Die Firma kümmerte sich von Anfang an nicht nur um die Sicherheit des Hauses und der Bewohner, sondern war – nicht zuletzt durch das internationale und pädagogisch wie psychologisch geschulte Personal – auch wirklich in allen Lebenslagen für die Bewohner da. Darauf und auch auf den Standort eigentlich inmitten der Kernstadt dürfte es mit zurückzuführen sein, dass es trotz der alles andere als homogenen Bewohnergruppen zu bemerkenswert wenigen Problemen innerhalb der Unterkunft und auch außerhalb gekommen ist. Die Geflüchteten gehörten mittlerweile fest zum Stadtbild dazu, sei es am Marktplatz beim öffentlichen Wlan-Hotspot oder am Residenzplatz, wo es mittlerweile auch drahtloses Internet gibt.

Oberbürgermeister Andreas Steppberger hat die Unterkunft und ihre Bewohner einmal als „festen und bewährten Bestandteil“ bezeichnet. Nun löst sich dieser Bestandteil wieder aus der Stadt. Ein Fest für jedermann, wie es Jonas Better Place geplant hatte, sollte es aber nicht mehr geben, vielmehr auf Wunsch der Regierung nur eine interne Feier der Verantwortlichen.

„Es ging mir darum,tatkräftige Hilfe zu leisten.“

Bischof Gregor Maria Hanke


Dennoch: Die Maria-Ward-Erstaufnahme wird zumindest in der Erinnerung präsent bleiben. Im September soll in der ehemaligen Schule, um deren Weiternutzung als Universitätsgebäude aktuell noch Gespräche mit dem Bistum laufen, ein Ort dafür eingerichtet werden.

 

Ein Kommentar von Marco Schneider

Es waren drei ereignisreiche Jahre, in denen die ehemalige Maria-Ward-Realschule als Unterkunft für Geflüchtete aus aller Welt gedient hat – nach einem bemerkenswerten Schritt des Eichstätter Bischofs Gregor Maria Hanke. Dafür ist ihm noch heute großer Respekt zu zollen: Hanke hat nicht nur geredet und Geld gegeben, sondern Taten sprechen lassen und wohl eines der repräsentativsten Gebäude der Stadt als Wohnraum für Asylsuchende zur Verfügung gestellt.

Die Eichstätter sind der Unterkunft und ihren Bewohnern von der ersten Minute an mit Offenheit begegnet, haben Hilfsbereitschaft gezeigt und sich weit über die Maßen dort ehrenamtlich engagiert – quer durch alle Generationen. Dass dieses Engagement nun auf Wunsch der Regierung keine öffentliche Würdigung mehr erfährt, trifft. Stolz war die Regierung auf die Unterkunft in Eichstätt am Anfang – sogar der Regierungspräsident hat immer wieder einmal spontan vorbeigeschaut.

Davon will man am Ende offenbar nichts mehr nach außen tragen. Aus München wird darauf verwiesen, dass Erstaufnahmeeinrichtungen keine Brennpunkte mehr seien und auch anderswo, etwa in Fürstenfeldbruck, ohne großes Aufhebens stillgelegt werden. Das kann man von einem Schreibtisch aus so sehen. Für Eichstätt aber geht eine Zeit zu Ende, die diese Kleinstadt herausgefordert aber auch geprägt hat. Den Menschen, die zu alledem beigetragen haben, gilt es Dank zu sagen. Und zwar öffentlich. Das hat die Regierung verpasst.  

Marco Schneider
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