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Auf den Spuren der bayerischen Ahnen

Eichstätt
erstellt am 12.10.2018 um 18:06 Uhr
aktualisiert am 14.10.2018 um 10:49 Uhr | x gelesen
Eichstätt (EK) Drei Eichstätterinnen machten es möglich, dass Anna Schütz mit ihren beiden kleinen Mädchen 1852 zu ihrem Mann Joseph nach Amerika ausreisen konnte. Sie erließen ihr 172 Gulden Schulden. Eine überaus spannende Auswanderer-Geschichte.
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Geoffrey Buerger zeigte sich bei seinem Besuch im Eichstätter Rathaus überglücklich über die Dokumente seiner Vorfahren, die Hauptamtsleiterin Gabriele Schneider im Stadtarchiv gefunden hat. Ein Foto des Auswanderers gibt es nicht, nur das eines Enkels, William ? der wiederrum Geoffreys Großvater war (Bild unten).
Geoffrey Buerger zeigte sich bei seinem Besuch im Eichstätter Rathaus überglücklich über die Dokumente seiner Vorfahren, die Hauptamtsleiterin Gabriele Schneider im Stadtarchiv gefunden hat. Ein Foto des Auswanderers gibt es nicht, nur das eines Enkels, William - der wiederrum Geoffreys Großvater war (Bild unten).
Buerger/Ettle/Chloupek
Eichstätt
Anhand der Dokumente im Eichstätter Stadtarchiv, der Matrikelbücher des Diözesanarchivs, der Zeitungsmeldungen und der Schilderungen des Nachfahren von Anna und Joseph Schütz, Schuldirektor Geoffrey Buerger aus Pittsfield (Massachusetts, USA), lässt sich das Schicksal der Familie weitgehend nachvollziehen. Buerger unternahm jetzt eine Deutschlandreise "auf den Spuren der bayerischen Ahnen" und war diese Woche in Eichstätt, um Nachforschungen anzustellen.
Die Kopien von drei Aktenbündeln in alter deutscher Schrift, von einem Heimatforscher transkribiert, kann Buerger mit in die Vereinigten Staaten nehmen. Schon der Akt Nr. 3941 wirft ein Licht auf die Zeitverhältnisse: Der Schuhmachermeister Joseph Schütz, geboren 1815 in Beilngries, hatte die Eichstätter Gärtnerstochter Anna Betz (Jahrgang 1819) geheiratet, bekam aber zunächst vom Magistrat keine Erlaubnis zur Übersiedlung nach Eichstätt. Da sprachen verschiedene Gremien ein gewichtiges Wort mit, unter anderem der Armenpflegschaftsrat. Und in dieser Runde wurde argumentiert, dass ausreichend Schuhmacher vorhanden seien, also zu befürchten sei, dass der Beilngrieser der Armenkasse zur Last fallen würde. Der Schuster hatte sehr viel Tinte verschrieben, bis der Magistrat ihn endlich nach Eichstätt ziehen ließ. Die Sorge der Armenpfleger war jedoch nicht unberechtigt gewesen, denn Schütz "ging auf die Gant", musste also Konkurs anmelden.
Geheiratet hatten Joseph Schütz und Anna Betz noch in Beilngries, nämlich im Januar 1844. Ihr erstes Kind, Walburga Maria, kam in Beilngries im Dezember 1844 zur Welt, "abends 9 Uhr", wie der Pfarrer ins Matrikelbuch schrieb. Das zweite Kind, Antonia Maria, wurde in Eichstätt 1849 geboren. Die Familie wohnte bei der Mutter der Ehefrau, der Gärtnerswitwe Anna Betz im Anwesen Litera F 23 in der Ostenvorstadt, am späteren Krankenhausgässchen.
 

Heimliche Ausreise nach Amerika

Das weitere Schicksal der Familie nach dem Konkurs lässt sich aus den polizeilichen Protokollen der Vernehmung von Anna Schütz ersehen. Denn "mit Wissen und Willen" der Ehefrau, aber ohne behördliche Erlaubnis und ohne Visa, machte sich Joseph Schütz auf die Passage nach Amerika. Die Route lässt sich bis Nürnberg verfolgen, wohin er im Jahr 1850 mit dem Glasermeister Sebastian Weitenhiller fuhr. Angeblich wollte er Leder einkaufen. Wie er nach Bremen oder Hamburg kam, wie er auf ein Schiff gelangte und wie er damit den Atlantik überquerte, ist nicht dokumentiert. Das von Anna Schütz angegebene Ausreisejahr 1851 kann nicht stimmen, denn ihr Mann steht bereits auf der Liste der US-Volkszählung vom 1. Juni 1850.

In der Eichstätter Zeitung erschien im April 1850 ein Artikel "im Namen Seiner Majestät des Königs, die eigenmächtige Auswanderung betreffend". Wegen mehrerer derartiger Fälle wurde darauf hingewiesen, dass Emigranten eine Genehmigung der Distriktspolizei benötigen sowie "eine Entlassung aus dem bayerischen Untertanen-Verband". In Bayern war Mitte des 19. Jahrhunderts "eine notige Zeit". In der Zeitung erschienen laufend Meldungen über Vergantungen. So hofften viele Leute auf das große Glück in Amerika. Einer Auflistung zufolge übersiedelten von 1849 bis 1870 exakt 69 Eichstätter Familien oder ledige Personen nach Nordamerika, "um ein besseres Fortkommen zu finden".
Ein Lebenszeichen des Auswanderers Joseph Schütz findet sich in Schenectady (New York). Er wohnte in einer Pension unter deutschsprachigen Männern und arbeitete als Schuster. Dies teilte sein Nachfahre Geoffrey Buerger mit. Der Schuhmacher muss aber schon ordentlich verdient haben, denn bei einer Hausdurchsuchung in Eichstätt bei seiner Frau Anna fand die Polizei im Kleiderkasten in einem Gebetbuch versteckt eine Postanweisung im Wert von 45 Gulden.
Der Grabstein der Auswanderin Anna Schütz aus der Eichstätter Ostenvorstadt, die von 1819 bis 1903 lebte. Die Familie wechselte 1870 den Namen in Betz, woraus Betts wurde. Im EK-Archiv findet sich auch die Anzeige des Schifffahrtsunternehmens Lüdering, mit dem Anna Schütz und ihre Kinder nach Amerika segelten. Die Billetts konnten in Eichstätt bei Melchior Laun gekauft werden.
Der Grabstein der Auswanderin Anna Schütz aus der Eichstätter Ostenvorstadt, die von 1819 bis 1903 lebte. Die Familie wechselte 1870 den Namen in Betz, woraus Betts wurde. Im EK-Archiv findet sich auch die Anzeige des Schifffahrtsunternehmens Lüdering, mit dem Anna Schütz und ihre Kinder nach Amerika segelten. Die Billetts konnten in Eichstätt bei Melchior Laun gekauft werden.
Buerger/Ettle/Chloupek
Eichstätt



Die Behörden hatten nämlich vom Verschwinden des Joseph Schütz Wind bekommen und eine Suche in der Gärtnerei "nach Post von Joseph Schütz aus Nordamerika" durch den Stadtinspektor und einen Polizeisoldaten genau an dem Tag angesetzt, als Anna Schütz auf dem Wochenmarkt Gemüse verkaufte. Mittlerweile hatte Schütz nach Eichstätt geschrieben, seine Frau solle mit den beiden Kindern nachkommen. Das übliche Ausreiseverfahren wurde im Juni 1851 eingeleitet und im Wochenblatt das Vorhaben verkündet. Dies hatte den Zweck, dass sich Gläubiger der Ausreisewilligen melden, um ihr Geld zu fordern. Der Traum von der "neuen Welt" schien geplatzt, als Theresia Gschweller namens ihrer beiden Schwestern Marie und Juliana Gschweller, von denen eine mit drei Kreuzln zeichnete, am 14. April 1852 einen Schuldschein in Höhe von 172 Gulden präsentierte, der vom Konkurs stammte.

Was dann aber geschah, muss für Anna Schütz wie ein Wunder gewesen sein: Zwei Tage später wurde sie ins Rathaus zitiert. Da saßen bei Rechtsrat Karl Schneider die drei Frauen Gschweller, die wohl ein edles und weites Herz für ihre Mitmenschen hatten, und erklärten, "von den Ansprüchen abstehen zu wollen". Damit stand der Ausreise kein Hindernis mehr im Weg. In ihrer Freude versprach Anna Schütz: "Sollte ich in der neuen Heimat zu Vermögen kommen, werde ich die Schuld begleichen." Am 17. Mai 1852 war es so weit, die Stadt erteilte "Anna Schütz und ihren beiden sieben- und dreijährigen Kindern die polizeiliche Bewilligung zur Ausreise".
Die Schuhmachersgattin schloss mit dem Handlungshaus Lüdering und Compagnie im Mai 1852 einen Überfahrtsvertrag, bekam ein Visum des Königlich-bayerischen Generalkonsuls in Bremen und von ihrer Mutter, der Gärtnerswitwe Betz, 100 Gulden Reisegeld. Billetts konnten in Eichstätt in der Agentur Melchior Laun gebucht werden. Der Magistrat beschränkte sich wegen der Straftat "heimliche Ausreise ihres Mannes" auf einen Verweis und gab die beschlagnahmten Papiere zurück.
 

Mutter und Kinder 1852 in New York Geoffrey

Buerger hat in Schriften amerikanischer Archive gefunden, dass Anna Schütz und die beiden Mädchen mit dem Schiff "Arnold Böninger" von Bremen aus über den Atlantik fuhren und am 27. Juli 1852 in New York ankamen. Dort konnte Joseph Schütz endlich seine Familie in die Arme schließen. Sie ließen sich in Schenectady (New York) nieder.
Das Ehepaar bekam noch die Kinder Joseph (1853 bis 1927), Anna Maria (1855 bis 1937), Henry (1858 bis 1936) und Charles (1859 bis 1936). Die älteste, in Beilngries geborene Tochter Walburga änderte ihren Vornamen in Rosa, da Walburga in Amerika unbekannt war; sie heiratete Georg Friedrich Rühl aus Laubach in Hessen und bekam fünf Kinder. Gestorben ist sie 1922. Die zweite Tochter Antonia Maria, geboren in der Eichstätter Ostenvorstadt, starb bereits 1875 in Albany.
Kurios ist die Namensgeschichte der Neu-Amerikaner. Bei der Volkszählung 1855 in New York State erschien die Familie Schütz als "Chits", 1860 als "Shults", worauf sie 1870 beschlossen, den Mädchennamen der Frau anzunehmen. Fortan hießen sie Betz. Daraus wurde freilich bald "Betts".
Sohn Joseph erlernte das Friseurhandwerk und wurde Unternehmer. Er sang beim "Sängerbund Harmonia" mit und heiratete Anna Baim, eine Deutsch-Amerikanerin. Auch die dritte Tochter heiratete einen deutschen Auswanderer, Conrad Bürger aus Willinghausen. Geoffrey Buerger weiter: "Henry begann als Arbeiter, schaffte wie sein Vater als Schuster, wurde Polsterer bei der Eisenbahn und heiratete mit Dena Belk ebenso eine Deutsche." Bei der bekannten Eisenbahngesellschaft New York Central & Hudson River Railroad brachte es Charles zum Vorarbeiter. Auch er schloss eine Ehe mit einer Deutschen. Die Auswanderer siedelten zunächst am Südende von Albany (New York).
 
Buerger/Ettle/Chloupek
Eichstätt



Der "Heimatstandort" des Zweigs von Geoffrey Buerger ist seit 1950 Pittsfield. Der Mann mit bayerischen Wurzeln zitierte aus der Chronik: "Mein Ururgroßvater war Schuster, mein Urgroßvater Gasinstallateur, mein Großvater hat Zigarren gemacht, mein Vater war Lehrer, mein Bruder Universitätsprofessor, ich war Schuldirektor und mein jüngster Sohn wird Jurist."

Auf ihren Ursprungsort Eichstätt ist die Familie erst vor einem Jahr gestoßen, als in Albany eine Kirche geschlossen wurde und die Bücher in die New York Library gegeben wurden. "Von unserer Familie war noch niemand in Eichstätt", bemerkte Buerger, "ich war aber schon drei Mal in Deutschland." Er hat auch in der Schule Deutsch gelernt. Von der alten Heimat des Schuhmachermeisters und der Gärtnerstochter ist er total begeistert. Der Auswanderer Joseph Anton Schütz-Betz starb mit 58 Jahren 1873, seine Frau Anna wurde 84 Jahre alt und starb 1903.
 

König Ludwig die Treue aufgekündigt

" Dieses Dokument unterschrieb der Schuhmachermeister aus Eichstätt am 12. November 1850. Er schwor für immer jeglichen ausländischen Prinzen, Herrschern und Staaten die Treue ab, besonders König Louis (Ludwig) von Bayern. Es dauerte aber noch fünf Jahre, bis er das gewichtige Dokument zur Einbürgerung unterzeichnen konnte. Dies geschah, "geschworen in öffentlicher Sitzung am 4. Tag des September 1855", vor dem Staat von New York, Schenectady County. Der Zeuge John Kelly beglaubigte, dass er Schütz seit fünf Jahren kenne und jener in dieser Zeit ohne Unterbrechung in den Vereinigten Staaten gewohnt habe. "Joseph Schütz war in den fünf Jahren ein Mann von gutem moralischem Charakter, hing den Prinzipien der Vereinigten Staaten an und war deren guter Ordnung wohl gesonnen", so Kelly. Schließlich schwor Schütz noch Treue zur Verfassung der Vereinigten Staaten.T

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