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Das Zentrum für Flucht und Migration zeigt "Menschenschicksale" zur Zeit des Nationalsozialismus

Ausgebürgert

Eichstätt
erstellt am 11.06.2018 um 18:08 Uhr
aktualisiert am 15.06.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Eichstätt (EK) "Einbürgerung - Widerruf - Anerkennung": Das Zentrum für Flucht und Migration stellt in der Sommerresidenz der Katholischen Universität Eichstätt eine Dokumentation des Bundesverwaltungsamts nach Originalakten aus. Geschichten über Abschiebung, Fremdenhass und Staatenlosigkeit - die Parallelen zur heutigen Zeit sind unbestreitbar.
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Die Ausstellung ?Menschenschicksale? im Foyer der Sommerresidenz an der Katholischen Universität Eichstätt zeigt Biographien bekannter Persönlichkeiten während der Zeit des Nationalsozialismus. Robin Baumgartner (kleines Bild) sieht in den Lebensgeschichten von damals viele Parallelen zur heutigen Zeit.
Die Ausstellung "Menschenschicksale" im Foyer der Sommerresidenz an der Katholischen Universität Eichstätt zeigt Biographien bekannter Persönlichkeiten während der Zeit des Nationalsozialismus. Robin Baumgartner (kleines Bild) sieht in den Lebensgeschichten von damals viele Parallelen zur heutigen Zeit.
Fotos: Hausmann
Eichstätt
Es sind teils nur unscheinbare Zettel, die auf den Stellwänden zu sehen sind. Kleine Zettel, die aber eine fatale Auswirkung auf die Menschen in der Zeit während des Nationalsozialismus hatten. Es handelt sich um Ausbürgerungslisten, den "Ariernachweis" oder einen Brief eines verzweifelten Bürgers, der nicht aus seinem Land ausgewiesen werden möchte.

Die Ausstellung des Bundesverwaltungsamts, konzipiert von Lothar Schulz, beleuchtet Einzelschicksale in der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs, vom Kaufmann bis hin zu berühmten Persönlichkeiten wie Willy Brandt.

Unter den Stellwänden findet sich auch die Biographie Bertold Brechts wieder: Der Dramatiker und Lyriker verlor seine deutsche Staatsangehörigkeit aufgrund seiner "deutschfeindlichen" Artikel und Gedichte und floh schließlich 1933 aus Deutschland.

"Die Dokumentation zeigt die nationalsozialistische Willkür, wie mit den Menschen umgegangen und auch ihre Pressefreiheit eingeschränkt wurde", so Robin Baumgartner, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentrums Flucht und Migration.

Ein weiteres prominentes Beispiel für diese Willkür ist Albert Einstein, der für die Vergabe des Nobelpreises die deutsche Staatsbürgerschaft erhielt und schließlich doch wieder ausgebürgert wurde.
 
Fotos: Hausmann
Eichstätt



"Mich persönlich erschrecken die bürokratischen Mechanismen und die öffentliche Diffamierung, die sehr schnell eingerichtet und massiv umgesetzt wurden", erklärte Robin Baumgartner. Es seien "kleine bürokratische Papiere" - aber die Folgen? Verheerend für die einzelnen Menschen. Neben Porträts legt die Ausstellung den Besuchern auch Hintergründe zur damaligen Zeit nahe, zeigt die Struktur der NSDAP auf und erklärt die verschiedenen Dokumente, mit denen sich die Bürger ausweisen mussten.

Die Aktualität der Ausstellung und der Bezug zur heutigen Zeit ist nicht zu leugnen. "Die Geschichte wiederholt sich vielleicht nicht, aber gewisse Dynamiken können wieder auftauchen", mahnt Baumgartner. Insgesamt verschiebe sich der demokratische Grundkonsens. In diese Entwicklung reihe sich auch die Äußerung von AfD-Politiker Alexander Gauland ein, der kürzlich "Hitler und die Nazis" als "nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" bezeichnete. Die AfD setze mit dieser Äußerung wieder mal eine bewusste Provokation und lenke somit von demokratisch-politischer Arbeit ab, kommentiert Baumgartner.

Beispielsweise das Asylrecht scheine nur noch eine hohle Phrase zu sein. Wie bei den Ausbürgerungsbescheiden damals prägten bürokratisch kühle Sätze auch jetzt Asylablehnungsbescheide - Baumgartner selbst hat als Sozialpädagoge minderjährige Flüchtlinge betreut und sie bei der Integration unterstützt. Die Ausstellung im Foyer der Sommerresidenz soll nun auch Menschen, die in diesem Land leben dürfen, die Schicksale von Geflohenen verstehen lassen.

Die Ausstellung "Menschenschicksale - Die deutsche Staatsangehörigkeit im ,Dritten Reich'" ist noch bis 22. Juni zu sehen.
 
Anna Hausmann
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