Mittwoch, 21. November 2018
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Die Mitglieder des gemeinschaftlichen "Kapuzinergartens Eden" beim Saften

Apfelsegen in der Klosteroase

Eichstätt
erstellt am 12.09.2018 um 17:53 Uhr
aktualisiert am 16.09.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Eichstätt (EK) Kein Mensch kann so viele Äpfel essen, wie derzeit an den Bäumen hängen. Überall plumpsen sie in Gärten und auf Wiesen zu Boden und schimmeln vor sich hin. Um die wertvollen Früchte nicht zu verlieren, haben sich die Mitglieder des Gemeinschaftsgartens "Kapuzinergarten Eden" vergangenen Donnerstag und Freitag zum Ernten und Saften getroffen.
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Satte Ernte: Nach dem Sammeln geht es für die Mitglieder des Gemeinschaftsgartens zum Saften nach Eberswang.
Satte Ernte: Nach dem Sammeln geht es für die Mitglieder des Gemeinschaftsgartens zum Saften nach Eberswang.
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Ganz oben im Apfelbaum sitzt Wolli und schüttelt. Donnernd fallen hunderte Äpfel zu Boden. Edith springt lachend zur Seite, packt dann ihren Weidenkorb und beginnt, die Äpfel aufzusammeln. Wir anderen folgen ihr. Mit Eimern ausgestattet, kriechen wir durch das Gras und sammeln. Dieses Jahr kommen wir bei all dem Obst kaum hinterher. Dabei haben wir in den vergangenen Wochen bereits einigen Aufwand betrieben, damit die Massen an Zwetschgen, Mirabellen, Renekloden, Holunderbeeren und Äpfel nicht nur zu Boden fallen und verrotten: Gemeinsam haben wir Marmelade, Sirup, Mus und Chutney gekocht, Früchte eingeweckt, Obstmaische für die unieigene Destille hergestellt und Zwetschgen in den neuen Sonnentrockner gebracht. Und trotzdem sind die Bäume noch so voll, als hätten wir nichts getan. Unser heutiges Projekt heißt deswegen Apfelsaft machen und wir haben einen großen Anhänger ausgeliehen, den wir mit Äpfeln füllen wollen.

Seit acht Jahren gibt es in Eichstätt den Gemeinschaftsgarten "Kapuzinergarten Eden". Nachdem die Kapuzinermönche das Kloster aus Mangel an Nachwuchs verlassen hatten, war der Garten akut von einem Parkplatzprojekt gefährdet. Bürgerwiderstand wurde laut, denn der Garten ist seit fast 400 Jahren Teil des Eichstätter Stadtbildes, ein spiritueller und historischer Ort, Denkmal und Zuflucht seltener Tiere und Pflanzen.
 
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Aus einer studentischen Initiative entstand die Idee eines Gemeinschaftsgarten, die sich als Alternative zu dem geplanten Parkdeck durchsetzen konnte. Inzwischen pachtet die Katholische Universität das Kloster und den unteren Teil des Gartens und das basisdemokratische Gartenprojekt ist gewachsen: Nicht nur Studierende, sondern auch Eichstätter Familien und Erwachsene beteiligen sich an den regelmäßigen Treffen im Garten und gestalten ihn mit.

Willkommen ist jeder, der Freude an Garten und Natur hat. Die Gruppe trifft sich zwei Mal die Woche zu festen Terminen (donnerstags und sonntags ab 17 Uhr) zum Gärtnern und Ernten, entscheidet dabei auch gemeinsam, wann was angebaut wird und welche Anschaffungen gemacht werden sollen. Zur Zeit besteht die Gruppe aus 15 bis 20 Personen verschiedenen Alters und Herkunft. Seit 2014 bietet die Biologie-Didaktik der Katholischen Universität auch Module im Garten an: In Zusammenarbeit mit dem Eichstätter Imkerverein entstand das Modul "Imkerei". Alternativ können Studierende den Kurs "Schulgartenarbeit" wählen und so Punkte für ihr Studium sammeln. Regelmäßig organisieren verschiedene studentische Gruppen Veranstaltungen im Garten.
 
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Zu den Zielen des Gemeinschaftsgartens gehört es, den Wert von Lebensmitteln erfahrbar zu machen und Alternativen zur industriellen Nahrungsmittelproduktion aufzuzeigen: Die Gruppe baut eigene Lebensmittel an und verarbeitet oder konserviert sie. Die Mitglieder des Gemeinschaftsgartens sind der Meinung, dass viele Menschen nicht mehr wissen, welches Gemüse in unseren Breitengraden wächst und wie man es zubereitet. Sie selbst wollen es wieder lernen. Auch den Wert eigenen samenfesten Saatgutes kennen viele Menschen nicht mehr. Vor allem in Städten ist dieses Wissen verloren gegangen, denn die Menschen verbringen ihre Zeit in der Arbeit, dafür kaufen sie Lebensmittel im Supermarkt. Dort sind die meisten Lebensmittel mit einem sehr hohen Energieaufwand hergestellt worden, mit Chemikalien behandelt, haben weite Transportwege hinter sich und sie schmecken nicht. Der Gemeinschaftsgarten setzt hier an und will Handlungsmöglichkeiten aufzeigen: Ziel ist es, Menschen zu ermutigen, selbst und gemeinsam mit anderen Gemüse anzubauen und wieder zu lernen, wie man diese Lebensmittel nutzen kann. Praktischerweise erlaubt das gemeinschaftliche Gärtnern dem Einzelnen, auch mal wegzufahren, ohne dass der Garten vertrocknet, denn die anderen springen ein. Edith Laga schätzt die Vorteile des Gemeinschaftsgartens: "Neben dem frischen Obst und Gemüse von nebenan lernt man beim Arbeiten auch neue Leute kennen. Und fast jeder bringt eigenes Wissen, Ideen oder neue Techniken mit. Manchmal sitzen wir nach getaner Arbeit noch zusammen, grillen etwas und tauschen uns aus. Das ist sehr schön." Gärtnern schaffe sozialen Zusammenhalt zwischen Generationen und Kulturen. Dass beim Anbau und der Pflege im Gemeinschaftsgarten auch Fehler entstehen und nicht alles perfekt funktioniert, sei Teil des Lernprozesses. Dafür könne auch Neues entstehen.

Am Ende des Ernte-Nachmittages hat sich der Anhänger mit Äpfeln gefüllt. Ein Duft von reifen Früchten und feuchtem Gras liegt in der Luft. Wir stehen zufrieden um den Anhänger und spekulieren, wie viele Liter Saft es morgen wohl werden. Am nächsten Tag treffen wir uns zu zehnt um 10.30 Uhr, um den vollen Anhänger nach Eberswang zu fahren und beim Saften mitzuhelfen.

Bei Rosi Bernecker waschen wir die Äpfel zunächst in einer Art Waschstraße. Dann fahren sie automatisch in die Maschine, die die Äpfel erst schreddert, dann presst und filtert. Nach dem Erhitzen auf 80 Grad sind wir wieder im Einsatz: Rosi füllt den noch heißen Saft in Plastikbeutel, die wir dann in unseren Anhänger verladen. Wollis Sohn Sebastian flitzt mit den Tüten ziemlich zügig zwischen Presse und Auto hin und her. Wir helfen ihm mit einem Wägelchen. Als wir nach gut drei Stunden den letzten Beutel in den Anhänger legen, bin ich doch etwas erschöpft. Fast 400 Liter Saft sind aus den Äpfeln entstanden.Den Saft lagern wir erst einmal in unserem Werkzeugraum, bevor er dann unter allen Gärtnern aufteilen wird. Weihnachtsgeschenke brauchen wir dieses Jahr schon mal nicht zu kaufen.
 

OBST FÜR DIE ALLGEMEINHEIT

In der ganzen Region hängen derzeit reife Früchte an den Obstbäumen, die niemand pflückt. Die Stadt Eichstätt bietet deshalb auf ihrer Homepage eine Liste aller Obstbäume auf öffentlichem Grund an, die in haushaltsüblichen Mengen abgeerntet werden dürfen. Sie sind auf www. eichstaett. de unter dem Stichwort Leben/Obstbäume einsehbar. Auf der Homepage www. mundraub. org sind zudem auf einer Deutschlandkarte alle öffentlichen Obstbäume und -sträucher, Kräuter, Ernte-, Pflege- und Pflanzaktionen der Online-Plattform eingezeichnet und mit Informationen versehen. Nutzer können diese Karte selbst ergänzen und Bäume kartieren.
 
Johanna Umbach
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