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Das älteste Reinheitsgebot kommt aus Eichstätt

erstellt am 21.04.2006 um 19:12 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 15:09 Uhr | x gelesen
Eichstätt (aur) Punktgenau zum Tag des Bieres am 23. April haben sich die beiden Eichstätter Heimatforscher Konrad Kögler und Rudolf Emslander mit einer faustdicken Überraschung an unsere Zeitung gewandt: Das älteste derzeit bekannte Reinheitsgebot für Bier kommt aus Eichstätt. In einer Urkunde vom Kathreinstag (25. November) des Jahres 1319 hat der städtische Magistrat festgesetzt: "Es soll auch ein yglich praw zu den minsten halbs gersten sein und sol nicht anders darein seyden dan Hopfen." In heutigem Deutsch: "Es soll auch jeder Sud mindestens zur Hälfte aus Gerste bestehen, und man soll nichts anderes hineinsieden als Hopfen."
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Heimatforscher Kögler stellt trocken fest: "Wer das als ,Sensation’ verkaufen möchte, kann es tun." Denn in der Eichstätter Vorschrift sei schon alles enthalten, was das weltberühmte bayerische Reinheitsgebot von 1516 ausmache: "Wenn man die Getreideart außer Acht lässt, weil sie ja die Reinheit des Bieres nicht betrifft, fehlt zum bayerischen Reinheitsgebot lediglich das Wasser. Aber wer möchte zum Bierbrauen schon etwas anderes nehmen als – selbstverständlich – Wasser?"

"Reißerische Literatur"

Schon seit etwa acht Jahren forschen Konrad Kögler, 64-jähriger Gymnasiallehrer für Latein, Griechisch und Deutsch, und sein Nachbar und Freund, der pensionierte Braumeister Rudolf Emslander (73), über die Geschichte des Bieres in Eichstätt. Eigentlich ging es ihnen zunächst "nur" um die bis ins Jahr 1492 zurückreichende Hofmühle, doch im Zusammenhang mit diesen Recherchen kamen die beiden um die Eichstätter und bayerische Biergeschichte nicht herum. Etwa 30 Mal im Jahr fährt Kögler ins zuständige Staatsarchiv nach Nürnberg, wühlt sich durch das Eichstätter Stadtarchiv und durchs Diözesanarchiv, und liest auch sonst alles, was mit Bier zu tun hat. "Ein Großteil der Literatur über das Bier ist weniger seriös als vielmehr reißerisch aufgemacht", schüttelt Forscher Kögler den Kopf: "Die wollen bloß eine Sensation für Biertrinker." Er selbst stellt sich ausdrücklich wissenschaftlichen Ansprüchen. Das 700-seitige Buch über die Hofmühl-Geschichte soll zum Jahresende fertig sein.

Dass nun ausgerechnet unter Köglers nüchterner Forschungsarbeit ein vergessener Meilenstein der Biergeschichte ausgegraben wurde, macht die Sache nur noch seriöser. Im Winter ließ sich Kögler im Stadtarchiv im Rathaus das "Weiße Buch" aus dem Jahr 1504 aushändigen, so genannt wegen seines weiß gestrichenen Ledereinbandes . In diesem dicken Folianten hat der städtische Rat alle bis dahin gültigen Verordnungen noch einmal in Schönschrift kopieren und zusammenfassen lassen, um einen Überblick über die Satzungen zu erhalten, die "von alten Zeiten gemacht worden", wie es in der Einleitung heißt. Und schwarz auf weiß findet sich die Jahreszahl, aus der die Satzung über das Bier stammt: "Des Jars von unseres Herrn geburt tausent Jar drewhundert jar In dem Newzehenden Jar am sant Kathreintags war der Saz gesetzt in der Stat zu Eystet über all Kewft" (alle Grundnahrungsmittel). Nur Hopfen sei in Eichstätt als Würzmittel und zur Haltbarmachung des Bieres erlaubt, ist auf Seite 278 des "Weißen Buches" zu lesen. Bei Konrad Kögler läuteten erst die Alarm- und dann die Freudenglocken.

Von Alchemie beflügelt

Die Bierforscher Kögler und Emslander wissen, warum die Einschränkung auf die Würzzutat Hopfen so wichtig war: Damals hätten die Brauer durchaus Ingredienzien mitgebraut, "die uns heute teilweise abstrus vorkommen: von Lorbeer und Petersilie über Ochsengalle und Katzenhirn bis zu Tabak, Pech und Kreide." Die Brauer ließen im Mittelalter – auch beflügelt durch die Zeit der alchimistischen Experimente – ihrer Tüftel-Leidenschaft freien Lauf, immer auch im redlichen Bemühen, Geschmack, Haltbarkeit und Optik zu verbessern. Kögler: "Dass man da mitunter über das Ziel hinausgeschossen ist, darf nicht verwundern – deshalb das obrigkeitliche Verbot für alle weiteren Zutaten außer Malz und Hopfen."

Konrad Kögler und Rudolf Emslander wollen sich, bei aller Freude über ihren lokalhistorischen Sensationsfund, nicht mit dem prestigeträchtigen Bayerischen Reinheitsgebot, das am 23. April 1516 in Ingolstadt verkündet wurde, anlegen, auch wenn sie dessen Datum um satte 197 Jahre unterbieten könnten. "In Ingolstadt ist einmalig, dass die Verordnung für ein gesamtes Land erlassen wurde ", gesteht Kögler verständnisvoll zu. Unter den älteren, jeweils nur lokal gültigen Geboten aber, habe Eichstätt nun so lange das Erstgeburtsrecht,- bis sich irgendwo ein noch älteres Dokument finde. Diebisch freut es Kögler, dass er dem Städtchen Weißensee in Thüringen eins auswischen kann. Dort war 1998 ein lokales Bier-Reinheitsgebot von 1434 im Archiv ausgegraben worden, und die Thüringer nutzten das, wie Kögler missbilligend schildert für "eine Mords Propaganda, auch gegen Bayern." Da kann Eichstätt, so freut sich der gestandene Bayer Kögler, nun nach Lust und Laune dagegenhalten. "Wenn’s um die früheste Erwähnung geht, dann haben wir Weißensee um 115 Jahre geschlagen". Was die Gültigkeit der Eichstätter Vorschriften aus dem "Weißen Buch" angeht, hat Kögler keine Bedenken: "Das ist nie widerrufen worden."

 

 

Richard Auer
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