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Buchautorin Traut Sommer: "Das Schreiben war für mich eine Selbsthilfetherapie"

erstellt am 11.10.2002 um 19:03 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 09:04 Uhr | x gelesen
Beilngries "Sie müssen wissen, mit dem Hanno bin ich erst so richtig wieder zu mir gekommen." "Ich", das ist Traut Sommer, und "Hanno", das ist ihr Buch und heißt eigentlich "Hanno erlebt das Jahr". Traut Sommer ist 80 Jahre alt und betrachtet im Rückblick ihr Schreiben als "meine Selbsthilfetherapie".
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Von Januar 1949 bis Pfingsten 1951 verfasste sie zwei Bücher in einer Art persönlichen Lebenskrise. Hinter ihr lag ein Krieg, "das Grauenhafteste, was ich je erlebt habe". Von München aus wollte sie 1945 in ihre Heimat in der Mark Brandenburg, zu ihrer Mutter zurück. Zusammen mit einem Flüchtlingstreck aus Schlesien gelangte sie unter Tieffliegerbeschuss nach Hamburg. Untergebracht in einer schäbigen Gartenlaube, etwas Zubrot durch Nachhilfeunterricht in Englisch · und, Gott sei Dank, die Mutter war am Leben. Dem anschließenden Dienstmädchendasein bei einer Familie entzog sie sich durch eine Flucht. Mit gefälschten Papieren und einer Menge Glück gelangte sie zurück nach München.

"Ich muss weg" · das war ihr Ansporn für ein neues Leben. In Kassel fast von den Engländern verhaftet, erreichte sie dennoch den "Zug in die Freiheit". 1946 wurde die chemisch-technische Assistentin über das Arbeitsamt an die einzige freie Forschungsstelle vermittelt. 1947 konnte endlich auch die Mutter, wenn auch illegal, nachgeholt werden. Nach den Entbehrungen des Krieges kamen die Entbehrungen des Arbeitslebens hinzu. Arbeitete Traut Sommer jahrelang in Forschungsinstituten bei angenehmen Arbeitsbedingungen, so war sie fortan in der pharmazeutischen Industrie angestellt. "Alles war industriell, die Vermassung und Entwürdigung des Menschen schritt unaufhaltsam voran." Bei Fahrten in ihre Heimat zur Zeit des kommunistischen Regimes wurde ihr diese Einschränkung des geistigen Lebens verstärkt bewusst. Anlass für sie, auf literarische Weise diese Missstände zu verdeutlichen und für sie selbst zu verarbeiten.

Als "Heimkehr zu mir selbst" bezeichnet sie deshalb ihr Erstlingswerk. Die Widmung in ihrem ersten Buch "Hanno erlebt das Jahr" zeugt von ihrer großen Naturverbundenheit: "In dankbarem Erinnern an meine Kindheit, die ich in Wald und Flur verbringen durfte." Inhaltlich schließt sie sich ganz dieser Thematik an. Der Mensch in seiner Natur · das ist, was Traut Sommer schon immer beschäftigte. Hanno, der Protagonist dieses lyrisch-epischen Werkes, steht als Metapher für jeden Menschen. Er weiß nicht, woher er kommt, er weiß nicht, wohin er geht, aber am Ende bleibt immer die Zuversicht. Durch dieses Buch wirft Traut Sommer die Frage auf: Was ist das Leben? Es soll das bewusste Erleben sein, mit dem der Mensch zu sich selbst, zu seinem nächsten, zur Natur und zur Liebe finden kann. Eingeteilt ist das Buch in zwölf Kapitel, die sowohl den natürlichen Jahreslauf als auch das Leben Hannos symbolisieren.

In ihrem zweiten Werk "Reflexe. Episch-lyrische Texte" bildet wiederum der Mensch den Mittelpunkt des Geschehens. Der Mensch alleine sei zu schwach, das Gute zu verwirklichen. Aus diesem Grund bedürfe es jenseitiger Kräfte, transzendenter Wesen. In beiden Werken will Traut Sommer eine positive Einstellung zum Leben vermitteln. Dennoch musste sie auch negative Erfahrung mit ihrer Schriftstellertätigkeit machen. "Ich habe gemerkt, dass man mit Schreiben allein nichts bewirken kann. Das Leben selbst muss etwas bewirken." Aus dieser Erkenntnis heraus begann sie mit 36 Jahren ein neues Leben. Sie entschied sich für ein soziales Jahr in einem niederbayerischen Flüchtlingslager. Anschließend folgte ein zweijähriges Studium in München. Von 1962 bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 1982 war sie in Zwiesel als Gemeindereferentin angestellt, erteilte Religionsunterricht und engagierte sich ehrenamtlich bis weit in ihr Rentnerdasein hinein. Ein ungewöhnlicher Lebensweg für eine Frau, die erst 1954 zum katholischen Glauben konvertierte.

Seit Juli letzten Jahres nun lebt Traut Sommer im Beilngrieser Seniorenzentrum. Die Füße machen nicht mehr ganz mit, aber geistig sucht sie ständig neue Herausforderungen. Schach spielen sei ihr großes Hobby, leider mangele es aber am passenden Spielpartner, erklärt sie. "Man muss gefordert werden, dass aus der körperlichen Bewegungslosigkeit nicht auch eine geistige wird."

Am Mittwoch, 16. Oktober, findet um 19 Uhr in der Cafeteria des Krankenhauses eine Dichterlesung mit der Autorin statt. Sie liest aus ihrem Werk "Hanno erlebt das Jahr". Für Traut Sommer ist eine derartige Veranstaltung eine Premiere, aber "ich lechze danach, den Inhalt unter die Leute zu bringen. Diese Autorenlesung ist ein Herzensbedürfnis". Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist frei. Allerdings bittet die Autorin um freiwillige Spenden für ihre Bücher. Diese kommen ihren zahlreichen Patenkindern auf der ganzen Welt zu Gute. Musikalisch wird die Lesung von Rosi Bauernfeind auf der Zither und Daniela Hieke auf der Gitarre umrahmt.

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