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Fast an Bord der "Hindenburg", als diese in Flammen aufging

erstellt am 06.03.2003 um 17:45 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 11:11 Uhr | x gelesen
Eichstätt (buk) Ein emeritierter Eichstätter Professor als Autor eines Romans? Michael Steindl, der bis vor 15 Jahren an der Katholischen Universität das Fach "Deutsch als Fremdsprache/Deutsch als Zweitsprache" unterrichtete, kennt man als freundlichen älteren Herrn; man erinnert sich, dass er den "Internationalen Ferienkurs" ins Leben rief, und vielleicht hat man auch von seinen Vorträgen für die Öffentlichkeit gehört · etwa dem unterhaltsamen Abend über "die psychologischen Ursachen von Versprechern". Nun überrascht der in Möckenlohe lebende Linguist, Jahrgang 1924, mit Jugenderinnerungen, die in Romanform gekleidet sind. Und wer sein Buch zu lesen beginnt, wird es kaum mehr so rasch aus der Hand legen: Denn schnell merkt man, dass man es hier mit einem außerordentlichen Text zu tun hat.
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Michael Steindl
Der Eichstätter Germanist Michael Steindl legte seine Erinnerungen in Romanform vor.
Buckl

Steindl bietet nämlich nicht nur höchst spannende und packende Prosa, sondern auch einen fesselnden Zeitroman, der gekonnt das Leben in einem Westallgäuer Dorf während einer in Deutschland denkwürdigen historischen Epoche erzählt: Es geht um die ersten vier Jahre der braunen Diktatur, die sich in der Geschichte einer fleißig-tapferen und katholisch geprägten Familie spiegelt. Dabei vermischen sich natürlich Fiktion und autobiografisches Erinnern.

Im Mittelpunkt des Romans stehen der junge Gallus Rottenfußer aus Scheidegg im Allgäu ("Vieles hat er von mir", bekennt Steindl im Vorwort), sein älterer Bruder Mang und seine drei Schwestern Vicky, Kätz und Marie-Theres sowie die Eltern dieser fünf Kinder, die im Mai 1933 die Hotelpension "Sonnenhalde" eröffnen · den Hauptschauplatz des Romans. Denn dort ziehen bald Gäste ein, die zu den berühmtesten zeitgenössischen Figuren der 30er Jahre gehören: Kapitän Hugo Eckener und die anderen Offiziere der Zeppelin-Werft aus dem nahen Friedrichshafen. Die abgeschiedene Stille der Scheidegger "Sonnenhalde" bietet ihnen das gesuchte Ambiente, in dem sie ein neues, größeres Luftschiff planen wollen · die spätere "Hindenburg".

Obgleich der Roman eine zügig voranschreitende lineare Handlung verfolgt · das Heranwachsen von Gallus und das Schicksal seiner Familie ·, sind die 15 Kapitel auch von einem immensen Reichtum an spannenden Episoden geprägt, die das Buch nahezu nebenbei zu einer höchst unterhaltenden Lektüre machen: Da erleben Gallus und sein Freund nachts Schmuggel an einem Grenzbach zwischen der deutschen und österreichischen Seite, das schreibt Gallus im Gymnasium einen Aufsatz, der den Deutschlehrer grübeln lässt, wie er ihn bewerten soll, findet sich Diebesgut im Hühnerstall der "Sonnenhalde", macht Vater Magnus Rottenfußer mit seinem schönen Bariton Karriere als Opernsänger. Und immer wieder versucht der braune Bürgermeister, den aufrechten Rottenfußers eins auszuwischen, da er bald merkt, dass die neue Ideologie in dieser Familie kaum auf gute Resonanz stößt · bis er ein Auge auf die noch immer schöne Mutter Maria wirft.

Ganz unaufdringlich wird das Buch so aber auch zum Zeitroman, der vom Röhm-Putsch und der Ermordung der Redakteure der "Münchner Neuesten Nachrichten" um Fritz Gerlich handelt, sich um Mitläufer und Widerstand dreht, von der inszenierten Abreise und Flucht des "Majors", eines nun gefährdeten Hotelgastes und seines Sohnes "Goga" in die Schweiz und schließlich in die USA handelt. Auf enorm geschickte Weise verknüpft Steindl kleine Regionalgeschichte mit der großen Weltgeschichte: Fast wären der Opernsänger Magnus Rottenfußer und sein Sohn Gallus an Bord der "Hindenburg" gesessen, als diese 1937 über Lakehurst in Flammen aufging · doch ein schwerer Unfall verhinderte ihre rechtzeitige Ankunft am Flughafen zur Abfahrt.

All das erzählt Steindl in einer faszinierenden und sehr gefälligen Sprache, die nichts mit dem Wissenschaftskauderwelsch zu tun hat, das man sonst mit Skepsis von einem Linguisten erwarten mag: Steindl schlüpft in die Figuren und erzählt aus ihrer Perspektive, er verwendet bereits im ersten Satz die Technik des Leitmotivs, beschleunigt und verlangsamt je nach Bedarf den Lesefluss. Man merkt, dass hier ein Autor schreibt, der mit allen rhetorischen Wassern gewaschen ist und seine Leser faszinieren kann.

Vor zwei Wochen wurde Steindl bereits von der Friedrichshafener Zeppelin-Gesellschaft zu Lesungen eingeladen. Auch in Eichstätt wird er im Herbst auf Einladung des Alten Stadttheaters zu hören sein, und sicher kommen bald auch Schullesungen auf ihn zu. Doch man braucht kein Prophet zu sein, um zu ahnen, dass dem Buch eine größere Zukunft beschieden sein könnte: Angesichts dieser gelungenen Mischung aus Spannung und Dokumentation schreien Steindls "Erinnerungen" geradezu nach einer Verfilmung . . .

Michael Steindl: "Gallus, Luftschiffer". Verlag Dr. Kovac, Hamburg 2002, Broschur, 303 Seiten, Preis 25 €.

Walter Buckl
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