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Interkulturelle Kompetenz: Als "Barfußarzt" in Afghanistan

erstellt am 03.10.2005 um 19:12 Uhr
aktualisiert am 31.01.2017 um 14:17 Uhr | x gelesen
Eichstätt (jok) "Die Kinder in Afghanistan würden sich lieber den kleinen Finger abhacken lassen, bevor sie einen Schultag versäumen." Mit diesen drastischen Worten schilderte Dr. Reinhard Erös vor der Mittel- und Oberstufe des Willibald-Gymnasiums die Aufbruchstimmung der Jugendlichen und insbesondere der Mädchen in dem Land, das in den vergangenen Jahrzehnten kaum Perioden des Friedens kannte. Und Dr. Erös weiß, wovon er spricht.
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Nachdem er als Bundeswehrarzt in den siebziger Jahren seinen Jahresurlaub immer dafür geopfert hatte, um in Entwicklungsländern als Arzt zu praktizieren, hielt es ihn beim Einmarsch der Russen in Afghanistan nicht mehr in dem Flüchtlingslager in Pakistan, in dem er zu diesem Zeitpunkt arbeitete. Obwohl es Ausländern strengstens verboten war, in das Land einzureisen, ließ er sich mit Hilfe von Mudschahedin nach Afghanistan einschleusen und arbeitete dort als so genannter Barfußarzt. Einziges Hilfsmittel waren ihm "seine fünf Sinne", ein Stethoskop und einige Skalpelle.

Wenn die Kranken und Verwundeten nicht mehr selbst laufen konnten, wurden sie ihm meist mit der Schubkarre gebracht. Um nicht entdeckt zu werden, behandelte Erös die Kranken in Höhlen, die bis zu 100 Meter tief in die Berge hineingetrieben wurden und auch Schutz vor Bombenangriffen boten. In dieser Zeit der russischen Besatzung erwarb er sich durch seine Arbeit für die Kranken und Verwundeten ein hohes Ansehen bei den Afghanen.

Während des Vortrags war immer wieder spürbar, welch hohe Wertschätzung Erös für dieses Volk hat. Extreme klimatische Schwankungen und Entbehrungen hätten dazu geführt, dass Afghanen äußerst hart · auch gegen sich selbst · und physisch und psychisch extrem ausdauernd sind. Diese Erfahrung mussten auch die russischen Truppen machen, die trotz einer gigantischen technischen Überlegenheit dem Willen der Einheimischen nichts entgegenzusetzen hatten und · nach schweren Verlusten · das besetzte Land wieder verlassen mussten.

An die Schüler appellierte der Referent, interkulturelle Kompetenz zu erwerben, um die Mentalität des Andersartigen zu verstehen. Ein Afghane würde sein Leben und das seines Sohnes opfern, um jemanden zu beschützen, dem er Gastfreundschaft gewährt hat; die Ehre ihrer Schwestern, Frauen und Mütter ist für afghanische Männer eines der höchsten Güter. Gefangene vor anderen zu entkleiden, stellt eine der schlimmsten Kränkungen dar, die der Betroffene nie vergessen, geschweige denn verzeihen wird.

Ein zentrales Problem für die Zukunft des Landes liegt darin begründet, dass etwa eine Million afghanische Männer bewaffnet sind und keinen Job haben. Ein fragwürdiges Erbe der verschiedenen Kriege stellen auch die etwa zwölf Millionen Landminen dar, die nach wie vor laut Statistik im Durchschnitt täglich elf Opfer fordern. Wenn man bedenkt, dass die Entschärfung einer Mine ungefähr einen Tag in Anspruch nimmt, kann man ermessen, wie lange das Land noch unter dieser Plage leiden wird.

Das Engagement von Dr. Erös besteht nun seit dem Sturz des Taliban-Regimes darin, Bildungseinrichtungen für die Bevölkerung zu schaffen. So ist es ihm und den Mitgliedern seiner Familie gelungen, mit der "Kinderhilfe Afghanistan", die übrigens keinerlei Mittel von staatlicher Seite annimmt, unter anderem drei Krankenstationen und 14 Schulen zu bauen; für besonders Begabte werden an sechs Schulen Computerschulungen durchgeführt. Alle Einrichtungen zusammen geben etwa 1300 Beschäftigten Arbeit. Da in drei Schichten von morgens fünf Uhr (für Erwachsene) bis abends um 22 Uhr gearbeitet wird, ist es möglich, allein in diesen Schulen 45 000 Menschen zu unterrichten.

Alle Schüler, die teilweise einen Fußmarsch von mehreren Stunden in Kauf nehmen, haben verstanden, dass Bildung ein Privileg bedeutet. Ziel der Vorträge, die Erös weltweit mittlerweile in über 500 Schulen gehalten hat, ist es nicht nur, finanzielle Mittel für seine Projekte zu sammeln, sondern auch Verständnis für die Situation dieses in der Vergangenheit schwer geprüften Volks zu schaffen.

Johann Kraus
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