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Eine Art fürstbischöfliches Standortmarketing

Mörnsheim
erstellt am 06.04.2018 um 17:29 Uhr
aktualisiert am 11.04.2018 um 03:33 Uhr | x gelesen
Das Jubiläumsjahr zum 1100-jährigen Bestehen der Marktgemeinde Mörnsheim kann nicht ohne einen Blick in die Steinbruchgeschichte gefeiert werden, die den Ort über drei Jahrhunderte geprägt und auch international bekannt gemacht hat. Und die ausgerechnet durch einen Solnhofer ihren Anfang nahm.
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Der Ort Mörnsheim ist an vielen Stellen von ?Schütten? umgeben. Sie sind das Zeichen großer früherer Steinbruchaktivitäten. Den Steinbruch ?Hartbruch? im Jahre 1937 zeigt diese Postkarte (unten) aus der Sammlung von Emil Meier. Im Staatsarchiv Nürnberg ist die Bergordnung vom 26. November 1674 nachzulesen, mit der Fürstbischof Marquardt II. die Verhältnisse im ersten Mörnsheimer Steinbruch geregelt hat.
Der Ort Mörnsheim ist an vielen Stellen von "Schütten" umgeben. Sie sind das Zeichen großer früherer Steinbruchaktivitäten. Den Steinbruch "Hartbruch" im Jahre 1937 zeigt diese Postkarte (unten) aus der Sammlung von Emil Meier. Im Staatsarchiv Nürnberg ist die Bergordnung vom 26. November 1674 nachzulesen, mit der Fürstbischof Marquardt II. die Verhältnisse im ersten Mörnsheimer Steinbruch geregelt hat.
Henle/Sammlung Meier/Staatsarchiv Nürnberg
Mörnsheim
Die Geschichte des Marktes Mörnsheim wird von zwei Strömen bestimmt. Der eine begann 918 zu fließen und versiegte 1802. Das war die eichstättisch-fürstbischöfliche Herrschaft. Der andere begann 1668, war im 19. Jahrhundert beherrschend und befindet sich jetzt auf dem Rückzug. Gemeint sind die Steinbrüche mit ihrer 350-jährigen Geschichte, die Mörnsheim bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts die Haupterwerbsquelle verschafften. Noch heute prägen sie und ihre Schutthalden die Landschaft im Tal und auf den Höhen.

Eigentlich war Mörnsheim mit seiner Steinbruchgeschichte ein Nachzügler. Die "über dem Berg" lebenden Solnhofer waren früher dran. In Solnhofen gab es wohl schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auf dem Solaberg einen geregelten Steinbruchbetrieb. Als das ansbachische Solnhofen evangelisch wurde, aber noch viele katholische Einwohner hatte, setzte sich die konfessionelle Spaltung in der Steinbruchgilde fort. Es gab eine protestantische und eine katholische Gruppe. Meist herrschte Zwist zwischen ihnen. Um 1650 gehörte zur katholischen Gruppe ein streitbarer Mann: Michael Kelz. Der warf den Evangelischen vor, im katholisch-bayerischen Kurfürstentum zu "wildern". Umgekehrt akquirierte er dort seinerseits ungeniert Aufträge mit dem Hinweis, katholisch zu sein. Nach einem Streit mit dem Solnhofer Klosterverwalter verließ Kelz Solnhofen mit Sack und Pack und siedelte sich 1668 in Mörnsheim an. Damit begann die Mörnsheimer Steinbruchgeschichte.

Kelz konnte davon ausgehen, dass auch in Mörnsheim Plattenkalke liegen. Die eine oder andere kleine Grube gab es vermutlich schon. Bereits vor dem Wohnortwechsel hatte Kelz den Pfleger in Dollnstein und den Kastner in Mörnsheim kontaktiert. Beide erkannten, welche Chance ein Steinbruchbetrieb in Mörnsheim für die Bevölkerung und für die Einnahmen des Hochstifts bot. Davon ließ sich auch Fürstbischof Marquard II. überzeugen. Nach den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges wollte der Fürstbischof das wirtschaftliche Leben im Hochstift wieder in Gang bringen. Wirtschaftsförderung und Standortmarketing würde man das heute nennen.

Der Bischof stellte im Altheimer Tal, das auf die Höhe nach Langenaltheim und Solnhofen führt, vier Hektar Äcker zur Verfügung und die Gemeinde einen Teil der Viehweiden für die Lagerung des Abraums. In seiner Ansiedelungspolitik ging der Bischof so weit wie viele Gemeinden heute: Er gewährte Kelz und seinen "Konsorten" für vier Jahre Abgabefreiheit, die er nach Ablauf um zwei Jahre verlängerte.

ERSTE BERGORDNUNG

 
Henle/Sammlung Meier/Staatsarchiv Nürnberg
Mörnsheim



Das Steinbruchgeschäft lief gut an. Bereits 1669 erhielt Kelz einen Auftrag zur Lieferung von über tausend Bodenplatten für die Kirche und das Kloster der Karmeliter in Eichstätt. Mit dem Erlass einer fürstbischöflichen Bergordnung im Jahre 1674 hatte die Abgabenfreiheit ein Ende. Das Hochstift erhob einen Bergzins. Das bekam Kelz zu spüren. Zehn Jahre nach Mörnsheim eröffnete er in Mühlheim einen weiteren Steinbruch am Rappberg zwischen dem Ensfelder und den Tagmersheimer Tal. Dort sei der Abraum besonders hoch, beschwerte er sich beim Kastner. Seinen Antrag auf Senkung des Bergzinses lehnte der Kastner mit dem trockenen Hinweis ab, Steinebrechen sei überall eine mühevolle Angelegenheit, besonders in Mörnsheim, wo der Abraum größer sei als in Mühlheim.

Die Bergordnung, ein umfangreiches Regelwerk, galt eigentlich bis zum Ende des Hochstifts (1802). Sie hatte das Ziel, durch Gebote Ordnung zu schaffen und durch Verbote Grenzen zu setzen, so dass daran Verstöße gemessen werden konnten. Bei den Mörnsheimer Steinbrechern stieß sie auf wenig Gegenliebe. Der Kastner hatte Mühe, ihr Geltung zu verschaffen.

Anders als in Solnhofen, wo seit 1670 eine Bergordnung bestand, kam es nie zu einer Berufsordnung durch Zunftbildung, die dem Fürstbischof als frühes Instrument der Selbstregulierung am Herzen lag. Weitestgehend unbeachtet blieb eine wichtige Regelung, die heute eklatant gegen Europarecht verstoßen würde: Die Brüche lagen auf hochstiftlichen, gemeindlichen oder wie in Mühlheim auf kirchlichem Grund (Heiling). Vergeben wurde ein anteiliges Nutzungsrecht, kein Eigentumsrecht. Inhaber dieses Rechts konnte nur sein, wer im "Marckt Mernsheimb haushablich" (ein Haus habend) "gesessen" (einen Sitz habend) und "einen Rauch" (Feuer) führe, darin also auch tatsächlich wohnte. Es war mit dem Grundstück verbunden, folglich getrennt nicht veräußerbar.

Die Regelung galt über die Bergordnung hinaus bis zur Wende in das 20. Jahrhundert. Gegen keine andere wurde so schnell, so häufig und so dauerhaft verstoßen. Oft waren es finanzielle Gründe, weil die Bruchanteile so klein waren, dass viele nicht wirtschaftlich betrieben werden konnten.

KLOSTERLIEFERUNGEN

 
Henle/Sammlung Meier/Staatsarchiv Nürnberg
Mörnsheim



In der Barockzeit müssen die Mörnsheimer Steinbrecher und Steinhändler einen guten Ruf gehabt haben. Sonst wären sie bei großen Klosterbauten nicht zum Zuge gekommen, insbesondere in Süddeutschland und Österreich. Um 1700 wurde das Zisterzienserkloster Fürstenfeld (heute Fürstenfeldbruck) als barocke Anlage neu gebaut. Im Rechnungsjahr 1691/92 erwarb das Kloster von "Steinmätzen", wie die Steinbrecher damals hießen, in Solnhofen und Mörnsheim weiße Pflastersteine. Weitere bestellte es in den Jahren 1693/94 nach. Einen besonders großen Auftrag erhielten die Mörnsheimer Steinbrecher 1697. Sie lieferten 3337 Bodenplatten. Mit einem Teil wurde der prächtige "Churfürstensaal" ausgestattet. Die Mörnsheimer Steinbrecher machten auch die Verlegearbeit. Ein Johann Hänle erhielt 31 Gulden und 40 Kreuzer für seine "leidten" (Leute), weilen sie "stain abgericht und gelegt in d(em) firstengang (Fürstengang) und kleinen gängl (Gang) bey dem saal ? nebst der Kost".

Besonders gut im Geschäft waren die "Stainmetze von Mörensheimb" beim Neubau des Benediktinerklosters Ottobeuren, das zu den prächtigsten Bauten des süddeutschen Barocks gehört. Dafür lieferte die Steinbrecherfamilie Hänle Platten von 1714 bis 1760. Auch die Familien Zinsmeister und Ottinger waren beteiligt. Im Oktober 1714 kam es zu einem ersten Vertragsschluss über 2200 polierte und 2500 unpolierte Steine. Diese mussten abgerichtet, also ohne weiteres Zutun verlegbar sein. Das lässt auf ein bestimmtes Muster schließen, vermutlich für die Bibliothek, für die Hänle 1715 einen Entwurf mit Stern- und Springrautenmuster vorlegte. Mit seinem bunten Belag an grauen und weißen Pflastersteinen, ein Meisterwerk der Verlegekunst, ist der Kaisersaal in Ottobeuren eine einzigartige Raumschöpfung.

Auch daran waren Mörnsheimer als Lieferanten und Verleger beteiligt. Als der Klosterbau 1729 im Wesentlichen vollendet war, folgten für die Kirche bis 1764 noch zahlreiche weitere Mörnsheimer Steinlieferungen. Insgesamt summierten sie sich auf rund 15000 Einzelsteine. Bei dieser Menge war sicherlich auch Material aus Solnhofen dabei. Die grauen, genauer grau-blauen Steine kamen aber aus Mörnsheimer Brüchen, weil es sie nur dort gab.

LITHOGRAPHIE


Ende des 18. Jahrhunderts war das Steinbruchgeschäft eigentlich fast am Erliegen. Zuvor kam es lediglich im Ortsteil Mühlheim im Heiligenfeld über der Finstermühle zu einem neuen Steinbruch. Dann erschien der Retter in Gestalt des Alois Senefelder, des Erfinders des Steindrucks. Die Lithographie machte das 19. Jahrhundert zur Blütezeit des Steinbruchgewerbes. Neue Brüche wurden eröffnet und alte reaktiviert. In Mörnsheim begann eine zweite Phase der Steinbruchgeschichte. 1826 verteilten Mörnsheim am Kronenwirtsberg und Mühlheim im Apfeltal Bruchrechte an Gemeindebürger. Den 1668 eröffneten, inzwischen stillgelegten Mörnsheimer Ursteinbruch erwarb 1841 der Straßburger Kaufmann Horst. Seither heißt er "Horstberg".
 
Henle/Sammlung Meier/Staatsarchiv Nürnberg
Mörnsheim



Zwei große Verteilungen nahm die Marktgemeinde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor. 1855 verloste sie Nutzungsanteile am heute "Alter Hardbuck" genannten Gemeindegrund, direkt an der Solnhofer Grenze gelegen. Als dieser weitgehend ausgebeutet war, schritt sie 1881 zu einer Verlosung eines "Neuen Hardbucks" im Anschluss an den alten und eines Geländes am benachbarten Hummelberg. Der neue Hardbuck oder Hartbruch wurde erst 1927 in Angriff genommen. Mit seiner teilweise bis über 40 Meter hohen Bruchwand geriet er zum Postkarten-Aushängeschild eines Solnhofer Steinbruchs.

Die Boomzeit zog auswärtige Investoren an. Zuerst war es die Firma Fischer & Kluge, die in Marktbreit am Main mit Solnhofer Platten in Berührung kam, wo ein Plattendepot für die Verschiffung in das Rheingebiet bestand. Ein Großteil der Brüche in Mörnsheim und Mühlheim kam in ihre Hände. Diese waren besonders wertvoll, weil sie "blaue" Steine lieferten. Sie bildeten die hochwertigste Kategorie der Lithographiesteine. In einer 1921 angefertigten Doktorarbeit kam die Verfasserin zu dem Schluss, Solnhofen sei eigentlich ein wenig zu Unrecht zu seinem Weltruf gekommen, denn die größten Brüche für Lithografiesteine lägen im Gebiet des Marktes Mörnsheim.

Der lithographische Aufschwung sprach sich auch in Banken- und Industriellenkreisen herum. So kam es 1857 zur Gründung des Solnhofer Aktienvereins, des bedeutendsten Unternehmens der Solnhofer Plattenbranche. Zeitweise hatte es 400 Beschäftigte.

Trotz des Namens liegt der Sitz des noch immer bestehenden Unternehmens nicht in Solnhofen, sondern auf dem Maxberg, der zum Mörnsheimer Ortsteil Altendorf gehört. In den Geschäftspapieren lautet die Adresse dennoch Solnhofen. Nur wo es rechtlich erforderlich ist, wie in Bilanzen oder auf Aktienscheinen, kommt Altendorf vor. Da unterscheidet sich der Aktienverein nicht von der Mörnsheimer Steinbruch-Genossenschaft, 1899 von Mörnsheimer Steinbrechern gegründet. Die Genossen gaben sich die Adresse "Solnhofen-Hummelberg". Das war doppelt verwirrend, weil es einen Solnhofer und einen Mörnsheimer Hummelberg gibt.

NOSTALGIE


Steinbrüche und Mörnsheim haben eine untrennbare Verbindung. Allerdings ist diese nun Geschichte, wenn auch eine lange und bedeutende. Es arbeiten nur noch wenige Hackstockmeister, selbstständige Steinbrecher, die an die Steinverarbeitungsfirmen liefern. Der eindrucksvolle Neue Hartbruch steht leer. Noch gibt es in Mörnsheim und Mühlheim nach dem Kirchenpatrozinium den Steinbrecherjahrtag. Wenn es keine Steinbrecher mehr gibt, wird es auch diesen nicht mehr geben.
 
Victor Henle
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