Es gibt Vorurteile, die sich hartnäckig am Leben erhalten. Dazu gehört auch die selbst von der Unesco getätigte Aussage, dass Bairisch ein Dialekt ist. Fränkisch, Schwäbisch-Alemannisch, Oberpfälzisch sind jedoch eigene Sprachen, die, wie der Name sagt, gesprochen werden. Noch eher als der Ausdruck Dialekt trifft der Begriff Mundart den Sachverhalt. Bairisch ist also eine mit dem Mund gesprochene Sprache. Dass Bairisch eine Sprache ist, ergibt sich schon daraus, dass es wie das Jiddische älter ist als die deutsche Sprache und dass es Wörter gibt, die es im Hochdeutschen nicht beziehungsweise nicht mehr gibt.

Bairisch war noch im frühen 19. Jahrhundert so sehr als Sprache anerkannt, dass Leute wie der in Rinnberg (Gemeinde Rohrbach) aufgewachsene Sprachforscher J. A. Schmeller Bairisch sogar als Amts- und Staatssprache im Königreich Bayern (vor König Ludwig I. schrieb man noch ,Baiern’) einführen wollte. Doch dieses kühne Projekt ist nicht nur daran gescheitert, dass es im Königreich Bayern auch Schwäbisch, Fränkisch und Oberpfälzisch gab, sondern dass es mit ungeheuren Schwierigkeiten verbunden ist, Bairisch (und andere Mundarten) schriftlich zu fixieren. Die von J. A. Schmeller für sein „Bayerisches Wörterbuch“ entwickelte Phonetik passt zwar durchaus für Sprachforscher, aber nicht für die große Masse des Volkes. Der Siegeszug der hochdeutschen Schriftsprache seit dem späten 18. Jahrhundert ist auch darauf zurückzuführen, dass die als Kanzlei- und Kunstsprache im Spätmittelalter entwickelte deutsche Sprache sich viel besser als die sogenannten Mundarten für Recht, Verwaltung, ,hohe’ Literatur und Wissenschaft instrumentalisieren lässt.

Der Nachteil der mangelhaften Abstrahierung des Bairischen ist auch sein großer Vorteil: Das Bairische bietet – wie zum Beispiel auch das Jiddische – eine Anschaulichkeit und Bildhaftigkeit, wie sie dem Hochdeutschen fremd ist. Es geht also, wenn man Bairisch und Deutsch vergleicht, nicht um ein „oder“ (Bairisch oder Deutsch), sondern um ein „und“ (Bairisch und Deutsch).

Selbst in dem zu Großbritannien gehörenden Wales werden die Kinder an den Grundschulen zweisprachig ausgebildet, nämlich in Keltisch und Englisch. Dort lernen Kinder in abgelegenen Regionen auch noch Keltisch in der Familie. Auch alle Aufschriften auf Straßen- und Hausschildern sind dort zweisprachig. Keltisch spricht man, in Keltisch musiziert und dichtet man, in Englisch schreibt und spricht man (auch in Funk und Fernsehen).

Auch in anderen Regionen Westeuropas werden fast ausgestorbene Sprachen wieder aktiviert: Okzitanisch und Provençalisch in Südfrankreich, Bretonisch in der französischen Bretagne und Katalanisch nach wie vor im ,spanischen’ Katalonien. Bretonisch ist zum Beispiel eine Sprache, die in der Bretagne bis zur Französischen Revolution von der Masse des Volkes gesprochen wurde. Nur die Honoratioren sprachen Französisch oder Englisch. Diese Beispiele könnten dazu beitragen, die in Deutschland so umstrittenen angeblich überholten Mundarten nicht als Gegensatz zur offensichtlich notwendigen Amts-, Schrift-, Wirtschafts- und Literatursprache zu sehen. Das eine schließt das andere aber nicht aus. Es sollte auch bei uns nicht die Konfrontation, sondern die Synthese im Vordergrund stehen.

Wilhelm Kaltenstadler

Rohrbach