Sonntag, 18. November 2018
 

 

28.09.2008 23:01 Uhr | x gelesen
    Drucken Text vergrößern

"Jetzt machen sie die CSU noch ganz kaputt"


München (DK) Um 18.45 Uhr ist es offiziell: Der fast schon gedemütigte Wahlverlierer hat sich soeben im Landtag durch das Spalier von Kameraleuten und Journalisten gekämpft und das Wort ergriffen. "Ich stehe für eine Koalitionsregierung zur Verfügung", ruft Ministerpräsident Günther Beckstein nun in den Saal 1, in dem die CSU-Wahlparty steigen sollte.


Die Stimmung ist, bei einer Hochrechnung von 43 Prozent, schon längst am Nullpunkt angelangt. Keine Hand rührt sich zum Beifall, als Beckstein mit seinem schwer angeschlagenen Tandempartner Erwin Huber im Schlepptau den Saal wieder verlässt. Die auf das Niveau einer Provinzpartei zurechtgestutzte CSU, die ihrem Nimbus womöglich ein für allemal eingebüßt hat, ist an diesem Abend fertig mit der Welt.

Schon am Nachmittag hatten Gerüchte die Runde gemacht, Beckstein, CSU-Chef Erwin Huber und Generalsekretärin Christine Haderthauer wollten an ihren Ämtern kleben. Ab 16.30 Uhr waren die drei mit CSU-Fraktionschef Georg Schmid in der Münchner Staatskanzlei beieinander gesessen. Zu diesem Zeitpunkt wussten das ungeliebte CSU-Führungstandem und die Generalin schon, dass die CSU das größte Wahldebakel ihrer Geschichte erleben würde.

Immer weiter nach unten waren die Wasserstandsmeldungen aus dem Wahllokalen gefallen: von 46 Prozent um 14 Uhr auf 45 Prozent um 15 Uhr. Um 16.30 Uhr hieß es, es seien am Ende auch nur 43 Prozent möglich. Dennoch schwor sich das Trio Treue. "Wir kämpfen", lautete die Parole. Und: "Rücktritte lösen die aktuellen Probleme der CSU nicht."

Ein Sündenbock ist schnell gefunden: Edmund Stoiber. Als Haderthauer kurz vor sechs mit versteinertem Gesicht durch die Landtagsflure zur ersten TV-Runde eilt, hat es schon die Runde gemacht. Die Analyse der Schlappe müsse sich auf die gesamte Legislaturperiode erstrecken, sagt die Ingolstädterin in die Mikrofone. Also auch bis zurück zum Jahr 2004, als Stoiber seinen rigorosen Sparkurs gefahren hatte. Außerdem gelte es jetzt nach vorne zu schauen, fügt Haderthauer hinzu, "dass wir Stabilität in der Partei haben".

Blankes Entsetzen

Beim CSU-Anhang herrscht da blankes Entsetzen. "Ungeheuerlich" findet Ex-Wirtschaftsstaatssekretär Hans Spitzner die Schuldzuweisungen in Richtung Stoiber. "Jetzt machen sie die CSU noch ganz kaputt", schimpft ein christsozialer Parteigänger über Beckstein und Huber. Das Signal dieser Wahl sei doch gewesen, dass die Leute das wackelige CSU-Führungstandem nicht akzeptieren wollten. "Wenn die jetzt im Amt bleiben, sind wir mit Blindheit und Blödheit geschlagen", heißt es. Dann werde es bei der Europawahl im nächsten Jahre eine noch viel brutalere Klatsche geben.

Bei manchem Augenzeugen des CSU-Begräbnisses erster Klasse hat da schon der "Dorfprozeltener Predigtstuhl Domina trocken" aus dem Frankenland die Zunge gelockert. Doch einige CSU-Würdenträger kommen auch im völlig nüchternen Zustand zu klaren Erkenntnissen. "Jetzt wird sich zeigen, wie viel Charakter die Beteiligten haben", sagt der CSU-Landtagsabgeordnete Ernst Weidenbusch und signalisiert damit, dass Beckstein und Huber für eine Entscheidung nicht viel Zeit bleibt. JU-Chef Stefan Müller, fordert einen Sonderparteitag. "Es geht nicht ohne Konsequenzen, ein ,Weiter so’ kann’s nicht geben", nimmt der Franke kein Blatt vor den Mund. "Wer nicht zurücktritt, wird zurückgetreten", heißt es unter Gefolgsleuten. Und ein Präsidiumsmitglied meint: "Der Kampf bis zur letzten Patrone hat sich noch nie ausgezahlt."

"Zwei von Dreien raus"

Zuallererst könnte es Huber und Haderthauer treffen. "Zwei von den Dreien sind sicher raus", gibt einer aus der engsten CSU-Führungscrew dem abgestraften Ministerpräsidenten Beckstein noch ein politische Überlebenschance. Derweil beginnt die Partei allmählich, sich auf Horst Seehofer einzustellen. Als Huber-Nachfolger ist im Landtag kein anderer Name zu hören. Der einzigen Wahlsieger der CSU hat es indes vorgezogen, erst einmal in Ingolstadt abzuwarten.


Von Jürgen Fischer

Drucken  Drucken Artikel weiterempfehlen  Empfehlen Artikel verlinken  Artikel verlinken

Wenn Sie diesen Artikel von donaukurier.de verlinken möchten, können Sie einfach folgenden HTML-Code verwenden:

 

Vorlesen  PDF speichern  Leserbrief schreiben   Leserbrief Kommentare lesen/schreiben  Kommentieren
Kommentare
Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!