Mein IN - Haunwöhr
"Hier hab ich als Bub die Milch geholt." Sepp Schneider vor einem der ältesten Häuser im Ingolstädter Südwesten, einem früheren landwirtschaftlichen Anwesen an der Oberringstraße. Heute erfreuen sich die Nachbarn noch jedes Jahr an der Blumenpracht im Garten.
Foto: Heimerl
Haunwöhr – das ist natürlich längst mehr als der Alte Ort, der im 15. Jahrhundert aus nur zehn bäuerlichen Anwesen bestand und der sich (viel) später im Kern um die heutige Schrobenhausener Straße herum entwickelte. Wer heute diesen Stadtteil nennt, der meint ein recht weites Gebiet zwischen Donaustaustufe, Gustav-Adolf-Straße, Südfriedhof und dem südwestlichen Stadtrand nach Knoglersfreude und Hundszell hin.  

Ordentliche Infrastruktur

Insbesondere das Neubaugebiet westlich der Schrobenhausener Straße hat dem Viertel ab den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts großen Bevölkerungszuwachs und damit nach der Eingemeindung nach Ingolstadt auch die Infrastruktur gebracht, die heute von den Bewohnern so geschätzt wird: "Dass wir eine Grundschule und ein Schulzentrum, einen Supermarkt, Ärzte, Apotheken und zwei Bankfilialen haben", sagt Sepp Schneider, "das ist alles nur diesem Wachstum zu verdanken."

Schneider (69) ist Chef der Ingolstädter Siedlervereinigung, deren Quartier an der vorderen Schrobenhausener Straße im Südwesten zu einer Art "Haus der Vereine" und sogar zu einer Adresse für Familienfeiern geworden ist. In diesen Sommertagen kann man hinterm Haus auch so manche Frühschoppenrunde entdecken: Hier wird Nachbarschaft gepflegt, machen die Neuigkeiten aus dem Viertel die Runde.

Pensionär Schneider ("Schreiben Sie ruhig Sepp, als Josef kennt mich keiner") wohnt dort, wo Haunwöhr im Dritten Reich zum ersten Mal erheblich gewachsen ist: in der Eigenheimsiedlung links und rechts des Brunnenreuther Weges, die nach Erlass des Reichsheimstättengesetzes in kurzer Zeit zur Heimat für etliche Normalverdiener wurde, die sich ohne die damaligen Zuschüsse so schnell keine eigenen vier Wände geleistet hätten. Nach heutigen Maßstäben muten die Häuser winzig an. Dass hier in den Gärten einst viel Kleinvieh gehalten und in schwierigen Zeiten auch schon mal Futter bei den Bauern der Umgebung "organisiert" wurde, ist Neubürgern sicher kaum bekannt.

So manche Familie aus diesem Eck hat sich im Laufe der Jahrzehnte durch Anbauten mehr Platz geschaffen. Da und dort sind die Altbauten auch schon Flurbereinigungen gewichen; Bauträger haben die durchaus großen Parzellen gut zu nutzen gewusst und neue Akzente gesetzt. "In einigen Jahrzehnten", glaubt Eigenheimer Schneider, "sieht das hier ganz anders aus."

Mein IN - Haunwöhr
Hochhäuser gibt es in Haunwöhr ebenfalls. Die Bauten im Eck von Hanbsburger- und Berliner Straße entstanden mit der westlichen Neubausiedlung in den 60er Jahren und sind im typischen Stil dieser Zeit gehalten.
Foto: Heimerl
Womöglich so wie auf dem früheren Gelände der seinerzeit einflussreichen Familie Sensen, die im Eck zwischen Feldl-, Berliner Straße und Schrobenhausener Straße einst eine Gastwirtschaft und einen Galvanikbetrieb führte. Dort, wo heute kleine Mehrfamilien- und Reihenhäuser stehen, liegt auch der Ursprung des SV Haunwöhr, der hier in der Nachkriegszeit seinen ersten Sportplatz hatte. Der Sportverein (1946 wieder gegründet), so sagen Alteingesessene wie Franz Schwaiger (74) und Landwirt Xaver Heigl (67), war neben der Kirchengemeinde Herz Jesu (besteht erst 50 Jahre) der Integrationsfaktor im Stadtteil schlechthin: "Das brachte die Verschmelzung." Gerne erinnern sich die heutigen Senioren an Anekdoten um den ersten Ortspfarrer, der das Holz für seine Notkirche an der Zeppelinstraße (der heutige Pfarrsaal) bei Forstwirten rund um die Stadt zusammengebettelt hatte.

 Früher gab’s einen Bahnhof

Auf einem Sektor war das kleine, alte Haunwöhr aber schon früh sehr fortschrittlich: Mit einem eigenen Bahnhof an der früheren Strecke nach Donauwörth "hatten wir hier allen anderen Audörfern etwas voraus", betont Sepp Schneider. Der Bahnhof verschwand erst mit der großen Ingolstädter Bahnverlegung Anfang der 90er Jahre; die Bahnhofswirtschaft (jenseits der Haunwöhrer Straße gelegen) schon viel eher.

Geblieben ist der Bahndamm, der nach wie vor den Stadtteil von der Donau trennt und der zugleich Hochwasserdamm ist. Mit ihm kam seinerzeit der erste verlässliche Hochwasserschutz. Inzwischen wurde er sogar saniert.

Dass der Stausee und der nahe Auwald das Naherholungsgebiet der Haunwöhrer sind, liegt auf der Hand. Die Staustufe liegt in weiten Bereichen auf ehemaligem Haunwöhrer Grund, dort, wo die Kinder einst an den Uferzonen der Donau ("Schüttl") das Schwimmen lernten. Erinnert werden muss natürlich an das Kieswerk Weinzierl, das dem Gelände am Baggerweg den Namen gegeben hat. Der längst verschwundene Baggerturm war einst das Wahrzeichen des ganzen Viertels.

Mein IN - Haunwöhr
Die Eigenheimsiedlung im östlichen Haunwöhr (hier eine Ansicht der Köhlstraße) entstand in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Viele Hausbesitzer haben später nochmals angebaut.
Foto: Heimerl
Heute ragen andere Bauten weithin sichtbar auf: Die Hochhäuser im Eck von Berliner Straße und Habsburgerstraße sind typische Produkte der Wirtschaftswunderzeit ; ihre parkähnliche Umlage und das gutbürgerliche Umfeld macht das Wohnen hier allerdings wohl um Klassen angenehmer als in manchen "Betonkisten" im Norden Ingolstadts. Mit dem ehemaligen Fort Peyerl ist vielleicht der schönste Großspielplatz der Stadt ganz in der Nähe. Und in Sichtweite entsteht neben dem alten Supermarkt gerade ein regelrechtes Ortsteil-Einkaufszentrum. "Hoffentlich", sagt Sepp Schneider, "kann man da dann auch mal ein paar Schrauben kaufen, für die man jetzt immer ins Industriegebiet fahren muss."

 Alte Gasthäuser verschwunden

Die Gasthäuser, die noch vor zwei Generationen jedem Haunwöhrer ein Begriff waren, sind ebenso verschwunden wie die wenigen Krämerläden. Die "Haunwöhrer Pilsstube" am Eck von Oberring- und Oberfeldstraße ist wohl eher etwas für jüngere Leute, meinen zumindest die Senioren. Nebenan gibts die weit und breit einzige Konditorei, wo im Sommer auch frisches Eis im Angebot ist.

Ein paar Schritte in Richtung Berliner Straße liegt das Feuerwehrhaus, wo nicht nur zünftige Sommernachtsfeste gefeiert werden, sondern an jedem 1. Januar auch das neue Jahr "angeblasen" wird. Zur Vereinspalette gehören im Viertel übrigens auch die beiden Schützenvereine "Einigkeit" und "Buchenlaub".

Und dann gibt es bei den Älteren noch Erinnerungen an einen Kleintierzoo. Der Mini-Tierpark war ebenfalls eine Geschäftsidee aus der Familie Sensen. Vom Ortskern wurde das Ensemble irgendwann in der Nachkriegszeit nach Buschletten ausgesiedelt, wo es dann sogar einen Braunbären und einen Löwen (!) hatte. Bis zu einem Hochwasser, als die Vierbeiner alle zurück ins Viertel geholt werden mussten. Noch heute erinnert sich Sepp Schneider, wie der König der Tiere sein Gebrüll im Viertel erschallen ließ. Das sei wirklich durch Mark und Bein und bis zum letzten Haus gedrungen. Lang, lang ists her.