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13.03.2007 00:19 Uhr | x gelesen
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93. Die Instanz


Bild: 93. Die Instanz.  Der Mann hat Maßstäbe gesetzt, er war eine Instanz für Deutschland: Harald Schmidt. Jetzt droht er zu verblassen. Eine Warnung.

Der Mann hat Maßstäbe gesetzt, er war eine Instanz für Deutschland: Harald Schmidt. Jetzt droht er zu verblassen. Eine Warnung.


Mit dem Bart gingen nicht nur Haare verloren. Harald Schmidt stand für den anderen Gedanken, für meist geistreiche Frechheit, die siegt. Seine Interpretation der Frage „Verstehen Sie Spaß?“ hatte das Land einst noch überfordert. Als er das Studio kurz mit dem Hinweis verließ, er habe Hunger, dann schnelle den Nerz überstreifte, um den Hubschrauber vor der Studiotür zu besteigen, eben um die Ecke zu fliegen, wo die Pommes-Bude bereit stand. Oder als er 20 Minuten lang drei Musicals zur Auswahl stellte, um dann ungefähr 53 Sekunden zu singen und danach ungefähr acht Vorhänge zu geben. Das war Wahnsinn, der zuviel war fürs Volk.

Später dann, als er die dicken Kinder von Landau auf den Arm nahm, als er Ina Werner als Baywatch-Pam ein totes Grillhuhn retten ließ, als Sexy Sadie und Üzgür oder die Zellen-Cam von Papa Graf Trabus brachen, da fing das Land an zu verstehen. Als er schließlich mit seinen Autoren im Taschenlampenlicht Pfadfinder-Lieder sang, als er mit Barbara Schöneberger eine Sendung auf Französisch bestritt, da hatte das Land verstanden. Mit Preisen wurde er überhäuft, Harald Schmidt wurde zur Instanz. Obwohl seine Kaffee-Werbung dilletantisch schlecht war. Obwohl seine Rolle in Dietls „Late Show“ widerlich geriet.

Nichts hätte dem Meister etwas antun können, außer er sich selbst. Als er schließlich zurück kehrte von seiner Weltreise, mit dem Zottelbart, da war Harald Schmidt ganz oben. Da konnte er locker mit seiner vierstündigen Rhein-Fall-Fahrt kokettieren, die genau ein Highlight hatte, nämlich jenes kleine Liedchen, das er mit Olli Dittrich und Bastian Pastewka einsang: „Meine kleine Schwester…“.

Und zum zweiten Mal machte Harald Schmidt denselben Fehler wie damals, als er bei „Verstehen Sie Spaß?“ beinahe obenauf gewesen wäre: Er zerstörte sich selbst. Schmidt trug diesen blöden blauen Schal, ließ Sidekick Andrack selbst zu, Star werden, fast als hätte er es drauf angelegt, die Erfolgsspur zu verlassen.

Nur manchmal lässt er in diesen Tagen noch aufblitzen, was ihn ausmacht. Er hat Dr. Udo Brömme vergessen und die hinreißenden Reclam-Hefte-Lesung, das Brechen des Selbstverständnisses seiner Bildungsbürger-Dünkelopfer, die Klamauk-Touren mit dem mobilen Studio-Schreibtisch - und jetzt steht er da.

Harald Schmidt ist zurzeit nicht die Instanz, die er sein sollte. Und das Land braucht Instanzen. Die Christiansen ist nämlich keine. Schmidt, es wird Zeit für Rückbesinnung. Höchste Zeit.


 


 

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Von Mathias Petry

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