Donnerstag, 13. Dezember 2018
 

 

19.07.2006 22:31 Uhr | x gelesen
    Drucken Text vergrößern

72. Angie, erklär uns die Welt


Bild: 72. Angie, erklär uns die Welt.  Was ist das nur für eine merkwürdige Welt. Manche führen Krieg, andere hinterfragen die Theorie dran ist, ob, wer Witze reißt, zehn Minuten länger kann. Derweil übt die Kanzlerin das Video-Bloggen und Jan Ullrich fordert die Unschuldsvermutung. Und das Fernsehen bringt deftige Sexdebatten im Vorabendprogramm.

Was ist das nur für eine merkwürdige Welt. Manche führen Krieg, andere hinterfragen die Theorie dran ist, ob, wer Witze reißt, zehn Minuten länger kann. Derweil übt die Kanzlerin das Video-Bloggen und Jan Ullrich fordert die Unschuldsvermutung. Und das Fernsehen bringt deftige Sexdebatten im Vorabendprogramm.


In den 70er Jahren war das alles noch ganz anders. Da fanden in Deutschland nackte Brüste schlicht nicht statt. Man musste sich in den Zeitschriftenladen schleichen und heimlich nach dem Playboy greifen, um zu sehen, wie hübsche Mädchen das Blüschen lupfen. Heute gibt es keine Tabus mehr. Da genügt schon die nächtliche Fernsehwerbung, um auszuleben, was man nie ausleben wollte. Und Pro7 bringt „Sex in the City“ im Vorabendprogramm.

Wobei „Sex in the City“ eine geniale Serie ist. Für Erwachsene. Aber ob es unbedingt familientauglich ist, die multiple Orgasmusfähigkeit von Frauen kurz vor der Meno-Pause ob der Begegnung der Vagina mit überlangen Geschlechtsteilen zu diskutieren, während Muttern die Butter zum Abendbrot auf den Tisch stellt, sollte auch heute noch hinterfragt werden dürfen.

Wer das nicht sehen will, muss ja nicht hinsehen – so wird heute Toleranz definiert. Also bitte. Zappen wir weg. Irgendwo kommen Nachrichten, und wir sind live dabei, wie wahlweise im Libanon, in Israel oder auch im Kongo Menschen verrecken, wenn es nicht gerade ein Zug-, Bus- oder Flugzeugunglück gab. Früher blieben die Kameras verschämt bis diskret auf Distanz, heute sind wir mittendrin statt nur dabei. Nur nicht mehr bei der Tour de France. Ulle "Unschuldsvermutung" Ullrich ist weg, und das ist in diesem Fall auch die richtige Vorsilbe für das Wort "...zappen".

Gut, dass unsere Kanzlerin jetzt online via Podcast die Welt erklärt. Weil sie noch zu hölzern ist, lässt sie sich von Premium Bloggerin Lyssa Borchert, die demnächst Online-Chefin wird, erklären, wie man richtig videoblogged, was taktisch sicherlich nicht blöd ist, nachdem sie ob der Bundestagsbeschlüsse beim Viertel- und beim Halbfinale noch einiges zu erklären hat – und nachdem heute alles podcastet, wäre es geradezu verwerflich das auszulassen. Gerne möchte man sich Herbert Wehner, Willy Brandt, die Helmuts Schmidt und Kohl beim Podcasten vorstellen. Der Gasberater hatte wenigstens Stefan Raab, der ihn mit „Hol mir mal ne Flasche Bier“ online brachte.

Wollen wir das alles sehen? Das alles wissen? Natürlich wollen wir das. Und warum? Weil wir es KÖNNEN. Wollen ja, mögen aber nicht immer. Die Uhr lässt sich nicht zurückdrehen, aber manchmal wären ein paar Tabus dann doch nett. Kein Tabu ist ja witzig, weil mutig. Aber kein Tabu ist manchmal auch – schade. Vielleicht kann uns Angie das ja alles mal erklären. Beim nächsten Video-Blogg. Das wäre nett.


 


 

Was ist eigentlich dieser Presssack?
Alle früheren Folgen der DK-Online-Kolumne
sind unter www.donaukurier.de/kolumne nachzulesen.
Kontakt: presssack@donaukurier.de



Von Mathias Petry

Drucken  Drucken Artikel weiterempfehlen  Empfehlen Artikel verlinken  Artikel verlinken

Wenn Sie diesen Artikel von donaukurier.de verlinken möchten, können Sie einfach folgenden HTML-Code verwenden:

 

Vorlesen  PDF speichern  Leserbrief schreiben   Leserbrief Kommentare lesen/schreiben  Kommentieren
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!