Dienstag, 11. Dezember 2018
 

 

02.05.2006 23:57 Uhr | x gelesen
    Drucken Text vergrößern

61. Kollateralschaden


Bild: 61. Kollateralschaden.  Dieser arme Pfau ist ein Kollateralschadenopfer. Er konnte überhaupt nichts dafür, dass alle Angst bekamen, und jetzt schlägt er seine Räder für nichts und wieder nichts. Und warum? Wegen der Vogelgrippe. Gemein!

Dieser arme Pfau ist ein Kollateralschadenopfer. Er konnte überhaupt nichts dafür, dass alle Angst bekamen, und jetzt schlägt er seine Räder für nichts und wieder nichts. Und warum? Wegen der Vogelgrippe. Gemein!


Es ist nämlich so: Als Pfau bist du eine arme Sau. Da wird es Frühling, du denkst dir nichts Böses, du gehst raus, um nach einer kleinen Liebelei zu rufen, aber sie kommt nicht. Du rufst lauter, aber sie kommt nicht. Du wunderst dich, dass die Menschen in deiner Nachbarschaft allmählich durchdrehen, und du verstehst überhaupt nicht, warum. Und du rufst jede Nacht, aber kein Pfauline kommt. Stattdessen kommen Menschen mit glänzenden Messern in der Hand; sie wollen dir an die Gurgel, und da weißt nicht, warum. Du arme Sau, du Pfau.

Tatsächlich darfst du armer Pfau, du Geflügelderivat, raus, weil das böse H5N1-Virus sich relativ sicher nicht auf dich überträgt, aber von diesem H5N1-Virus hast du ja noch nie etwas gehört. Du weißt auch nicht, dass du in der Nähe von Haag bei München wohnst, du armer Pfau, du arme Sau, aber ich schon. Es ist eigentlich ganz nett in Haag bei München, und in dem Dorf, wo du lebst, gibt es einen kleinen Teich im Friedhof mit ein paar Ringelnattern, und ab und zu bringt dir eine der netten Dorfkatzen eine vorbei. Im Umkreis von mindestens fünf Kilometern bist du zu hören, mit deinem Geschrei, aber keine einzige Pfauline kann dich hören. Wenn du wüsstest, du arme Pfau-Sau, dass deine Nachbarn mittlerweile deine Geschichte hinaus in die Welt tragen - genervt und mitleidvoll zugleich...

Und doch hört dich niemand, der dich hören soll. Dafür nehmen dich die Enten in den Käfigen und Volieren und was es noch so alles gibt, um Geflügel einzusperren, das in Tagen der Vogelgrippe nicht raus darf, wahr. Und du, du armer Pfau, schlägst voller Verzweiflung deine Räder vor der Ente, doch wenn die Sprechblasen über ihrem Kopf bilden könnte, dann wären da lauter Fragezeichen drin. Verstehst du das, Pfau? Sie versteht nicht, was du willst!

Diese doofe Vogelgrippe. Keiner hat mehr Angst davor. Fast scheint es, als hätten all die Experten Recht behalten, die sagten: Tote Vögel mit H5N1 fallen schon seit Jahren vom Himmel, na und? Die sind sauer auf die Wichtigtuer-Kollegen, die vor der großen Epedemie kassandran, die zusammen mit Horst Seehofer die Spur der Vogelgrippe durch Deutschland doppeln. Und du, Pfau, du armer, armer Pfau, du wärst auch sauer, wenn du das alles verstehen würdest.

Dann würde dir nämlich klar werden, dass du nichts anderes als ein Kollateralschaden bist, dass du dich nicht paaren kannst, weil die Menschen getreu der alten Weisheit "Nix Genaues weiß man nicht" auf Nummer sicher gehen. Aber du weißt ja, lieber, schöner Pfau, du arme Sau: Mit Schwund muss man rechnen. Und es kommen auch wieder bessere Zeiten, und - um es mit Woody Allen zu sagen - man führt das Pferd zum Brunnen bis es bricht.


 


 

Was ist eigentlich dieser Presssack?
Alle früheren Folgen der DK-Online-Kolumne
sind unter www.donaukurier.de/kolumne nachzulesen.
Kontakt: presssack@donaukurier.de



Von Mathias Petry

Drucken  Drucken Artikel weiterempfehlen  Empfehlen Artikel verlinken  Artikel verlinken

Wenn Sie diesen Artikel von donaukurier.de verlinken möchten, können Sie einfach folgenden HTML-Code verwenden:

 

Vorlesen  PDF speichern  Leserbrief schreiben   Leserbrief Kommentare lesen/schreiben  Kommentieren
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!