Samstag, 15. Dezember 2018
 

 

15.03.2006 21:57 Uhr | x gelesen
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55. Mehr Hunger


Bild: 55. Mehr Hunger.  Da verlieren wir gegen Italien 1:4 und 1:4 und 1:4 und 1:4 – und das Volk schimpft, weil Klinsis Pendlerpauschale etwas höher ausfällt als bei anderen und er auf rot steht. Also bitte – da liegen nun aber einige Missverständnisse vor. Dabei ist die Antwort ganz einfach: Es gebricht am Hunger.

Da verlieren wir gegen Italien 1:4 und 1:4 und 1:4 und 1:4 – und das Volk schimpft, weil Klinsis Pendlerpauschale etwas höher ausfällt als bei anderen und er auf rot steht. Also bitte – da liegen nun aber einige Missverständnisse vor. Dabei ist die Antwort ganz einfach: Es gebricht am Hunger.


Fußball ist zwar nicht unser, aber durchaus mancher Leute Leben, was durchaus nicht verwerflich ist. Warum nicht Fußball als Lebensinhalt? Da gäbe es gewiss Schlimmeres. Unverständlich ist allerdings dies: Warum gibt es mindestens zehn Millionen Bundestrainer in unserem Land und immer noch fünf bis zehn Millionen fanatische Fans, aber gerade mal 70 oder 80 oder 100 Deutsche, die es in die Bundesliga schaffen? Da stimmt doch was nicht.

Man muss sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen: Keine 100 relevante deutsche Fußballprofis – das ist der Pool, aus dem der Bundestrainer seine Mannschaft zusammenstellen muss. Genau genommen heißt das: Jeder fünfte Deutsche, der es in die Bundesliga schafft, steht mit einem Bein auch schon in der Nationalmannschaft! Die Frage ist: Ist diese Elite auch wirklich die Elite?

Als der FC Bayern München gegen Mailand antrat, hatten sie vier, zeitweise auch mal fünf deutsche Spieler in ihren Reihen – fast schon logischerweise sind alle auch Nationalspieler. In etlichen Bundesliga-Partien stehen nicht mehr als vier oder fünf Deutsche – inklusive Schiedsrichter - auf dem Platz. Vielleicht sollte man endlich einmal darüber nachdenken anstatt Klinsis Grinsen, seine roten Trikots oder die Länge seiner Heimfahrt zu diskutieren. Dazu nur soviel: Nicht wenige Wochenendpendler sitzen in Deutschland ab Freitagmittag sechs oder gar acht Stunden im Auto oder im Zug, um nach Hause zu kommen. Klinsi braucht eben zwölf. Sicher wird das nicht über den WM-Titel entscheiden.

Warum schaffen es nicht mehr junge Männer in die erste Liga? Trainieren sie nicht genug? Quälen sie sich nicht genug? Warum bringen Mini-Völker wie die Dänen, die Schweden und die Holländer zum Teil bemerkenswerte Teams zusammen und unser 80-Millionen-Riesenland hat die Wahl aus 70 oder 80 Sportlern? Herrschaften, da ist etwas faul im Staate Deutschland.

Und was? Uns fehlt der Hunger. Wir sind zufrieden, mit dem was wir haben, mit unseren Ängsten, unseren Autos unseren Handys und den Optionen auf zu erbende Eigenheime. Wer heute mit 17, 18 nicht völlig blind gegen den Ball drischt, kann damit rechnen, mit so genannten Fahrtkostenerstattungen in untersten Ligen schon teils erstaunliche Geldbeträge abzugreifen. Da muss man aber nicht jeden Tag trainieren und in den Kraftraum und und und.

Ja, wir sind satt. Und drum ist Klinsi kein blöder Grinser, er macht nur gute Miene zum bösen Spiel. Denn wie gesagt: Er hat nur die Wahl aus nicht einmal 100 Kickern. Das ist schon verdammt bitter, da die viel zitierten deutschen Tugenden zu entdecken.


 


 

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Von Mathias Petry

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