Sonntag, 16. Dezember 2018
 

 

27.02.2006 22:24 Uhr | x gelesen
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53. Demaskiert


Bild: 53. Demaskiert.  Das Mädchen hat die Maske fallen lassen. Jetzt, wo es Kanzlerin ist, ist das Mädchen plötzlich eine Frau. Nach 100 Tagen im neuen Job müssen wir uns fragen: Wie konnte das passieren?

Das Mädchen hat die Maske fallen lassen. Jetzt, wo es Kanzlerin ist, ist das Mädchen plötzlich eine Frau. Nach 100 Tagen im neuen Job müssen wir uns fragen: Wie konnte das passieren?


Angie hatte doch nun wirklich alles getan, um ein Bild in den Köpfen des Landes zu malen: Die Physikerin, die wissenschaftlich vom Ergebnis her rückwärts denkt, die über die dritte Umkehrung der Weltordnung hoch drei dividiert durch 17 mal vier und jetzt noch im Integral exponenzial Probleme löst, und dabei so unaufgeregt und sachlich bleibt, dass es völlig wurscht ist, wie sie aussieht.

Sie, die Politikerin aus dem Osten, die genau weiß, wie sie Politik nie wieder haben will und deshalb sachlich auf jegliche Selbstdarstellerei verzichtet. Angie hat keine Pfeife wie Wehner, kein Reibeisen wie Brandt, keine weiße Tolle und auch keine Mentholzigaretten wie Schmidt, keinen Saumagen wie Kohl, keine Lateinklopperei wie Strauß und schon gar nichts wie ihr Vorgänger, der Gasberater. Das einzige, was sie immer hatte, war keine Frisur.

Und so wie sie mit keiner Frisur die eigene Person in den Hintergrund treten lässt, lässt der zweite Besser-Ossi dieser Tage, Matthias Platzeck, sein Gesicht hinter dem überaus sympathischen Faulheitsbärtchen verschwinden. La Merkel hat dies zum Zauberwort für erfolgreiche Politik wachsen lassen: Unaufgeregtheit. Und dieses Unaufgeregte, dieses vollständige Fehlen von medienfreundlich inszenierter Selbstdarstellung ist das Angenehmste, was uns Politiker seit Jahren beschert haben. Das hat Angie so toll hingekriegt, dass man ihr glatt eine kleine Mehrwertsteuererhöhung verzeihen möchte.

Kein Bart, keine Frisur, keine Attitüde, sondern Arbeit. Was für eine einfache, was für eine undenkbare, was für eine wunderbar kluge Formel!

Doch jetzt, wo Angie mit keiner Frisur und keinem Make-Up und keinem Kleidungsstil die Botschaft auch fast schon dem letzten Zweifler eingetrichtert hatte, wo selbst der letzte sie so sah, wie Ziehvater Kohl, nämlich als Mädchen – also asexuell -, kommt sie uns plötzlich als Frau. Sie posiert mit klugem, fraulichen Lächeln, lässt sich mit einem Mal die Augen so schminken, dass sie klug, weich und warm wirken, die Haare fallen weich um das merkelige Gesicht, so als wollte sie dies sagen:

Jetzt, meine lieben Mitbürger, wo Ihr mich ohne Ansehen meiner Person gewählt habt, jetzt kann ich Euch das geben, was ich Euch nie geben wollte. Weil ich glaubte, dass ich es Euch nicht geben muss. Aber jetzt, wo Ihr eine Kanzlerin habt, bekommt Ihr eine eiserne Lady nur im Tun, nicht aber in Sein. Ällibätsch!

Danke, Mädchen.


 


 

Was ist eigentlich dieser Presssack?
Alle früheren Folgen der DK-Online-Kolumne
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Kontakt: presssack@donaukurier.de



Von Mathias Petry

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