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02.02.2006 22:21 Uhr | x gelesen
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51. Auf in den Kampf


Bild: 51. Auf in den Kampf.  Wenn alle Soldaten aussehen würden wie Sonja Zietlow, gäbe es in Deutschland nicht mehr viele Zivildienstleistende. War das der Grund, warum RTL seine Allzweckwaffe in den Kampf schickte? Eine Analyse.

Wenn alle Soldaten aussehen würden wie Sonja Zietlow, gäbe es in Deutschland nicht mehr viele Zivildienstleistende. War das der Grund, warum RTL seine Allzweckwaffe in den Kampf schickte? Eine Analyse.


Es passt in die Zeit, in der von Wehrgerechtigkeit, von der Abschaffung der Wehrpflicht, aber auch von einer neuen deutsch-amerikanischen Freundschaft die Rede ist, dass ausgerechnet jetzt RTL seine "Deutschland will Dich"-Kampagne auf den Bildschirm bringt. "Sonja Zietlow", die sich eben noch in Maxim hautreich präsentierte, wird eingezogen und zeigt sich jetzt mit dem Heer im Schlamm, mit der Marine im Pool und bei der Luftwaffe mit PS unterm Hintern. Das findet mann toll. Aber Vorsicht: Die Show ist eine Mogelpackung: Vor allem darf die Bundeswehr zeigen, wie cool und wie poppig und wie hip sie ist. Um Sonja und ihre Erfahrungen geht es nur am Rande. Vorsicht, Jungs: Hier werdet Ihr weggeködert, oder wie es früher im Seefahrerspeak hieß: schanghait. Die Botschaft ist eindeutig: Zivildienst ist uncool und Bundeswehr ist geil!

Was Wehrdienst wirklich ist, wissen nur die, die dabei waren: Wehrdienst ist langweilig. Da stehst Du stundenlang rum und darfst nur darauf warten, bis du zu einer völlig sinnfreien und wiederum langweiligen Tätigkeit gezwungen wirst. Irgendwann wirst du vielleicht eine Übung mitmachen. Dann musst du besonders früh aufstehen, um dann runter in den Bunker zu kommen, um dort Zeit sinnlos totzuschlagen und dich noch länger zu langweilen, weil du ja so früh aufgestanden bist. Du darfst dann Kaffee kochen für Offiziere, und wenn du Glück hast, darfst die die BILD-Zeitung lesen, nachdem sie auch die letzte Charge mit ein paar Streifen auf der Schulter dreimal aus lauter Langeweile von vorn bis hinten durchgekaut hat. Wenn die Übung vorbei ist, bist du derjenige, der den ganzen Mist wieder aufräumen darf. Vielleicht entdeckst du ja in der Zeitung ein Foto von Sonja Zietlow.

Wenn die Übung rum ist, beginnt der Alltag. Der heißt: Langeweile. Irgendwie muss ja die Zeit totgeschlagen werden, bis zum Schlafen gehen. Dann musst du lustige Sachen sagen, wie: "Stube 12 gereinigt, gesäubert, gelüftet und zur Abnahme bereit". Du darfst das auch sagen, wenn gar nicht gelüftet ist, weil das auch völlig egal ist; der lange Sermon heißt eh nichts anderes als "Gute Nacht". Denn morgen wartet der nächste langweilige Tag.

Ja, mein lieber jugendlicher Fernsehzuschauer, der du jetzt zur Bundeswehr willst, weil dich der RTL-Werbefilm so heiß darauf gemacht hat: Denk daran, wie du die Tage zählen wirst, bis die gähnende Langeweile zu Ende geht, die so langweilig ist, dass es einem schon spannend erscheint, wenn er den 500 Quadratmeter großen Rasen vor dem Offizierscasino mit einer fünf Zentimeter langen Handsichel mähen darfst. Spätestens das ist dann der Moment, an dem du davon träumen solltest, wie Sonja und die tollen Soldaten mit ihrer lustigen Technik spielten. Die Wirklichkeit sieht - wie so oft - ganz anders aus.


 


 

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Kontakt: presssack@donaukurier.de



Von Mathias Petry

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