Sonntag, 16. Dezember 2018
 

 

06.09.2005 14:24 Uhr | x gelesen
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35. Kreuzchen


Bild: 35. Kreuzchen.  Was ist eigentlich schlimmer: Wenn man keine Wahl hat, oder wenn man die Wahl hat? Schlimmer ist eigentlich, wenn man keine Wahl hat, sollte man meinen. Aber wenn es um die liebe, gute, alte Demokratie geht, dann wird die Wahl für die meisten Menschen zur Qual. Vor allem, wenn man Not und Elend wählen muss. Oder zwischen Mann und Frau. Da möchte man ja fast Festus Haggen und seine  Kollegen im Westen beneiden. Die machten ihr Kreuzchen da, wo man es ihnen sagte, und basta. Klar, schreiben konnten sie ja nicht. Was für ein Glück...

Was ist eigentlich schlimmer: Wenn man keine Wahl hat, oder wenn man die Wahl hat? Schlimmer ist eigentlich, wenn man keine Wahl hat, sollte man meinen. Aber wenn es um die liebe, gute, alte Demokratie geht, dann wird die Wahl für die meisten Menschen zur Qual. Vor allem, wenn man Not und Elend wählen muss. Oder zwischen Mann und Frau. Da möchte man ja fast Festus Haggen und seine Kollegen im Westen beneiden. Die machten ihr Kreuzchen da, wo man es ihnen sagte, und basta. Klar, schreiben konnten sie ja nicht. Was für ein Glück...


Aber so einfach ist das in der Demokratie nicht. Da kann man nicht einfach sein Kreuzchen machen, wie es einem einfällt. Wenn Wahl ist, dann muss man seinen Hirnschmalz gebrauchen, dann muss man sein Wissen in Staatsbürgerkunde auspacken, dann muss man den gesunden Menschenverstand konsultieren, dann muss man zwischen Sympatie und Programm, zwischen Antipathie und Leistung abwägen und schauen, was hinten rauskommt. Dann erst darf mein sein Kreuzchen machen.


Wobei dies am Wichtigsten ist: dass man überhaupt sein Kreuzchen macht, um Extremisten keine Chance zu geben. Die alten Griechen als Erfinder von Gyros, Ouzo und Demokratie haben damals leider nicht an alles gedacht, sicher nicht an Parteien- und Politikverdrossenheit, schon gar nicht an Lethargie und Desinteresse; diese alten Streber. Heute haben wir den Salat.

Nun gibt es ja Leute, die wissen von Staatsbürgerkunde nicht viel mehr als Festus Haggen seinerzeit; das wird uns in diesen Tagen fast täglich vorgeführt. Wenn die Kombattanten von Wachstumsproblemen des Landes sprechen, glauben sie, dass es ums Kindermachen und kriegen geht. Das ist bitter und legt den Gedanken nahe, vielleicht doch eine Staatskundeprüfung der Verteilung von Stimmzetteln vorzuschalten. Aber das gehört eben auch zur Demokratie: dass jeder mitmachen darf.

So ist es vielleicht gar kein Zufall, wenn einem Festus Haggen in den Sinn kommt, wenn man an die Bundestagswahl denkt. Der hat auch seine Kreuzchen gemacht, und er hat am Ende ganz gut damit gelebt. Man muss ja nicht alles wissen. Hauptsache, man ist Demokrat und geht hin. Oder?



Was ist eigentlich dieser Presssack?
Alle früheren Folgen der DK-Online-Kolumne
sind unter www.donaukurier.de/kolumne nachzulesen.



Von Mathias Petry

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