Dienstag, 11. Dezember 2018
 

 

25.06.2005 09:54 Uhr | x gelesen
    Drucken Text vergrößern

29. Alte Zöpfe


Bild: 29. Alte Zöpfe.  Immer, wenn Fußball ist, rückt Politik ins zweite Glied. Das wissen Politiker. Drum rennen sie dienstbeflissen dort hin, wo das runde Leder die Nation mitreißt. Sie wissen: Deutschland ist eine Fußballnation, oder: Fußball ergo sum. Sie kennen sich aus. Der  Kanzler wurde einmal gefragt, wie er eine strittige Strafraumszene erlebt hat. „Aus meiner Sicht war es ein Elfmeter“, sagte er, „was sagen denn die Fernsehbilder?“ – „Es war kein Elfer“, meinte die Reporterin hämefrei. „Sehen Sie, das habe ich genauso gesehen“, erwiderte da der Kanzler und zeigte, was ein Kabinettstückchen ist.

Immer, wenn Fußball ist, rückt Politik ins zweite Glied. Das wissen Politiker. Drum rennen sie dienstbeflissen dort hin, wo das runde Leder die Nation mitreißt. Sie wissen: Deutschland ist eine Fußballnation, oder: Fußball ergo sum. Sie kennen sich aus. Der Kanzler wurde einmal gefragt, wie er eine strittige Strafraumszene erlebt hat. „Aus meiner Sicht war es ein Elfmeter“, sagte er, „was sagen denn die Fernsehbilder?“ – „Es war kein Elfer“, meinte die Reporterin hämefrei. „Sehen Sie, das habe ich genauso gesehen“, erwiderte da der Kanzler und zeigte, was ein Kabinettstückchen ist.


In diesen Tagen ist es nicht der, wie so gern metaphert wird, FC Bundestag, der für Kabinettstückchen verantwortlich ist. Jürgen Klinsmann und seine Buben haben Schröder und Merkel den Rang abgelaufen, und das ist auch gut so. Wer weiß, welche Schmonzetten das Berliner Sommertheater sonst noch zur Blüte bringen würde. Nein, Politik findet zurzeit auf dem Fußballplatz statt. Welchen Einfluss internationale Meisterwürden auf die Breite der nationalen Brust haben, ist längst bekannt. Die Politik profitiert von einer siegreichen Nationalmannschaft. Das ist schön. Was schade ist: Sie lernt nicht von ihr.

Dabei lohnt es, das Prinzip Klinsmann einmal genauer anzusehen. Er ist nicht nur der Sunnyboy, der bisweilen nach good old germany jettet, um die Leute zum kollektiven Grinsen aufzufordern. Er ist einer, der einen eingefahrenen Apparat aufbrach und dem Land Leidenschaft lehrte. Was dem Deutschen Fußballbund, dem DFB, gut tut, würde dem Bundestag nicht schaden.

Klinsmann kam und brach zunächst Denke auf. Am Anfang lachten sie noch über die Gummibändchen, mit denen er seine Spieler einwickelte und über die lustigen Fitness-Trainer aus Amerika. Dann beraubte Klinsmann die Funktionäre alter Rechte, wagte es, einen Nationalhelden auszubooten: Sepp Mayer sollte wieder Enten jagen und sich nicht mehr im Glanz der Nationalkeeper sonnen. Dann fand er zwei Dutzend junger deutscher Talente, wo doch Fußball-Deutschland seit Jahren konsequent behauptet, die gebe es überhaupt nicht.

Jetzt, beim Confed-Cup, lässt Klinsmann seinen Hühnerhaufen auflaufen, lehrt alle Zweifler Lügen, schiebt Schweini, Huth, Mertesacker & Co. ins nationale Bewusstsein und schickt sie nach dem Wettkampf zurück in die Bundesliga. Dort haben sie nun ein Jahr lang in ihren Vereinen Zeit zu lernen, wie es ist, gejagt zu werden. Abgehärtet werden sie danach bereit sein für die große Aufgabe. Nebenbei zeigt Klinsmann noch, wie lächerlich die ewige Diskussion um den Nationalkeeper ist, weil er mit allen drei Kandidaten erfolgreich spielen kann. Und kaum hat man das verstanden, benennt er Oliver Kahn dann doch als Nummer eins.

Klinsmann hat den Beweis angetreten, dass man eingefahrene Strukturen verändern kann, ohne dass gleich alles im Chaos endet. Er hat Seilschaften aufgebrochen, Anders-Denken möglich gemacht, alte Zöpfe abgeschnitten. Er hat das Nötige getan, und das noch mit einer gehörigen Prise Freude im Gepäck. In Bonn und Berlin erzählt man dem Volk seit Jahrzehnten, dass das nicht geht. Wetten, dass…?

Fußball bietet der Politik in diesen Tagen viele Steilvorlagen. Nicht nur auf dem Platz, auch neben dem Platz. Schon bei der WM-Präsentation in der Schweiz war alles ganz anders, weil der Kanzler nicht reden, sondern nur Daumen drücken dürfte. Das war mehr wert als 1000 Worte, denn es war überraschend. „Zu Gast bei Freunden“ heißt das Motto der WM 2006. Deutschland wird Klischees über den Haufen werfen, wird Sympathien gewinnen.

Ein Spiel dauert 90 Minuten, sagte einst Sepp Herberger. Das Nationalspiel wurde gerade erst angepfiffen. Vielleicht will ja im FC Bundestag jemand mitspielen? Sie müssen es nur wollen.



Was ist eigentlich dieser Presssack?
Alle früheren Folgen der DK-Online-Kolumne
sind unter www.donaukurier.de/kolumne nachzulesen.



Von Mathias Petry

Drucken  Drucken Artikel weiterempfehlen  Empfehlen Artikel verlinken  Artikel verlinken

Wenn Sie diesen Artikel von donaukurier.de verlinken möchten, können Sie einfach folgenden HTML-Code verwenden:

 

Vorlesen  PDF speichern  Leserbrief schreiben   Leserbrief Kommentare lesen/schreiben  Kommentieren
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!