Montag, 17. Dezember 2018
 

 

08.02.2005 14:26 Uhr | x gelesen
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15. Und jetzt: der Bundestag


Bild: 15. Und jetzt: der Bundestag.  Islay ist eine wunderschöne schottische Insel. Beschaulich, grün im Sommer, etwas gedämpft im Winter. Hier entstehen die besten Single Malt Whiskeys der Welt. George Orwell schrieb hier anno 1948 seinen Zukunftsroman „1984“. Er erzählte – nicht sehr gut gelaunt, dafür aber literarisch umso wertvoller – von Big Brother und den anderen. Wenn er gewusst hätte, was daraus später gemacht wurde, er hätte wahrscheinlich die Branche gewechselt.

Islay ist eine wunderschöne schottische Insel. Beschaulich, grün im Sommer, etwas gedämpft im Winter. Hier entstehen die besten Single Malt Whiskeys der Welt. George Orwell schrieb hier anno 1948 seinen Zukunftsroman „1984“. Er erzählte – nicht sehr gut gelaunt, dafür aber literarisch umso wertvoller – von Big Brother und den anderen. Wenn er gewusst hätte, was daraus später gemacht wurde, er hätte wahrscheinlich die Branche gewechselt.


Big Brother ist zur Jahrtausendwende eines der erfolgreichsten Fernsehkonzepte geworden. Aus der Horrorvision des Überwachungsstaates wurde quotenträchtige Überwachungswonne, die die Helden der Gegenwart machte. Erst „Big Brother“ selbst, dann der Dschungel, die Alm, zuletzt die Burg, die Christian „Lanoo“ Anders als strahlender Sieger verließ.

Das Big-Brother-Konzept, die Starschmiede der Republik. Seinen Durchbruch verdankt das Konzept einem schwäbischen Mechaniker. Man erinnert sich seiner noch heute: Zlatko brachte es zum Feuilleton-Titel bei der Süddeutschen, weil er behauptete, Shakespeare nicht zu kennen. Zlatko war der deutsche Spaßgesellschaftsprototyp. Zlatko war allgegenwärtig.

Und die anderen kamen hinterher. Jürgen, der große Bruder. Alex Jolig durfte sogleich Papa des Elvers-Kindes werden. Christian gelkang ein One-Hit-Wonder als er feststellte, es sei geil ein Arschloch zu sein. Ailda, die kleine Moderatorin. Lisa Fitz und Costa Cordalis im Dschungel. Kader Loth, der neue deutsche Mediensuperstar. Die Nick mit Naddel unterm Arm. Gottlieb Wendehals, zuletzt Busenwunder Tina Angel und Prinzessin Xenia.

Nein, damit hatte George Orwell nicht rechnen können. Sein Verständnis vom Big Brother ist ad absurdum geführt. Und warum? Weil wir Menschen Zeltlager lieben! Abends, bei Kerzenlicht, werden im Massenschlafzimmer olle Kamellen ausgepackt, werden lustige Wissenspiele gespielt, wird philosophiert. Jeder mag das. Die Big-Brother-Shows im Fernsehen lassen einen dabei sein ohne selbst Heu in der Nase, Moskitos auf der Stirn oder die kalte Zugluft unter der Decke zu haben.

Was aber kommt als nächstes? Ganz klar: der Bundestag. 14 Tage lang gehen wir mit den Prominenten ins Plenum, von da aus in die Kantine. Wir organisieren Schlachten, Ränkespiele, Kabale. Wir sperren Angela Merkel eine Nacht lang mit Friedrich Merz und Horst Seehofer auf dem Klo ein. Die Grünen schicken wir in den Adel und schauen, wie sie sich dort zurecht finden (wobei das für Fischer und Trittin keine Herausforderung, für Bütikofer aber eine Qual sein wird). Rezzo Schlauch schicken wir zusammen mit Altstar Norbert Blüm zum Schnee schaufeln. Stoiber und Schröder dürfen zusammen mit Ulla Schmidt kochen. Und unsere Politiker werden ihr Geld wert sein.

Was ist eigentlich dieser Presssack? Alle früheren Folgen der DK-Online-Kolumne sind unter www.donaukurier.de/kolumne nachzulesen.      


Von Mathias Petry

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