Montag, 17. Dezember 2018
 

 

03.01.2005 13:01 Uhr | x gelesen
    Drucken Text vergrößern

8. Navigationsprobleme


Bild: 8. Navigationsprobleme.  Ein richtiger Schanzer fährt nicht einfach nach München. Nicht einmal z`Mingga. Er fährt nach   Mingga nei. Oder nach Regnsburg no. Oder auf Augsburg nau. \nTut er das nicht, dann ist er eben kein echter Bayer. Für die Eingeborenen ist diese Besonderheit \nbayerischer Sprachlogik so selbstverständlich, dass sie überhaupt nicht mehr darüber nachdenken. Es ist einfach so, und es stimmt auch immer.

Ein richtiger Schanzer fährt nicht einfach nach München. Nicht einmal z`Mingga. Er fährt nach Mingga nei. Oder nach Regnsburg no. Oder auf Augsburg nau. Tut er das nicht, dann ist er eben kein echter Bayer. Für die Eingeborenen ist diese Besonderheit bayerischer Sprachlogik so selbstverständlich, dass sie überhaupt nicht mehr darüber nachdenken. Es ist einfach so, und es stimmt auch immer.


Dieses semasiologische Kuriosum hat vor vielen Jahren schon der Koblenzer Designer Günter Beltzig entdeckt, als er seinerzeit nach Deimhausen, ein wunderschönes, idyillisches Dorf bei Hohenwart zog. Für das Schrobenhausener Bilder- und Lesebuch, das der Kunstverein Schrobenhausen vor mehr als zwei Jahrzehnten veröffentlichte, entwarf er damals eine „verbale Landkarte". Der Deimhausener, so musste Beltzig verblüfft feststellen, fährt nach Ingolstadt nei, nach Augsburg nauf und nach Pfaffenhofen no.
 

In anderen Gemeinden der Region Ingolstadt ist das durchaus ähnlich. Nur fahren zum Beispiel die Berg im Gauer ins Donaumoos nei, während die Aresinger ins Donaumoos nüber fahren. Dafür fahren alle nach Neuburg num. Der typische Geisenfelder wiederum fährt nach Neuburg nüber, obwohl er nicht einmal das größte Niedermoor Süddeutschland zu überwinden braucht. Es gibt ja die B16. Der Ingolstädter fährt über selbige Straße nach Neuburg nauf. Nach Eichstätt fährt man hinter.

Je weiter weg die Reise führt, umso einheitlicher wird der Sprachgebrauch. Abgesehen von den Waidhofenern, die „nau“ fahren, begeben sich die meisten anderen nach München nei. Pfaffenhofen scheint sich von Aichach aus in den tiefsten Niederungen zu befinden, denn dorthin muss man no. Selbiges widerfährt den Regensburgern aus Ingolstädter Sicht. Ins Bergdorf Aichach geht`s statt dessen nau, ebenso wie auf die Hochalm Augsburg. Logisch? Selbstverständlich logisch.

So kompliziert die bayerische Navigation für Zugereiste klingen mag, so einfach ist sie für die Eingeborenen. Bedenkzeit braucht niemand, den man fragt. Die Richtungsangaben kommen wie aus der Pistole geschossen: nei, naus, num, nüber, no, nauf. Ist doch ganz einfach

Wie die bayerische Navigation entstand? Der Alt-Bürgermeister der kleinen Gemeinde Langenmosen im Westen Ingolstadts, Leonhard Buchhart, hat vor Jahren schon einmal einen Erklärungsversuch gewagt, der plausibel klingt. Seiner Ansicht nach hat diese Sprachbesonderheit mit dem Stand der Sonne zu tun. Im Osten steht die Sonne morgens tief, und darum muss man no, im Westen ist sie am Nachmittag ziemlich weit oben. Daraus folgt: nau(f).

Warum`s allerdings von Ingolstadt aus nach Scherolfäää – na gut: Gerolfing - nauf, aber nach Irgerstsheim naus geht, das wird auch er nicht erklären können. Ausnahmen bestätigen halt die Regel. Eine weitere Ausnahme bildet die Gemeinde Aresing bei Schrobenhausen.

Die scheint für die meisten anderen Gemeinden unendlich weit vom Schuss zu sein, denn alle, ohne Ausnahme, fahren dorthin - naus. Dabei ist Aresing vom Zentrum Schrobenhausens nicht weiter weg als die anderen Gemeinden. Und das, obwohl in Aresing sogar schon ein Bischof zur Welt kam: Johann Michael Sailer. Jawohl!

Einige, allerdings nicht alle, Hörzhausener bringen einen weiteren interessanten Aspekt in die Angelegenheit ein. Sie fahren zwar sowieso nach Aresing naus, nach Ingolstadt no, nach Aichach nau, dafür aber nach Sandizell, Bäimas (Pöttmes) und sogar nach Tschechien num. Ist ja eh alles in die selbe Richtung. Oder doch nicht? Nach Österreich fährt jene Gruppe befragter Hörzhausener Herren übrigens gar nicht. Wenn überhaupt, dann nur außen rum. Die alten Stammesfehden sind eben noch lange nicht vergessen.

Was ist eigentlich dieser Presssack? Alle früheren Folgen der DK-Online-Kolumne sind unter www.donaukurier.de/kolumne nachzulesen.     


Von Mathias Petry

Drucken  Drucken Artikel weiterempfehlen  Empfehlen Artikel verlinken  Artikel verlinken

Wenn Sie diesen Artikel von donaukurier.de verlinken möchten, können Sie einfach folgenden HTML-Code verwenden:

 

Vorlesen  PDF speichern  Leserbrief schreiben   Leserbrief Kommentare lesen/schreiben  Kommentieren
Kommentare

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

Kommentare geben die Meinung des Verfassers wieder. Für die Inhalte übernimmt donaukurier.de keinerlei Verantwortung und Haftung. weitere Informationen
Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!