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06.05.2003 17:45 Uhr | x gelesen
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Klangsatte Pracht, hingetupfte Passagen und traurige Blues-Songs


Bild: Klangsatte Pracht, hingetupfte Passagen und traurige Blues-Songs.  Ingolstadt (DK) Nach einem wuchtigen Auftakt mit Wagner nun kammermusikalische Finesse. Nach einer Reise durch die dunklen Tiefen der Tragödie nun ein Streifzug durch die Gefilde einer eher leichten Muse: Der Kontrast zwischen den ersten beiden \

Ingolstadt (DK) Nach einem wuchtigen Auftakt mit Wagner nun kammermusikalische Finesse. Nach einer Reise durch die dunklen Tiefen der Tragödie nun ein Streifzug durch die Gefilde einer eher leichten Muse: Der Kontrast zwischen den ersten beiden "Sommerkonzerten zwischen Donau und Altmühl" könnte nicht größer sein. Ein locker-unterhaltsames Menu leichtverdaulicher Kost boten Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis im Ingolstädter Festsaal indes nicht.


Anne-Sophie Mutter
Ließen sich auch durch Handyklingeln nicht in der Konzentration und im Zusammenspiel stören: Anne-Sophie Mutter und Lambert Orkis bei den "Sommerkonzerten zwischen Donau und Altmühl" - veranstaltet von Audi und dem BR - im Festsaal in Ingolstadt.
Audi Kulturfonds
Obwohl sie die glänzenden, virtuosen und melodischen Stückchen ihrer neuen CD "Tango, Song and Dance" wohl locker aus dem Handgelenk schütteln könnte, waren die Top-Violinistin und ihr routinierter Begleiter mit einem Ernst bei der Sache, als ob es um Beethoven, Berg oder Penderecki ginge. Aber gerade die Spannung zwischen dem scheinbar kleinen Anspruch und diesem in jeden Moment konzentrierten Ernst machte das Konzert so faszinierend. Da störten klingelnde Handys natürlich schon, und die Diva selbst musste noch einmal darauf hinweisen, dass derartige Töne in einem solchen Konzert nicht besonders zweckdienlich sind.

Gabriel Faurés erste Violinsonate ist ein konsequent melodisches Werk, das sich in manchen süßen, von schweifenden Akkorden umglitzerten Wendungen der Salonmusik nähert. Mutter phrasierte die gesanglichen Linien extrem nuanciert und gab jeder Wendung individuellen Ausdruck. Da strömte die Melodie in klangsatter Pracht, sang gestenreich von Empfindungen, ohne je in dickliche Sentimentalität zu geraten, und verhauchte in unglaublich zarten Tönen, die Orkis in warm träufelnde Akkorde hüllte.

Nicht zuletzt an diesen äußerst subtil interpretierten lyrischen Stellen zeigte sich, wie kunstvoll Violinstimme und Begleitung in diesem Duo aufeinander abgestimmt waren. Selbst auf Mutters bestrickendes Non-Vibrato, ein Laut von feinstem Silber, reagiert Orkis mit klanglicher Balance. Ähnliches gilt für die elfenhaft hingetupften Passagen der Scherzo. Das begeistert, aber soll man das bereits mit Applaus zwischen den Sätzen kundtun, der diese fein austarierte Spannung vielleicht etwas aus dem Lot bringt?

Mit größter Raffinesse ging es auch an Johannes Brahms Ungarische Tänze, die Mutter nicht als "mitreißend" durchmusizierte, sondern in ihren Details auskostete. Glissandi, Ritardandi, Umschwünge und plötzliche Kontraste, das Schmachten, Aufstampfen und das forcierte Spiel auf der G-Saite · alle jene für das Genre typischen Effekte waren da. Mutter realisierte sie als artifizielle Mittel, fast distanziert kühl. Es ist ja auch Kunst-Musik für den Konzertsaal und kein Brauchtum aus der Pusta.

So hatte gerade diese Interpretation fern von dudelnden und glutvoll-zigeunernden Klischees etwas sehr bezwingendes, wobei trotz der distanzierten Haltung Klangfülle und Ausdruck nicht zu kurz kamen.

Ähnliches gilt für Jascha Heifetz´ Gershwin Bearbeitungen (sdsdsd) und Fritz Kreislers Altwiener Tanzweisen. Nichts Erdiges hatten die traurigen Blues-Songs, dessen Melodien die Schönheit des Tones eher Flügel zu verleihen schien, und die Wienerlieder erschienen kostbare Kleinodien, die gegen Ende (Caprice Viennois) vielleicht doch etwas zu belcantistisch aufpoliert waren.

Für André Previns bereits sehr subtil komponierten "Tango, Song and Dance", passte diese extrem ausdifferenzierte Spielweise vorzüglich. Vor allem der Song zeigte, wie bewegend reiner Gesang noch immer sein kann: Buchstäblich atemberaubend, denn im meist sehr unruhigen Festsaal herrschte hier Stille. Der Tanz raste dagegen in einem Affenzahn über Stock und Stein rhythmischer Vertracktheiten: Ein auch ohne "große" Musik großartiges Konzert fand hier sein furioses Finale.

Viel Applaus und ein weiterer Ungarischer Tanz als Zugabe, mit der Anne-Sophie Mutter zeigte, dass sie auch über ein musikantisches Temperament verfügt.


Jörg Handstein

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