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05.05.2003 15:45 Uhr | x gelesen
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Zum Auftakt saftiges Blech und seidige Streicher


Bild: Zum Auftakt saftiges Blech und seidige Streicher  .  Ingolstadt (DK) Das Engagement der Audi AG als Hauptsponsor der im vergangenen Jahr initiierten Ring-Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper verschaffte den diesjährigen \

Ingolstadt (DK) Das Engagement der Audi AG als Hauptsponsor der im vergangenen Jahr initiierten Ring-Neuproduktion der Bayerischen Staatsoper verschaffte den diesjährigen "Sommerkonzerten zwischen Donau und Altmühl" so einen frühen Start wie nie zuvor und den Zuhörern im Theaterfestsaal Ingolstadt die Möglichkeit, wenigstens auszugsweise am Münchner Wagner-Glück zu partizipieren.


Zubin Mehta
Aufwühlender Gesang und ein entflammtes Orchester: Susan Bullock und Dirigent Zubin Mehta beim Auftakt der Sommerkonzerte.
Audi

Zunächst allerdings waren die Glücksmomente rar. Zubin Mehta hatte mit dem Bayerischen Staatsorchester an den Beginn seines Wagner-Matinee die "Rienzi"-Ouvertüre gestellt, die er mit dramatischer Wucht und dröhnender Klangopulenz als bildkräftigen, drastischen und effektvollen Reißer inszenierte, bei dem für Zwischentöne und subtileren Farben kein Platz war. Auch das folgende Vorspiel zu "Tristan und Isolde" (deren Uraufführung 1865 das Bayerische Staatsorchester bestritt!) und "Isoldes Liebestod" blieben ohne Ausstrahlung und Magie. Die berühmten Anfangsakkorde ließen jede Spannung und sehnsuchtsvolle Gebärde vermissen, allein die weitgreifende Steigerung gelang glühend expressiv und mitreißend intensiv.

Der allzu pauschale Umgang mit den dynamischen Werten trübte auch Susan Bullocks Interpretation des Finalmonologs der Isolde, die sich gegen die orchestrale Macht kaum durchsetzen konnte und kaum eine Chance zu einer differenzierteren Gestaltung bekam. Nach der Pause war man endlich beim "Ring" angelangt. Hier, bei einigen längeren Auszügen aus der "Götterdämmerung", bewegten sich Zubin Mehta und sein Orchester auf vertrauterem Terrain, und man erlebte eine eindringliche und grandiose konzertante Aufführung, die ein in jeder Hinsicht fabelhaftes Format hatte.

Aus dem unendlich fließenden Gewebe der Ring-Partitur hatte Mehta halbwegs verantwortbare Einzelpartien herausgelöst und sie pausenlos aneinander gereiht, was den Beziehungsreichtum der Motive natürlich verdeutlichen half, andererseits jedoch auch dramaturgische Zusammenhänge suggerierte, die so bei Wagner nicht gegeben sind. Doch die großartigen Interpretationen rechtfertigten dieses bei Wagner sehr heikle Potpourriverfahren, und vom ersten Ton an, beim "Sonnenaufgang" und bei "Siegfrieds Rheinfahrt" überwältigten die leuchtende Leidenschaft und der Überschwang der Naturverklärung und es begeisterte die wunderbare Plastizität der Charakterisierung Siegfrieds.

Das Bayerische Staatsorchester brillierte mit seidigen Streichern und saftigem Blech, und der Trauermarsch wurde in seinem Spannungsfeld zwischen unversöhnlich brutaler Härte und tief empfundener menschlicher Trauer zu einem bewegenden Ereignis. Auch der von einer überbordenden Motivfülle geprägte Schlussgesang der Brünnhilde (in dem der von Thomas Mann apostrophierte "Beziehungszauber" wohl am greifbarsten wird) wurde dank Mehtas Charakterisierungskunst, seinem Sinn für die dramatischen Verläufe und für die erzählerische Kraft der orchestralen Partien zu einem packenden Hörerlebnis, zumal Susan Bullock nun ihre Gestaltungskraft nicht gegen, sondern mit dem Orchester entfalten konnte und ihren Monolog als existentiell berührende Rückschau mit visionären Verheißungen darstellen durfte.

Nach diesem aufwühlenden (Ab-) Gesang und dem heftig entflammten Orchesterfeuerwerk war man im Publikum einigermaßen überrascht, dass Zubin Mehta den Jubel des Auditoriums mit einer Zugabe beantworten wollte. Doch mit der fulminanten Wiedergabe des Walkürenrittes wurde auf den dramaturgisch fragmentarischen Charakter dieses Wagner-Konzertes hingewiesen und nicht eine Geschlossenheit vorgetäuscht, die es nicht gibt. Damit war dieser Walküren-Rückgriff nach dem Götterdämmerungsfinale durchaus legitim, und er bescherte den Sommerkonzerten 2003 letztlich doch noch einen glanzvollen Auftakt. 


Heinz Zettel

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