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25.03.2003 17:50 Uhr | x gelesen
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Richard Wagners Sopranpartien als Leistungssport


Bild: Richard Wagners Sopranpartien als Leistungssport.  Schön und ausdrucksvoll singen - das können viele Sopranistinnen. Wer aber im dramatischen Fach den Olymp der Wagner-Heroinen erobern möchte, muss etwas mehr vorweisen können als belkanteske Qualitäten: Die Anforderungen an Stimmumfang, Tonstärke und Durchhaltevermögen grenzen an Leistungssport, wobei es selbstverständlich nicht genügt, Töne zu stemmen wie muskelbepackte Schwerathletinnen Gewichte. Gerade das Wagner-Fach fordert psychologische Intelligenz, künstlerische Reife und die Begabung, außergewöhnliche Charaktere und Situationen plausibel zu gestalten. Und natürlich ein gewaltiges Ausdrucksspektrum: Da ist mit stählernem Glanz das \

Schön und ausdrucksvoll singen - das können viele Sopranistinnen. Wer aber im dramatischen Fach den Olymp der Wagner-Heroinen erobern möchte, muss etwas mehr vorweisen können als belkanteske Qualitäten: Die Anforderungen an Stimmumfang, Tonstärke und Durchhaltevermögen grenzen an Leistungssport, wobei es selbstverständlich nicht genügt, Töne zu stemmen wie muskelbepackte Schwerathletinnen Gewichte. Gerade das Wagner-Fach fordert psychologische Intelligenz, künstlerische Reife und die Begabung, außergewöhnliche Charaktere und Situationen plausibel zu gestalten. Und natürlich ein gewaltiges Ausdrucksspektrum: Da ist mit stählernem Glanz das "Hojotoho" der Walküre zu schmettern, aber auch "Mild und leise", im verklärten pianissimo, in den Liebestod der Isolde zu sinken. Kein Wunder, dass sich die wirklich großen dramatischen Wagner-Sopranistinnen der letzten Jahrzehnte an einer Hand abzählen lassen.


Susan Bullock
Stimmliche Prägnanz und Persönlichkeit: Susan Bullock.
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Die englische Sopranistin Susan Bullock könnte im 21. Jahrhundert dazugehören. Lange steht sie noch nicht auf der Wagner-Bühne, aber seit ihrem gefeierten Debüt als Isolde - in der vergangenen Saison an der Opera North in Leeds - gilt sie bereits als beste Wagner-Sopranistin Englands. Aufsehen erregte auch ihre erste Brünnhilde, die sie diese Saison unter Jun Märkl in Tokyo gab.

Schnell ging es bei Susan Bullock schon immer: 1984 ausgezeichnet mit dem begehrten Kathleen-Ferrier-Award, wurde sie gleich nach dem Studium von der English National Opera als Sängerin für Hauptrollen engagiert. So bekam sie die Möglichkeit, sich in aller Ruhe zunächst das lyrische Repertoire zu erarbeiten und ihre Stimme aufzubauen. Die vorläufige Krönung war ihre großartige "Madam Butterfly", mit der sie weltweit unterwegs war. Doch, wenn sich auch ihre ebenso klare wie volltönende Stimme perfekt den melodischen Bögen Puccinis anschmiegt, Susan Bullock wollte mehr: Über "Tosca" und die die großen Partien der slawischen Oper wie Lisa, Jenufa und Katja Kabanova gelang ihr mit großem Erfolg der Sprung ins dramatische Fach. Wo immer auf der Opernbühne verzweifelte, rasende, mordende Frauen sich in theatralischen Stimmausbrüchen Luft machen, ist Susan Bullock seitdem zur Stelle. Auch wenn es im modernen Musiktheater dramatisch wird: So in Menottis "The Consul", Henzes "Prinz von Homburg", und Dallapiccolas "Prigioniero". Mit einer faszinierenden CD setzte sie sich für das kaum bekannte expressionistische Frühwerk Paul Hindemiths ein. "Die Singstimme muß zum Schluß andauernd schreien - Widerstandsfähige gesucht", forderte der junge Hindemith, aber Susan Bullocks vokale Entladungen, mit denen sie mühelos dichteste Orchestermassen durchschneidet, sind kaum als Schreien zu bezeichnen: Ihr Timbre, das sich im piano durch Wärme und Klarheit auszeichnet, bleibt selbst im Kraftakt angenehm und rund.

Es zahlt sich also aus, dass sich die Sängerin Zeit für ihre Entwicklung ließ. Partien, die Andere "bewältigen", kann sie völlig frei gestalten, ohne dass man die technischen Schwierigkeiten auch nur bemerkt. Das prädestiniert sie natürlich für Wagner, und die Kritiker waren dann auch erstaunt über die Mühelosigkeit erstaunt, mit der sie die psychologischen Facetten Isoldes vermittelte. Damit dürfte sie auch eine ideale Partnerin für Zubin Mehta sein, der dem Orchester - wie auf den letzen Sommerkonzerten hautnah zu erleben - immer eine Hauptrolle in Wagners Dramen zuweist. Während der Meister selbst die Musiker am liebsten unter einer Abdeckung verschwinden ließ, schafft ihnen Mehta eine Klangbühne, auf der sie Farbe, Emotion und Klangmacht offen zeigen dürfen.

Nichts für Sänger ohne stimmliche Prägnanz und Persönlichkeit. Wenn aber die Sängerin in einem solchen Maß wie Susan Bullock darüber verfügt, dürfte ein Programm mit dramatischen Höhepunkten seiner Musikdramen zu einem echten Wagner-Event werden. Und vielleicht ist mit diesem Eröffnungskonzert ja eine in Zukunft gefeierte Bayreuth-Heroine zu erleben. 

Höhepunkte aus Wagner-Opern. Zubin Mehta dirigiert das Bayerische Staatsorchester, Susan Bullock, Sopran. Ingolstadt, Festsaal, 4. Mai, 11 Uhr.


Jörg Handstein

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