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24.03.2003 20:30 Uhr | x gelesen
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Ein Programm, in dem Altes und Neues nebeneinander stehen


Bild: Ein Programm, in dem Altes und Neues nebeneinander stehen   .  Peter Ruzicka ist fast schon ein Wunder an künstlerischer und intellektueller Begabung. Der Intendant der Salzburger Festspiele ist nahezu gleichermaßen als Kulturpolitiker, Komponist, Dirigent, Pianist und Hochschulprofessor erfolgreich. Nach einem rechts-, wirtschafts- und musikwissenschaftlichen Studium promovierte er in Jura und war zwischen 1988 und 1997 Intendant der Hamburger Staatsoper. Neben seinem Salzburger Engagement ist Ruzicka auch Leiter der Münchner Opernbiennale für zeitgenössisches Musiktheater. Bei den Sommerkonzerten wird er mit den Bamberger Symphonikern und der Sopranistin Waltraud Meier romantische Musik und eigene Werke vorstellen. Unser Redakteur Jesko Schulze-Reimpell unterhielt sich mit ihm über seine vielfältigen Engagements.

Peter Ruzicka ist fast schon ein Wunder an künstlerischer und intellektueller Begabung. Der Intendant der Salzburger Festspiele ist nahezu gleichermaßen als Kulturpolitiker, Komponist, Dirigent, Pianist und Hochschulprofessor erfolgreich. Nach einem rechts-, wirtschafts- und musikwissenschaftlichen Studium promovierte er in Jura und war zwischen 1988 und 1997 Intendant der Hamburger Staatsoper. Neben seinem Salzburger Engagement ist Ruzicka auch Leiter der Münchner Opernbiennale für zeitgenössisches Musiktheater. Bei den Sommerkonzerten wird er mit den Bamberger Symphonikern und der Sopranistin Waltraud Meier romantische Musik und eigene Werke vorstellen. Unser Redakteur Jesko Schulze-Reimpell unterhielt sich mit ihm über seine vielfältigen Engagements.


Peter Ruzicka
Der Intendant als Komponist und Dirigent: Peter Ruzicka.

Wie oft kommen Sie eigentlich noch zum Dirigieren?
Peter Ruzicka: Das Dirigieren nimmt zu. Bis vor nicht all zu langer Zeit habe ich lediglich eigene Werke auf die Bühne gebracht. Daraus ist jetzt eine Beschäftigung mit der musikalischen Tradition geworden. Ich dirigiere besonders gerne Programme, in denen Altes und Neues nebeneinander stehen. Ich merke, dass ich als Komponist durchaus mir selbst Ratschläge geben kann, wenn ich die ständige praktische Auseinandersetzung mit der Tradition pflege. In der nächsten Saison werde ich etwa zehn Programme dirigieren.

Haben Sie schon einmal mit den Bamberger Symphonikern zusammen gearbeitet?
Ruzicka: Nur als Komponist. Aber ich freue mich richtig, dass ich dieses Orchester, das ich wegen seines abgedunkelten, "deutschen" Klanges ganz besonders schätze, dirigieren darf.

In Ihrem Programm für die Sommerkonzerte stehen zeitgenössische Kompositionen von Ihnen traditionellen Werken gegenüber: Brahms neben ihrem "Satyagraha", Berlioz' "La Mort de Cléopâtre" neben Ihrem "Memorial". Steckt da Absicht dahinter?
Ruzicka: Nicht in dem Sinne, dass man es auf einen Begriff bringen könnte. In dem ersten Stück, "Memorial", das ein Requiem für den verstorbenen Freund Giuseppe Sinopoli ist, gibt es einen besonderen Bezug zu den Bamberger Symphonikern, einem Orchester, das er auch außerordentlich geschätzt und jährlich dirigiert hat. Da gibt es außerdem ein etwas älteres Stück von mir, "Satyagraha" betitelt, das in meinem Werk quasi eine exterritoriale Position einnimmt, weil es eine Art monistische Musik ist, in der ein einziger Gedanke durchgehalten wird, für die Dauer von etwa 13 Minuten. Wesensmerkmal ist ein Canto, ein großer Gesang der Streicher, der immer mehr gestört, überlagert, in Frage gestellt wird durch einen anwachsenden Orchesterausbruch. Aber der Canto behauptet sich, besteht diesen Einbruch von Gewalt und lässt das Stück dann ausklingen. Es wird an ihm festgehalten, das ist der thematische Ausgangspunkt. Satyagraha heißt im Sanskrit "festhalten", ein wahrhaft Gandhischer Begriff. Diese Werke umrahmen eine Kantate von Berlioz, auch im Berlioz-Jahr 2003 ein eher unbekannteres Werk, "La Mort de Cléopâtre", das aber Waltraud Meier genauso liebt wie ich. Eine dramatische Szene, zwischen Kontemplation und Aufruhr, sehr opernhaft in der Anlage, aber dennoch ein Konzertwerk - mit einer imaginären Bühne versehen. Da wird sich zwischen "Memorial", "Satyagrara" und dem Berlioz gewiss ein Spannungsbogen ergeben, der sich selbst erklärt. Ja, und die zweite Sinfonie von Brahms nach der Pause, ist eine sehr persönliche Begegnung mit der Tradition.

Welche Bedeutung hat Berlioz für Ihr Werk? Und welche Bedeutung hat Brahms für Sie?
Ruzicka: Da fällt mir das Schönbergsche Diktum "Brahms, der Fortschrittliche" ein: Gerade wenn man diese Partituren nicht nur passieren lässt, sondern sich mit jedem Takt noch einmal genauestens befasst und ihn analysiert, die Formzusammenhänge aufdeckt, die geniale Instrumentation, da merkt man, dass man selbst als Komponist im Jahr 2003 noch lernt. Da sind subtektonische Elemente, die ich als zwingend empfinde, die eine Konsequenzlogik haben. Und das empfindet man mit einer Intensität sondergleichen, wenn man als Dirigent alles noch einmal aufrollt. Berlioz gehört für mich einfach zu den großen Grenzüberschreitern. Die haben mich immer fasziniert.

Auch eine Festspielproduktion aus Salzburg wird wieder bei den Sommerkonzerten zu Gast sein: Mozarts "Entführung aus dem Serail". Nach allem, was Sie selbst bereits während der Münchner Opernbiennale haben verlauten lassen, kann man eine sehr inspirierte und ungewöhnliche Inszenierung mit virtuellen Kostümen und Bühnenbildern erwarten. Ein Konzept das Regisseur Stefan Herheim bereits bei seiner Uraufführung von André Werners "Der Jude von Malta" erproben konnte. Damals wurden Bühnenbilder und Kostüme am Computer programmiert und dann auf die Bühne projiziert. Funktionieren solche Konzeptionen bei Mozarts Opern genauso gut wie beim zeitgenössischen Musiktheater?
Ruzicka: In München tut man der Sache recht, wenn man sagt: Der Weg war das Ziel! Das war ein experimentelles Unternehmen, sozusagen eine Versuchsanordnung. Jetzt geht es darum, Technologien dieser Art in den Dienst einer Interpretation eines Werks der musikalischen Tradition zu stellen. Der Ausgangspunkt ist, dass Bassa Selim und Osmin eine Teilidentität haben: Der eine hat Elemente, die der andere für sich beansprucht. Wir werden versuchen, das durch Zeit- und Identitätssprünge erfahrbar zu machen. Dabei kommen wir mit einem Protagonisten aus, natürlich mit einem Sänger, dem Bass Peter Rose. Diese gleichsam filmischen Sprünge werden sich durch die erwähnte Technologie herstellen lassen. In Ingolstadt wird man davon allerdings weniger mitbekommen, da wir die "Entführung" nur halbszenisch aufführen können.

Wie viel Moderne in der Tradition und wie viel Tradition in der Moderne sind für die Salzburger Festspiele erstrebenswert oder zumutbar?
Ruzicka: Das ist eine Frage der Balance. Ich habe bisher immer ein Problem gehabt mit der Neuen Musik, die auf die Perner Insel verbannt worden ist. Ich wollte sie hingegen mehr ins Zentrum rücken. Sie war bisher organisatorisch ausgegliedert, außerhalb der programmatischen Verantwortung der Festspielleitung. Diese Aktivitäten habe ich nun auf meinem Schreibtisch konzentriert. Ein Festspielprogramm aus einer Hand hat natürlich auch den Vorteil, dass man es komplementär konzipieren kann, dass Altes und Neues zusammen wirkt.

Es scheint insgesamt seit einigen Jahren eine neue Offenheit gegenüber der zeitgenössischen Musik zu herrschen?
Ruzicka: Ja, es gibt nicht mehr diese Sprachbarrieren. Die ästhetische Seite der Neuen Musik löst nicht von vorneherein schon Polarisierungen aus.

Meinen Sie, dass die zeitgenössische Musik an provokativem Potential eingebüßt hat?
Ruzicka: Ich glaube eher, die Hörer haben sich bewegt. Es gibt dieses schöne Beispiel der Lachenmann-Uraufführung an der Hamburger Staatsoper, wo wir hinterher anhand der Statistik festgestellt haben, dass die einzigen drei Opern in dieser Spielzeit, die eine Platzauslastung von über 99 Prozent hatten, "Zauberflöte", "Don Giovanni" und eben "Schwefelhölzchen" von Lachenmann waren. Da zeigt sich, dass ein Stück, das durchaus radikal in seinem Anspruch ist, auch einem nicht spezialisierten Publikum präsentiert werden kann, dass sich ein Einverständnis herstellt, das der Zuschauer vielleicht nicht einmal begründen kann. Der spürt nur, dass da vielleicht etwas passiert, was das Koordinatensystem der neueren Musikgeschichte verändert hat. Das sind natürlich die größten Glücksmomente für einen Intendanten.

Bamberger Symphoniker. Werke von Ruzicka, Berlioz und Brahms. Ingolstadt, Festsaal, 10. Juli, 20 Uhr. "Entführung aus dem Serail". Salzburger Festspiele zu Gast. Ingolstadt, Festsaal, 1. August, 19 Uhr. 


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