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03.06.2003 20:45 Uhr | x gelesen
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Zwischen Gaumenkitzel und Gänsehaut


Bild: Zwischen Gaumenkitzel und Gänsehaut .  Er macht süchtig, ohne dass sein Konsum die Drogenfahndung beschäftigt, er ist teuer, ohne dass die Käufer jemals klagen oder auf alternative Produkte umsteigen würden, er soll aphrodisische Wunder vollbringen, ohne dass dies jemals bestätigt wurde, er versetzt ganze Heerscharen von Feinschmeckern und solche, die sich dafür halten, in Verzückung: Alljährlich, von April bis Juni, verneigt sich ein ganzer Landstrich vor dem, was hemmungslose Werbetexter zu so ausufernder Wortschöpfungen wie \

Er macht süchtig, ohne dass sein Konsum die Drogenfahndung beschäftigt, er ist teuer, ohne dass die Käufer jemals klagen oder auf alternative Produkte umsteigen würden, er soll aphrodisische Wunder vollbringen, ohne dass dies jemals bestätigt wurde, er versetzt ganze Heerscharen von Feinschmeckern und solche, die sich dafür halten, in Verzückung: Alljährlich, von April bis Juni, verneigt sich ein ganzer Landstrich vor dem, was hemmungslose Werbetexter zu so ausufernder Wortschöpfungen wie "Weißes Gold", "Gaumenschmeichler" oder "Bodenschatz der Landwirtschaft" verleitet. Wenn der Spargel sprießt, um den geht es hier nämlich, dann befindet sich besagter Landstrich rund um Schrobenhausen im Ausnahmezustand.


Spargelbauern
Spargelanbau heute: Folien aus Kunststoff erzeugen in den Hügeln auf den Feldern Treibhausklima: Der Wanderer auf der Spargelroute kann beobachten, wie das Edelgemüse amit großem Aufwand Stange für Stange geerntet werden muss.
Fotos: Hastreiter

Durchreisende sind in diesen Monaten die Ausnahme. Viele Autos steuern gezielt die Spargelhochburg an, um der Rarität aus dem Kochtopf die Reverenz zu erweisen. Der Spaziergang durch die Altstadt führt vorüber am Europäischen Spargelmuseum, ein Blick ins Schaufenster des Buchhändlers offeriert eine ganze Bibliothek an Literatur zum Thema, das Haushaltswarengeschäft bietet spezielle Schäl- und Kochinstrumente, nebst spezifischem Geschirr für die vornehme Tafel. Der Konditor formt das Gemüse aus Marzipan, der Apotheker offeriert Pillen mit den Wirkstoffen der Pflanze, und natürlich sind inzwischen Wein oder Höherprozentiges mit dem schwer zu beschreibenden Aroma zu haben.

Fehlt eigentlich nur noch ein Spargelwanderweg! Den gibt es natürlich auch schon. Und er verdient Beachtung! Nicht nur, weil er durch reizvolle Landschaften führt, sondern auch, weil er dem Laien zeigt, mit welch großen Aufwand die Produktion des Gemüses nach wie vor verbunden ist.

Es ist ein beschaulicher Spaziergang von rund sechs Kilometern Länge, den Alois Wegmann nordöstlich der Stadt abgesteckt hat. Eigentlich ist er begeisterter Alpinist, aber sein früherer Beruf als Fachberater für Gartenbau und Landespflege erklärt die Nähe zum Thema. Wer will, der kann auch von einem Spargellehrpfad sprechen, weil der Wanderer regelmäßig auf Hinweistafeln mit Informationen über den Anbau seines geliebten Gemüses stößt. Rund 200 Meter geht es hinein in den Wald, dann erscheint links der Parkplatz, rechts geht es hinein in den Wald. Alois Wegmann rät aber vorab zu einem Blick nach rechts. Zu Füßen der Wanderer erstreckt sich das Tal der Paar. In dem Bauernhof im Vordergrund sind die Wurzeln des Spargelanbaus in Schrobenhausen zu finden.

Man schrieb das Jahr 1912, als der Geometer Christian Schadt aus Großgerau, der Großvater des heutigen Besitzers, fand, was er lange gesucht hatte. Feinen tertiären Sand, der für den Spargelanbau prädestiniert ist. In diesem lockeren Boden, der sich rasch erwärmt, stört kein Hindernis das Wachstum, und die Stangen können sich kerzengerade nach oben schieben.

Doch zunächst geht es in den schattigen Wald. Nach knapp einem Kilometer biegen die Wanderer nach rechts ab und kommen nach weiteren 600 Metern aufs freie Feld. Im Hintergrund glänzen schon die ersten Spargelfelder. Glänzen? Ja! Der Anteil der Äcker, die mit Folie abgedeckt sind, immer größer. Unter der Kunststoffhaut herrschen Bedingungen wie im Treibhaus. Die lassen den Spargel nicht nur bereits im April sprießen, sondern gewährleisten sein Wachstum auch dann, wenn die Sonne einmal pausiert. Alois Wegmann lenkt den Blick aber erst einmal auf ein kleines Kieferngehölz. Das steht auf einer Sanddüne, die während der Eiszeit von den Gletschern herabwehende Winde aufgehäuft wurde. Sand ist allerorten, häufig von der Vegetation verdeckt, stellenweise aber in einer Feinheit anzutreffen, die es mit jeder Bilderbuchdüne aus der Sahara aufnehmen kann. An einer Wegkreuzung geht es schräg nach links direkt in eines der Zentren des Spargelanbaus hinein. Wenn gestochen wird, dann liegt der typische Duft in der Luft. Der Wanderer sollte sich Zeit nehmen und den Arbeitskräften genau zusehen. Die gehen die Hügel entlang und beobachten konzentriert die glatt gestrichene Oberfläche. Dort, wo sich der Sand ein wenig hebt, schiebt sich eine Spargelstange der Sonne entgegen. Mit geübten Griffen wühlen die Männer und Frauen im Sand, legen die Stange frei, trennen sie mit einem speziellen Stechmesser vom Wurzelstock und verschließen den Hügel mit einer Maurerkelle wieder so, dass keine Spur zurückbleibt. So geht das, Stange für Stange. Selbst die raffinierteste Elektronik macht hier im wahrsten Sinne des Wortes keinen Stich. Die Spargelerntemaschine ist bis heute noch nicht erfunden. So bleibt der Aufwand bei der Produktion hoch, genauso wie die Preise. Dass ein Acker erst vier Jahre nach der Bepflanzung geerntet werden kann, ist ein weiterer Grund für die Exklusivität des Gemüses. Im Hintergrund taucht die Ortschaft Gröbern auf. Sehenswert ist der Hof von Michael Fuchs, einem der Landwirte, die den Spargelanbau mit technischen Innovationen voranbrachten. Bei ihm laufen modernste Wasch- und Sortieranlagen.

Spargelwanderweg
Blick auf einen geschichtsträchtigen Hof am Beginn des Spargelwanderweges: Hier pflanzte der Geometer Christian Schadt im Jahr 1912 die ersten Stangen und legte damit den Grundstock für eine Produktion, die heute zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden ist.

Dann wendet sich der Spargelwanderer wieder in westliche Richtung. In einer sanften Senke fällt eine frei stehende Wetterfichte auf. Erst wer näher kommt und die Inschrift des Marterls liest, sieht, dass er sich an einem unheimlichen Ort befindet. Der Baum markiert den Standort des Einödhofs Hinterkaifeck, wo sich in der Nacht zum 31. März 1922 eine grauenhafte Bluttat ereignete. Unbekannte Mörder erschlugen eine ganze Bauernfamilie und die Magd. Kriminalisten suchten vergeblich nach einer Aufklärung, die Stätte des Verbrechens wurde wenige Jahre später dem Erdboden gleich gemacht. An dieser Stelle haben die Spargelwanderer den größten Teil ihres Weges schon hinter sich gebracht. Es geht zurück in den Wald, und nach etwa eineinhalb Stunden hat der Wanderer sein Auto wieder erreicht. Hat er sein Feinschmeckermahl schon genossen, dann kann er zur Abrundung des Tages noch das Europäische Spargelmuseum besuchen.  

Lesen Sie hierzu auch die Tipps rund um den Wanderweg


Günther Hastreiter

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