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26.03.2003 19:45 Uhr | x gelesen
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Wein oder Nichtwein - das ist hier die Frage


Bild: Wein oder Nichtwein - das ist hier die Frage .  Ingolstadt (DK) Was tun, wenn der zweijährige Sohn nachts aufwacht und, von einem unbändigen Drang nach \

Ingolstadt (DK) Was tun, wenn der zweijährige Sohn nachts aufwacht und, von einem unbändigen Drang nach "Bügäln" geplagt, nicht mehr einschlafen kann? Was tun, wenn der Nachwuchs behauptet, Jesus Beuys sei in Tölz gewickelt? Und was tun, wenn Jörg, der Wurstwart der Elterninitiative, über verbotenerweise im Kindergarten aufgetauchte Wurstsemmeln und "Un-Öko-Mohrrüben" wettert? Verzweifeln, ja. Oder bei Axel Hacke nachlesen. Der hat zwar auch keine Patentrezepte für die Unbill des Alltags, aber er schreibt sie so amüsant nieder beziehungsweise liest so begeisternd aus seinen Werken, dass man sich als Leser respektive Zuhörer (wie im Rahmen der Literaturtage im Diagonal) nicht mehr so allein gelassen mit seinen kleinen Alltagsproblemen vorkommt.


Axel Hacke
Axel Hacke thematisierte im Rahmen der Literaturtage im Diagonal die Problemchen des Alltags.
Rössle

Was haben wir gelacht über Hackes bemitleidenswerte Versuche, seine Handy-Mailbox im Ausland und im strömenden Regen abzuhören oder über die Einladung zum chinesischen Essen, dessen leichte Schärfe einen Teint wie abgeschöpftes Büttenpapier bewirkt. Hacke versteht es wie kaum ein Zweiter, die Probleme und Problemchen des Alltags zu thematisieren. Denn jeder erkennt sich in seinen Geschichten wieder.

Oder will einer behaupten, dass die Menschen nicht in Wegschmeißer und Bewahrer unterteilt sind und oft sogar jeweils ein Vertreter der einen Spezies mit einem Vertreter der anderen Spezies verheiratet ist - mit all den daraus sich ergebenden Problemen? Oder hatte nicht jeder Mann schon einmal Selbstzweifel, wenn die Göttergattin Schauspieler anhimmelt, denn ich "bin nicht Brad, bin nicht Pitt, bin nur Du-hu-hurchschnitt"? Oder wer von uns hat noch nie gestutzt, wenn es beim Weinkauf - Wein oder Nichtwein, das ist hier die Frage - abzuwägen galt zwischen edlen Tropfen mit Nuancen von "kaltem Rauch, Suppengemüse, Fleischbrühe und Noten von Rohöl" auf der einen und einer flüssigen Wuchtbrumme, die gleichzeitig seidig im Abgang, aber auch stählern daherkommt?

Der Alltag als Mann kann also schon schwer sein, vor allem wenn die stinkfaulen Mitbewohner des Hauses, Herr Man, Frau Jemand und Fräulein Einer, nichts, aber auch gar nichts für den Haushalt tun. Denn man müsste halt mal dieses tun, jemand sollte halt mal jenes erledigen, und einer könnte doch auch was besorgen. Wenn also das "Partnerschaftspassiv", eine "in Beziehungen sehr alltägliche Art zu sprechen", nicht greift, wird es problematisch. Doch weil es nicht nur zu Hause zu den alltäglichen Katastrophen kommen kann, sondern auch etwa beim Einkaufen - man sucht sich ja hundertprozentig trotz einer "Schlangenfeinbeurteilung" die falsche Warteschlange an der Supermarktkasse aus, an der ein "enthirnter Wurstfresser" vor einem den Bon der Wursttüte verloren hat und damit alle hinter ihm Anstehenden aufhält -, ist es beruhigend, einen guten und alten Freund namens Bosch in der Küche zu haben, der immer das Bier richtig kühlt.

Dieser melancholische und verständnisvolle Turm in der Alltagsschlacht gibt uns den Glauben an das Gute im Leben wieder zurück. Und Axel Hacke uns die Gewissheit, nicht allein zu sein im Dschungel des Lebens.


Norbert Schmidl

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