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16.03.2003 20:30 Uhr | x gelesen
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"ein gedicht beginnt unter den fingern des gitarristen"


Ingolstadt (DK) "ein gedicht beginnt in der lobby eines hotels und endet mit einer wimper auf einem kotflügel" · mit "mississippi" beginnt Albert Ostermaier seine Lesung. Mit diesem Gedicht endet · in leicht abgewandelter Form als Zugabe · auch der Abend: "ein gedicht beginnt unter den fingern des gitarristen und endet mit einer mücke". Gemeinsam mit dem Musiker Bert Wrede bestritt der Münchner Dichter und Dramatiker die Auftaktveranstaltung der 10. Ingolstädter Literaturtage im Alf-Lechner-Museum, die Kulturreferent Gabriel Engert mit einem kurzen Rückblick auf die Anfänge des Lesefestes einleitete.


Das erste und das letzte Gedicht · dieser Rahmen steht vor der Performance fest. Dann zählt der Augenblick: "Es gibt natürlich Gedichte, die ich liebe und sehr, sehr gern lese. Aber die Auswahl ist stark abhängig von der Atmosphäre, vom Raumklima, von der Reaktion des Publikums und auch davon, wie wir beide uns fühlen", erklärt Albert Ostermaier im Gespräch. "Jeder schlägt Themen, Tempi, Rhythmen an, und wir versuchen, uns gegenseitig zu steuern. Oftmals entsteht Neues aus der Situation heraus, habe ich eine Idee, ein Gedicht anders zu interpretieren. Bert nimmt das auf. So kommt es zu Momenten, von denen wir selbst überrascht sind."

Albert Ostermaier liest aus "Autokino" (2002), dem Vorgängerband "Heartcore" (1999) und hat auch brandneue Arbeiten dabei: Auf "mississippi" folgen "gel", "sauerstoff" und "on the run". Schneller und schneller werden die Wörter · eine Flucht, ein Geschwindigkeitsrausch. Und Bert Wrede gibt auf der Gitarre den Rhythmus vor, die Melodie des Hastens und Sehnens: ein anfahrender Zug, gedämmte Landschaftsgeräusche, in Fetzen wahrgenommen, Endlosschleifen, abgerissene Erinnerungsmelodien, Atembeschwerden, ein Zögern, Stillstand.

"blind date", "lemon und libellen", "lullaby", "o. m. u.", "repeat. hollywood-elegie I-IV": Vieles ist Kinoträumen abgelauscht, bittersüß nostalgisch und wild at heart, gereimt und gerappt, American Polaroids, verfremdet, verdichtet, ironisiert. Faszinierend am Erzählkino mitsamt seinen Techniken ist für Albert Ostermaier, "dass es schnell schneiden kann, dass es gleichzeitig sein kann, auf Details ein Augenmerk setzt, mit verschiedenen Ebenen und deren Brechung spielt. Ich kann mir den Mythos Kino aneignen · und ihn im Gedicht konterkarieren mit literarischen Zitaten." Etwa 400 Gedichte zählen bisher zum Çuvre des 35-Jährigen. An einem Band arbeitet er zwischen zwei und drei Jahren: "Ich schreibe genauso gern Gedichte, wie ich Stücke schreibe. Aber das Gedicht ist für mich so etwas wie ein Labor. Ich kann viele Dinge zuerst im Gedicht ausprobieren."

Vor kurzem hatte in Frankfurt sein Stück "Katakomben" Premiere. Weil diese wegen Regiewechsels um zwei Wochen verschoben werden musste, reichte die Zeit nicht mehr, ein geplantes Projekt im Rahmen des Augsburger Schiller-Literaturprojekts zu realisieren. "Moors Moral" heißt der Monolog eines Schauspielers, der sich nach der letzten "Räuber"-Vorstellung in seiner Garderobe abschminkt und Bilanz zieht. Den Text von 1996 wollte Ostermaier heute, Montag, im Medienzentrum Augsburg (20 Uhr) inszenieren. "Jetzt machen wir zusammen mit dem Schauspieler Götz Otto und dem persischen Musiker Saam Schlaminger eine Lesung aus Theatertext und Gedichten."

Weitere Pläne? Im Mai steht die Uraufführung seines Stücks "Auf Sand" am Thalia-Theater in Hamburg an (Regie: Martin KuÏej). "Danach bin ich drei Monate in Wien und mache mit Andrea Breth zusammen ,Was ihr wollt`. Ich habe die ganzen Songs neu übersetzt. Sie wollte gern, dass ich bei so einer Arbeit dabei bin · und ich habe große Lust drauf. Wenn ich wirklich mal Regie führen will, kann ich da ziemlich viel lernen. Ohne den Druck, dass es sich um eine eigene Uraufführung handelt. Es ist spannend, mal von der anderen Seite auf das Theater zu schauen."

Ein neuer Lyrikband mit dem Titel "Solarplexus" soll im Frühjahr 2004 erscheinen. "Es sind sehr lange Erzählgedichte dabei. Ich habe ein halbes Jahr in New York gelebt · und es gibt einen umfangreichen Erzählzyklus, der sich von der Westküste bis zur Ostküste erstreckt." Daneben gibt es politische Gedichte und Liebesgedichte. Albert Ostermaier grinst: "Wie immer geht es um alles."


Anja Witzke

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