Freitag, 18. Januar 2019
 

 

11.05.2003 21:00 Uhr | x gelesen
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Auch halbe Sachen können Spaß machen


Ingolstadt (DK) Die Entscheidung fiel am Silvesterabend des vergangen Jahres. Gute Vorsätze für das neue Jahr waren wieder einmal gefragt, auch bei mir. Zufällig hatte ich die Tage vor der Jahreswende einen alten Spezl getroffen, der seit Jahren ein begeisterter Läufer war. "Warum läufst du eigentlich nicht beim Halb-Marathon mit?" fragte er mich. "Das schaffe ich nie," war meine Antwort und hakte die Sache ab. Am 31. Dezember, als ich im Freundeskreis den Jahreswechsel feierte, kam mir mein Spezl wieder in den Sinn. "Beim nächsten Halb-Marathon bin ich dabei", sagte ich im Überschwang und erntete statt ungläubigem Staunen (was ich eigentlich erwartet hatte) Zustimmung und Unterstützung. "Wenn du mitläufst, organisiere ich einen Fanclub und male Plakate", feuerte mich meine Freundin Nicole an. Das war dann endgültig die Entscheidung.


Knapp vier Monate blieben mir, dem ehemaligen Vereins-Kicker und Tennisspieler Zeit, um mich auf den Halbmarathon vorzubereiten. Ob an kalten Tagen das Laufband im Fitness-Studio oder an schönen Tagen das Zucheringer Wäldchen, der Köschinger Forst oder der Ingolstädter Baggersee mein Trainingsprogramm führte mich an viele Orte. So vergingen Januar, Februar, März und April rasch. Ich bekam immer mehr Kondition, ein Tag ohne Laufen war für mich ein verlorener Tag.

Der 10. Mai rückte immer näher und meine Nervosität nahm zu. Am Freitag verordnete ich mir einen Ruhetag, den ich vornehmlich dazu nutzte, Reis und Mais zu essen und eine Flasche Wasser nach der anderen zu trinken.

Zwischen "halber Lunge" und Goas

Der Wettkampftag war gekommen und meine Vorbereitung beendet. Um 17 Uhr treffe ich mich mit dem DK-Fotografen zu ein paar Aufnahmen. Eine halbe Stunde bleibt mir noch Zeit, ehe es ernst wird. Läufer sind ein geselliges Volk, das wird mir schnell klar. In kleinen Gruppen stehen viele Aktive zusammen und ratschen über das Wetter oder den letzten Einkauf. Zwischen Vertretern des Teams "halbe Lunge" und des 1. FC Goaß Club Sandersdorf warte ich ein bisschen einsam am Ende des Feldes auf den Start. Keine Frage, hier bin ich richtig. Hier steht der Spaß im Vordergrund und nicht der Leistungsgedanke.

Ein Läufer mit einem Luftballon auf dem "2 h 30 min" steht, macht neben mir ein paar Dehnübungen. An ihn will ich mich halten, die Zeit erscheint mir realistisch. Der Start verläuft recht schleppend. Fünf Minuten dauert es bis auch ich über die Startlinie gelaufen bin, bei fast 4000 Startern geht es manchmal eben eng zu. Von meinem Vorhaben genau nach Puls zu laufen, habe ich mich zumindest in der ersten Runde schnell verabschiedet. Der Jubel der Zuschauer sorgt bei mir für ein Gänsehaut-Gefühl. Puls 176 zeigt mir ein Blick auf meine Puls-Uhr und ich denke, "langsam laufen kannst du später dort, wo weniger Zuschauer sind".

Mittlerweile habe ich auch schon einige Bekannte im Läuferfeld entdeckt. Mein ehemaliger Physik-Lehrer, ein Nachbar, meine ehemalige Vermieterin und ein alter Schulkamerad laufen an mir vorbei. Zu einem besonderen Erlebnis wird es immer, wenn ich an meinem Fan-Club, der es sich vor der Bar Centrale gemütlich gemacht hat, vorbeilaufe. "Stefan K. Running Star" lese ich auf dem Plakat, das meine Freundin in Höhe streckt. Das tut gut, auch wenn gerade erst einmal ein Drittel hinter mir liegt.

Wasser und Power-Gel

Die ersten Läufer legen eine Pause ein und gehen einige Meter. Ich fühle mich gut, keine Spur von Schmerzen oder Krämpfen. Selbst an der Staustufe und am Hochwasserdamm haben sich einige Zuschauer versammelt. Kinder schreien mir zu "Auf geht`s. Weiter so." Gerne würde ich Ihnen sagen, wie toll ich ihre Unterstützung finde. Aber ich spare mir die Luft. Unzählige weiße Becher und gelbe Schwämme liegen über fast den ganzen Hochwasserdamm verstreut. Die Verpflegungsaufnahme klappt prima. Ich begnüge mich mit Wasser und einer Tube Power-Gel, die ich in meinem Hosenbund befestigt habe.

Ein paar Zuschauer haben ihre Gartenmöbel mitgebracht und feiern bei Prosecco, Ramazotti und Weißbier ihre eigene Party am Streckenrand. Ein älterer Herr bietet mir einen Schluck Bier an, was ich kopfschüttelnd ablehne. Nach 55 Minuten zieht das Führungsduo an mir vorbei. "Das gibt es nicht," stammelt die Läuferin neben mir. Bei Pulsschlag 159 laufe ich Kilometer für Kilometer in gleichmäßigen Tempo. Nur in der Innenstadt schnellt mein Puls nach oben, die Super-Stimmung am Rand lässt kein Verschnaufen zu.

Auf der letzten Runde kommt mir plötzlich der Läufer mit der Vorgabe zwei Stunden 30 Minuten entgegen, allerdings ohne Ballon. "Fünf Minuten Plus" ruft er mir zu. Das macht mich sicher, mein Ziel zu erreichen. Ein letzter Schluck Wasser an der Verpflegungsstation beim MTV und es geht auf den letzten Kilometer. In Gedanken fühle ich mich wie ein Marathonläufer bei den Olympischen Spielen kurz vor dem Zieleinlauf. Locker spule ich die restliche Distanz herunter, grüße nochmals meinen Fan-Club (Danke an Nicole, Marina und Roland).

Im Ziel angekommen bekomme ich sofort die Medaille umgehängt und kann es kaum fassen. 2:19:32 Stunden für 21,1 Kilometer. Ziel erreicht und Vorgabe unterboten. Richtig verausgabt habe ich mich nicht, es wäre schneller gegangen, aber dann hätte ich meinen ersten Halb-Marathon nicht so genießen können. Meine Freundin wartet bereits im Zielraum und gratuliert mir als erstes. "Super," ein anderes Wort fällt mir für meinen ersten Wettkampf nicht ein. Ein neuen Vorsatz habe ich übrigens bereits kurz nach dem Rennen gefasst. Beim nächsten Halb-Marathon möchte ich unter zwei Stunden laufen. Mit dem Training dafür fange ich allerdings nicht erst im neuen Jahr an . . .


Von Stefan König

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