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09.07.2009 19:58 Uhr | x gelesen
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Der Unbeugsame


Bild: Der Unbeugsame .  (DK) Er war ein Großkaliber der Branche, Spross einer bedeutenden Industriellenfamilie, international gebildet, Professor obendrein, einflussreich, wortgewaltig und berühmt. Doch das alles beeindruckte seinen Kontrahenten überhaupt nicht. Fritz Böhm, Schneidersohn aus dem Sudetenland, ohne Abitur, dafür mit Erfahrung als Zwangsarbeiter in der sowjetischen Autoindustrie, begegnete Carl Hahn, dem mächtigen VW-Chef, auf Augenhöhe. Wie immer. Eine andere Perspektive hat Böhm nie gekannt. Zumal der Ingolstädter Betriebsratsvorsitzende gleichwohl eine Macht hinter sich wusste: die Belegschaft von Audi. Und zwar geschlossen.

(DK) Er war ein Großkaliber der Branche, Spross einer bedeutenden Industriellenfamilie, international gebildet, Professor obendrein, einflussreich, wortgewaltig und berühmt. Doch das alles beeindruckte seinen Kontrahenten überhaupt nicht. Fritz Böhm, Schneidersohn aus dem Sudetenland, ohne Abitur, dafür mit Erfahrung als Zwangsarbeiter in der sowjetischen Autoindustrie, begegnete Carl Hahn, dem mächtigen VW-Chef, auf Augenhöhe. Wie immer. Eine andere Perspektive hat Böhm nie gekannt. Zumal der Ingolstädter Betriebsratsvorsitzende gleichwohl eine Macht hinter sich wusste: die Belegschaft von Audi. Und zwar geschlossen.


34 Jahre lang Boss des Betriebsrats, Abgeordneter a. D., Ehrenbürger – und Audianer bis ins Mark: Fritz Böhm vor ehemaligen Werksgebäuden an der Esplanade, wo er 1950 als Lagerist begonnen hat. - Foto: Rössle
Hahn hatte mal wieder dazu ansetzen lassen, die kleine Konzerntochter auszupressen; Audi sollte alle Gewinne bei VW abliefern und Geld für Investitionen fortan nur noch von Wolfsburgs Gnaden erhalten. Mit diesem Vorhaben kam der Professor 1983 in den VW-Aufsichtsrat – und dann keinen Schritt weiter. Denn der stellvertretende Vorsitzende hieß Böhm. Fritz Böhm.

Der ließ die Sitzung sofort unterbrechen und das Präsidium einberufen. Dort fuhr er die schwere Artillerie der betrieblichen Mitbestimmung auf. "Das ist das Ende jeder Kooperation!", drohte Böhm. Künftig keinerlei Sonderschichten mehr in Ingolstadt! Keine Zustimmung. Zu nichts. Investitionen oder Krieg. "Das ist glatte Erpressung!", soll Hahn gestammelt haben. "Klar ist es das", erwiderte Böhm und wich keinen Meter. Bis der VW-Chef aufgab und Audi die Hälfte des Ertrags behalten durfte.

Kampf für Eigenständigkeit

Natürlich habe er damals bewusst auf einen Eklat hingearbeitet, erzählt Böhm, der nächstes Jahr 90 wird. "Ich hatte keine Wahl. Audi wäre stranguliert worden." So was kam öfter vor. Kämpfe für die Selbstbehauptung zogen sich wie ein roter Faden durch Leben und Werk des Fritz Böhm. Der Gegner war immer der selbe: VW. "Wolfsburg hat alle paar Jahre gesagt: ,Ach, was brauchen wir Audi, die können wir doch übernehmen’." Die technische Entwicklung wollte VW den Ingolstädtern zusperren, den Vertrieb in Niedersachsen konzentrieren. Und so fort. Böhm hielt stets dagegen.

Das selbst formulierte Grundgesetz über das Selbstverständnis der Firma Audi, man könnte auch sagen: die Lex Böhm, hämmerte er der Belegschaft immer und immer wieder ein wie einen Schlachtruf: "Wir besitzen keine Unabhängigkeit im juristischen Sinn, aber Eigenständigkeit. Dafür müssen wir das Motto ,Vorsprung durch Technik’ mit Leben erfüllen."

Verzicht auf Spitzenlöhne

Als VW ebenfalls unter Hahn den Plan betrieb, die Ingolstädter Fabrik zum VW-Werk Nummer 7 zu degradieren, schaffte Böhm das Kunststück, die Audi-Arbeiter darauf einzuschwören, den höchst lukrativen VW-Haustarifvertrag abzulehnen. Verzicht auf Spitzenlöhne für den Erhalt der Marke Audi. Die VW-Führung konnte es nicht fassen.

Sein Selbstbewusstsein muss damals etwas Furchteinflößendes gewesen sein. Wegbegleiter beschreiben Böhm als Machtmenschen, "der überhaupt keine Hemmungen gehabt hat, andere runterzuputzen". Gleichwohl sei der Betriebsratsvorsitzende auch immer einer gewesen, "der eigene Fehler eingesteht und sich entschuldigt".

Fanfarenstöße der Ehrerbietung bemühte ausgerechnet ein alter Widersacher: Carl Hahn. In seiner Autobiografie schreibt er: "Böhm besaß außergewöhnliche politische Autorität und intellektuelle Unabhängigkeit. Für den Fortbestand von Audi war Böhm von kaum zu überschätzendem Einfluss. Er kannte nur die Interessen von Audi."

Die Geschichte gibt dieser Extremform der Markenbindung Recht. Der Kampf für die Autonomie von Audi war der Kampf seines Lebens. Und Böhm, der Unbeugsame, hat ihn gewonnen.

Praxis im Rangeln hat er bereits als Bub gesammelt. Geboren wurde er am 22. Februar 1920 im tschechoslowakischen Jägerndorf. Fritz war zwölf, als ihn der Vater zu Gewerkschaftsversammlungen mitnahm. Im Alter von 14 – längst loderte da die Flamme der Sozialdemokratie in seiner Brust – schlug er erste Saalschlachten gegen Nazi-Horden. "Da ging es ziemlich hart zu." Während seiner Lehre zum kaufmännischen Angestellten kam er öfter mal mit einem blauen Auge ins Geschäft.

Den Krieg überlebte er als Infanterist im Osten. Als Gefangener der Sowjets musste er Bekanntschaft mit der Kraftfahrzeugbranche machen: in der Gorkowski Awtomobilny Zawod; jenes Unternehmen, das jetzt bei Opel einsteigen will. Aber das ist eine andere Geschichte.

Während der Zwangsarbeit überlegte sich Böhm, was zu tun sei, um eine stabile Demokratie aufzubauen. Auf jeden Fall wollte er in ein Parlament einziehen. "Das habe ich mir im Lager fest vorgenommen."

1950 kam er frei. Nach Ingolstadt verschlug es ihn als Trauzeuge eines Kameraden. Böhm beschloss zu bleiben und heuerte bei der Auto-Union an. Die brauchte "alles außer Kaufleute". Kühn verkündete er: "Ich kann jede Arbeit!" Das sah der Herr im Personalbüro indes anders. "Erlernter Beruf" Kaufmännischer Angestellter – "Ein Bleistiftspitzer! Ab ins Lager!" So begann das Böhmsche Wirken in der Halle an der Esplanade.

Vom Premiumsegment wagte die Auto-Union nicht einmal zu träumen. Wie auch, bei derart beschränkten Verhältnissen? 77 Pfennige verdiente Böhm in der Stunde. Er lieferte Rahmenrohre in die Fertigung. "Auf dem Rücken. Sowas von primitiv!" Da nahm er aus Not den späteren Slogan "Vorsprung durch Technik" vorweg und bastelte sich eine Karre. Viele kauften sich ihr Werkzeug selber, so karg war die Fabrik ausgestattet.

Es gab auch Anlass zu Freude: "Eine enorme Aufbruchstimmung. Die Leute bauten sich zügig eine bürgerliche Existenz auf. Außer denen, die noch Revolution machen wollten, doch die waren in der Minderheit."

Umstürzen wollte der junge Böhm nichts, aber verbessern. Bei Veranstaltungen der IG Metall hat er "schon mal etwas den Schnabel gewetzt", weil er erkannt hatte, "wie schutzbedürftig die Arbeiter waren". Als man dem rhetorisch auffällig begabten Lageristen 1951 das Amt des Betriebsratsvorsitzenden antrug, empfand er dies als Ehre und nahm es an. Das Problem war nur: "Ich wusste ja gar nicht, was so ein Betriebsrat eigentlich ist."

Ein kampferprobter Kollege übernahm die fachliche Feinjustierung des Nachwuchsgenossen: Robert Weisbach, charismatischer Arbeiterführer aus dem Egerland, der im Idiom seiner Heimat verkündete: "Kollege Behm, mach’ die keine Sorgen, ich besorge dir Bicher."

Die Betriebsräte rangen hart um die Mitbestimmung. Schon bald gelang es Böhm durchzusetzen, dass sich die Vertrauensleute ohne Lohnabzug während der Arbeitszeit zu Besprechungen treffen konnten. Vorsprung durch Information. "Ein großer Schritt für die Kampfstärke."

Koalition mit Strauß

Solidarische Kraft war oft gefragt in jenen Pionierjahren. Besonders während des dramatischen Metallerstreiks in Bayern 1954 – ein revolutionäres Erlebnis für beide Seiten. "Es hatte ja niemand Streikerfahrung." Die Arbeitgeber suchten ihr Heil in psychologischer Kriegsführung, drohten mit Kündigungen und der Räumung von Werkswohnungen. Zu ihrem Pech standen sie Männern wie Böhm gegenüber. "Die mussten damals einsehen, dass ohne die Gewerkschaften nichts geht."

Das nächste existenzielle Ereignis in seiner an Bewährungsproben reichen Betriebsratstätigkeit brachte die Zweiradkrise der späten Fünfziger: Das Auto begann sich als Standardbeförderungsmittel durchzusetzen. Daher wollte auch die Auto-Union, die damals noch zum Daimler-Konzern gehörte, einen Pkw herausbringen. Doch zum Entsetzen der Ingolstädter sollte der DKW Junior einzig und allein in Zons bei Düsseldorf produziert werden, derweil die Motorräder aus eigener Fertigung kaum jemand mehr kaufen wollte. 1958 blickte der Standort ins Rheinland und dann ins Nichts. Böhm erinnert sich: "Unsere Führung war ziemlich ohnmächtig."

Also ergriff er die Initiative. Glücklicherweise war er im selben Jahr für die SPD in den Landtag eingerückt. Mit all seinem Einfluss formte Böhm eine große, bayerische Koalition für Ingolstadt. Sogar mit Franz Josef Strauß hat er paktiert. Der war von der Idee, es Nordrhein-Westfalen zu zeigen, sehr angetan und machte sich für Staatsbürgschaften stark. Sie ermöglichten den Grundstein für die Werksgebäude an der Ettinger Straße, dem heutigen Firmensitz. "Unser Durchbruch!"

Fortan kämpfte Böhm gleich an drei Fronten: Als Parlamentarier (dem Bayerischen Landtag gehörte er bis 1965 an, dem Bundestag von 1966 bis 1972), im VW-Aufsichtsrat (1958 bis 1983) und im Audi-Betriebsrat (1951 bis 1985). Die Auslagerung mehrerer Bereiche verhindert zu haben, zählt zu seinen größten Verdiensten – zumal sein Gegner Ferdinand Piëch hieß. In leidenschaftlichen Debatten überzeugte Böhm den Audi-Chef davon, dass Werksschutz und Kantine in der Stammbelegschaft bleiben müssen. "Wegen der Identifikation!" Die Einigung erzielten die zwei einst im Morgengrauen. An einer Hotelbar.

Böhm und Piëch sind inzwischen Ehrenbürger der Stadt Ingolstadt. Auf den Österreicher lässt der Sudetendeutsche nichts kommen, "trotz seiner Macken". Ein Umstand könnte die Anerkennung allerdings ein wenig trüben, denn Ferdinand Piëch regiert jetzt in Wolfsburg. Und wie man weiß, gibt es da etwas, dem ein Fritz Böhm nie – niemals! – über den Weg trauen wird: Volkswagen.


Von Christian Silvester
 
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