Augsburg

Zwischen Traum und Wirklichkeit

David Ortmann inszeniert das tragikomische Kammerstück "Luzid" von Rafael Spregelburd in der Augsburger Brechtbühne<?ZE>

07.10.2019 | Stand 02.12.2020, 12:53 Uhr
Vielleicht ist das ganze Leben ja auch nur ein einziges Déjà-vu? Ute Fiedler und Roman Pertl in "Luzid". −Foto: Fuhr

Augsburg (DK) Dass alle glücklichen Familien auf gleiche Art glücklich sind, alle unglücklichen aber auf eine jeweils andere Art unglücklich, wissen wir.

Aber warum diese Familie, die wir auf der Augsburger Brechtbühne sehen, unglücklich ist, wissen wir nicht. Wir glauben zwar immer wieder zu wissen, warum Teté und ihre Kinder Lucrezia und Lucas sich nicht verstehen, was alles an Lügen, Unaufrichtigkeit, Feigheit, falschem Selbstschutz und deformierten Biografien dahinter steckt, wir glauben zumindest, es zu ahnen, aber dann wieder sind wir verunsichert und rätseln weiter. Und genau das ist das Prinzip dieses Stücks und der Inszenierung (als deutsche Erstaufführung) in Augsburg.

Fasziniert verfolgt der Zuschauer, wie sich die Fragmente dieser Lebensgeschichten auf der Bühne herausbilden, ohne dass je ein Gesamtbild entsteht und ohne dass dabei wieder nur das Stereotyp der brüchigen bürgerlichen Familienfassade, hinter der sich Dramen und Abgründe auftun, wiederholt wird. Der argentinische Autor Rafael Spregelburd macht viel mehr und vor allem viel Originelleres.
Denn das Geschehen wechselt zwischen Traum und Wirklichkeit, der Titel des Stücks bezieht sich auf luzide Träume oder auch Klarträume, in denen dem Träumenden bewusst ist, dass er träumt. Nur verwischt Spregelburd die Grenzen zwischen Traum und Realität, und Regisseur David Ortmann folgt ihm dabei kongenial. So herrscht die Unsicherheit als Prinzip. Was auch immer als Rekonstruktion der Familiengeschichte angeboten wird, wird im nächsten Moment wieder unterlaufen, in ihrer Widersprüchlichkeit entlarvt, was sich wiederum als Widerspruch erweist - und so weiter.

Eduard von Keyserling hat einmal den schönen Begriff von den "Korrekturbögen" des Lebens geprägt. Für die Figuren, allen voran die Mutter Teté, scheinen die Träume die Korrekturbögen ihres Lebens zu sein - die aber ihrerseits voller Fehler sind und erneut korrigiert werden müssen, was das Lebenslabyrinth aber nur unübersichtlicher macht. Dass dieses komplexe und durchaus fordernde Stück gelingt, liegt auch an den Schauspielern. Ute Fiedler als Teté, Katharina Rehn als ihre Tochter Lucrezia, ein ganz hervorragender Julius Kuhn als Sohn Lucas und Roman Pertl als Philipp wechseln leicht und jeweils sehr überzeugend mit dem Wirklichkeitsmodus sozusagen auch ihren schauspielerischen Status und haben offensichtlich viel Freude daran, nicht in eine Gattung gesperrt zu sein. Denn das Stück ist weit mehr als eine Familientragödie, es ist auch Komödie und psychologisches Kammerspiel, Situationskomik und Slapstick haben ihren Platz neben bewegenden und anrührenden Stellen genauso wie Fantastisches - kein Wunder, geht es doch um Träume. Ein postmoderner Hybrid, der aber nie zersplittert, sondern von dem prägenden, sich aber immer mehr verwischenden Wirklichkeit-Traum-Gegensatz genauso zusammengehalten wird, wie von der Musik von Katharina Schmauder und Fabian Heicheles (selbst-)ironischem Tuba-Spiel.

In "Luzid" sind aber nicht nur die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Traum fließend, sondern es bleibt damit offen, was für den Menschen substantieller ist. Denn auch als längst klar ist, dass diese Träume - luzid oder nicht - Albträume sind, stellt Ute Fiedler in der Schlussszene die unausgesprochene Frage, ob die Wirklichkeit nicht noch schlimmer als ein Albtraum ist. Auch diese Frage wird nicht beantwortet, und es sind nicht die schlechtesten Inszenierungen, die den Zuschauer mit vielen offenen Fragen nach Hause gehen lassen.

ZUM STÜCK
Theater:
Brechtbühne im Gaswerk,
Staatstheater Augsburg
Inszenierung:
David Ortmann
Bühne und Kostüme:
Justus Saretz
Musik:
Katharina Schmauder
Termine:
Bis 8. Februar 2020
Kartentelefon:
(0821) 3244900

Berndt Herrmann