Ingolstadt

Zielgenaue Reise in eine bessere Zukunft

Thema Nachhaltigkeit - Wie stellen sich die acht bayerischen Großstädte diesem Auftrag?

13.09.2019 | Stand 02.12.2020, 13:04 Uhr
Nachhaltiges Leben in den Städten ist ganz entscheidend auch vom Verkehr abhängig. Das ist aber nur eines von vielen Feldern, die von der Kommunalpolitik beackert werden müssen. −Foto: Hoppe/dpa

Ingolstadt (DK) Die Vereinten Nationen haben vor vier Jahren die Agenda 2030 verabschiedet und den Städten eine zentrale Rolle beim Thema Nachhaltigkeit zugewiesen. Wie stellen sich die acht bayerischen Großstädte diesem Auftrag?

Fast genau vier Jahre ist es her, dass die Vereinten Nationen die Agenda 2030 verabschiedet haben. Sie enthält Ziele für eine nachhaltige Entwicklung, die "Sustainible Development Goals" (SDGs), die sich an die einzelnen Staaten richten. Nachhaltige Entwicklung wird dabei als eine umfassende Entwicklung in wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Hinsicht verstanden. Zum ersten Mal ist hier festgehalten, dass es ganz zentral auf die kommunale Ebene ankommt, also auf Städte, Gemeinden und Landkreise. Konkret lautet das Ziel, "Städte und Siedlungen inklusiv, sicher, widerstandsfähig und nachhaltig zu machen". Zum Konzept gehört auch, dass die Länder den Stand der Dinge in den Städten dokumentieren und überprüfen: Dazu wurden eigens Indikatoren und Kennzahlen eingeführt. Für Deutschland gibt es ein Portal im Internet, in dem alle Orte mit über 5000 Einwohnern ihre neuesten Kennzahlen für die 17 verschiedenen Nachhaltigkeitsziele eingeben. Unter SDG-portal.de kann jeder nachlesen, welche Entwicklung seine eigene Stadt in verschiedensten Bereichen macht. Die Daten werden jährlich aktualisiert.

Die 17 Ziele lauten: Keine Armut - Kein Hunger - Gesundheit und Wohlergehen - Hochwertige Bildung - Geschlechtergleichheit - Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen - Bezahlbare und saubere Energie - Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum - Industrie, Innovation und Wirtschaftsstruktur - Weniger Ungleichheiten - Nachhaltige Städte und Gemeinden - Nachhaltiger Konsum und Produktion - Maßnahmen zum Klimaschutz - Leben unter Wasser - Leben an Land - Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen - Partnerschaften zum Erreichen der Ziele.

MÜNCHEN

In der Landeshauptstadt München hat das Referat für Gesundheit und Umwelt die Federführung für Nachhaltigkeitsthemen.  Die Thematik betrifft aber nahezu alle Aufgabenfelder der Stadtverwaltung. Die Landeshauptstadt München wurde bereits 2012 von der Deutschen Unesco-Kommission für ihren vorbildlichen Einsatz für Bildung und  für eine nachhaltige Entwicklung ausgezeichnet. Derzeit wird eine städtische Konzeption für nachhaltige Bildung sowohl für die schulischen als auch für die außerschulischen Bereiche erarbeitet. Eine Vorreiterrolle hat München auch bei der nachhaltigen Beschaffung eingenommen und wurde hierfür mehrfach zum Beispiel  als Fair Trade Town ausgezeichnet. München ist seit 2006 offiziell „Biostadt“.  Es gibt ein detailliertes  Handlungsprogramm für den Klimaschutz und einen Stadtratsbeschluss, dass München bis 2050  klimaneutral  werden soll. Seit Herbst 2018 zeigt München Cool City, eine Kampagne der Landeshauptstadt, auf, wie wichtig und einfach Klimaschutz ist. 

AUGSBURG

Augsburg ist eine der Vorreiterstädte in Deutschland im Bereich nachhaltige Entwicklung.
Sie wurde schon 2013 als nachhaltigste Großstadt Deutschlands ausgezeichnet.   2018 stellte der  Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung fest, Augsburg sei  eines der vier bundesweit vorbildlichen Transformationsprojekte. Zur Koordination des Prozesses unterhält die Stadt Augsburg in der Stadtverwaltung ein Büro für Nachhaltigkeit, das direkt dem Umweltreferenten Reiner Erben zugeordnet ist. Es gibt aktuell 29 verschiedene thematische Agenda-Foren. Seit 2006 wird jährlich der Augsburger Zukunftspreis vergeben. Mit den „Zukunftsleitlinien für Augsburg“ gibt es ein Programm zur Nachhaltigkeit mit insgesamt 75 Zielen. Eine deutschlandweit einmalige   „Spezialität“ ist, dass auch die   Dimension der „kulturellen Zukunftsfähigkeit“ zu einem Hauptfeld der Nachhaltigkeit erklärt wurde. Alle wesentlichen Stadtratsbeschlüsse werden seit 2017 mit einer Nachhaltigkeitseinschätzung versehen – in Bayern ist das einzigartig.

INGOLSTADT

Die Stadt Ingolstadt ist erst seit etwa einem Jahr dabei, das Thema Nachhaltigkeit strukturiert anzugehen. Ende Februar beauftragte der Stadtrat die Verwaltung mit der Erarbeitung der „Nachhaltigkeitsagenda Ingolstadt“ und damit, die für den Agenda-Prozess notwendigen Organisationsstrukturen zu entwickeln. Eine Planstelle zur Koordination ist mittlerweile verwaltungsintern ausgeschrieben, aber noch nicht vergeben. Im Juli trat erstmals eine verwaltungsinterne Arbeitsgruppe zusammen (einschließlich der städtischen Beteiligungsunternehmen), die sich mit den Themen Schutz der Natur- und Kulturlandschaft, klimaneutrale Verwaltung, Stadtplanung und Bauwesen, Bildung und gesellschaftliche Akzeptanz befasst. Die Stadt Ingolstadt will „Wasserstoffregion“ werden. Geplant ist, dass Ingolstadt „einen eigenständigen, wahrnehmbaren und erfolgsversprechenden Nachhaltigkeitsprozess einleitet“, so der Oberbürgermeister. Ganz aktuell hat die Stadt festgelegt, dass für Dienstreisen unter 500 Kilometern das Flugzeug tabu ist. 

FÜRTH

Die Stadtverwaltung von  Fürth sieht das Thema Nachhaltigkeit als zentrales Aufgabenfeld an. Im Bürgermeister- und Presseamt hat sie ein „Nachhaltigkeitsbüro“eingerichtet, das sich mit den Themen Agenda 2030, nachhaltige Beschaffung, Entwicklungspartnerschaften, nachhaltige Mobilität und Umweltbildung befasst. Das    Umweltreferat beackert die  Themen Klima- und Umweltschutz sowie „zukunftsfähige Stadt“. Das   Referat „Soziales, Jugend, Kultur“ befasst sich mit Kommunaler Jugendarbeit und Bildung für nachhaltige Entwicklung. Fürth kann mehrere Vorzeigeprojekte präsentieren. Hier entstand das erste „Welthaus“  der Region, für das die Stadt 2018 den Eine-Welt-Preis für Kommunen erhielt. Die Stadt selbst ist der Arbeitgeber mit dem höchsten Frauenanteil – auch in Führungspositionen. Es gibt einen Energieplan für 2020, dessen Ziele bereits jetzt erreicht wurden. Die kommunale Energieversorgung besteht zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien. Fürth trägt den Titel „Solarstadt“. Es gibt ein Nachhaltigkeitsfestival „Fürth im Übermorgen“ mit Tausenden Teilnehmern.

NÜRNBERG

 In Nürnberg ist nachhaltige Entwicklung seit Langem ein zentrales Thema. Die Stadt hat für ihr vielfältiges Engagement  im Jahr 2016 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie Großstädte erhalten. Die Federführung liegt beim Referat für Umwelt und Gesundheit. Das  Statistische Amt der Stadt macht den gesamten Datenbestand zu diesem Bereich über Internet öffentlich verfügbar – das Kontrollsystem der Statistiker gilt bundesweit als Vorbild.  Zur Umsetzung der Ziele gibt es ein Abstimmungs-Forum, an dem Mitarbeiter aus allen  Geschäftsbereichen  der Verwaltung teilnehmen.  Derzeit arbeitet die Stadt an einem Konzept zur ökologisch besseren Durchführung von Großveranstaltungen. Das Projekt „Bio Metropole Nürnberg“ hat in städtischen Einrichtungen – etwa den Kindertagesstätten –  die Quote an Bioprodukten in Verpflegungsangeboten erheblich ausgebaut. In zahlreichen städtischen Bauwerken wurden modernste Kraft-Wärme-Kopplung-Lösungen realisiert. In der Kläranlage wurde die Klärgasnutzung über Blockheizkraftwerke massiv ausgebaut.

REGENSBURG

In Regensburg gibt es keine „zentrale Stelle“ für Nachhaltigkeit: „Das Thema wird ämterübergreifend gesehen“, teilt die Stadt mit.  Es gibt eine Vielzahl von Projekten.  Dazu gehören zum Beispiel die Sanierung der Fußgängerzone mit dem Teilziel, Bäume und Wasser in die Altstadt zu bringen. Eine Quote für öffentlich geförderte Wohnungen beim Geschosswohnungsbau wurde eingeführt. Die Stadt hat sich die Wiedereinführung einer Stadtbahn auf die Fahnen geschrieben und bereits beschlossen. Es gibt ein Konzept zur Förderung des Radverkehrs, einen Lärmaktionsplan und ein Freiraum-Konzept. Im Rahmen des E-Mobilitätsclusters Regensburg  werden ein Fahrradleihsystem, Carsharing, E-Busse für die Altstadt und die Umstellung der gesamten Busflotte auf E-Busse vorangetrieben. Ein neuer Zentraler Omnibus-Bahnhof soll den regionalen Verkehrsverbund stützen. Nicht zuletzt entsteht gerade ein Haus für Energie- und Umweltbildung namens „Rubina“. Nicht zuletzt ist Regensburg Fair-Trade-Sadt.

WÜRZBURG

Nachhaltigkeit ist bei der Stadt Würzburg eine Querschnittsaufgabe aller Referate, bei denen sich dezentral Mitarbeiter um das Thema kümmern. Die Großstadt kooperiert dabei eng mit der Region, so beim regelmäßigen „Nachhaltigkeitssymposium Mainfranken“. Würzburg ist schon seit 2011 Fair-Trade-Stadt. Die Projekte werden dabei durch eine Steuerungsgruppe mit eigenem Leiter initiiert und durchgeführt.  Projekte sind beispielsweise die InToGo-Becher, die Unterstützung des Systems Recup oder der in Kooperation mit dem Landkreis aufgelegte Einkaufsführer „regional.bio.fair". Weitere Pluspunkte sind das Stadtradeln oder die Beschaffung fair produzierter Arbeitskleidung für die  Stadtreiniger wie auch die Initiative zu einem plastikarmen Rathaus. Ein großes nachhaltiges Projekt war in diesem Jahr der Neubau der bereis seit 30 Jahren bestehenden Umweltstation. Sie entstand ökologisch vorbildlich aus Recyclingbeton und mit einer Eisspeicher-Heizung.  Hier ist alles gebündelt, was sich mit Fortbildung und Aufklärung in Sachen Nachhaltigkeit befasst. 

ERLANGEN

In Erlangen beschäftigt das Thema Nachhaltigkeit  in all seinen Ausprägungen nahezu sämtliche Fachbereiche der Stadtverwaltung.  Die Stadt gehört nach dem Urteil der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis zu den drei nachhaltigsten Großstädten Deutschlands 2020. Es ist kein Zufall, dass Erlangen  die erste Stadt in Bayern war, die den Klimanotstand ausrief. Bei seiner nachhaltigen Entwicklung folgt Erlangen dem stadtgeschichtlichen Leitbild „Offen aus Tradition“. Deutlich wird das Engagement von Stadtspitze, Verwaltung und Bürgerschaft vor allem in den Bereichen Inte-gration, Inklusion, Bildungsgerechtigkeit sowie Klima- und Ressourcenschutz. Die Bürgerbeteiligung gilt als vorbildlich. Seiner globalen Verantwortung will Erlangen unter anderem im Rahmen einer äußerst aktiven Städtepartnerschaft mit San Carlos in Nicaragua gerecht werden. Nachhaltigkeit spielt  bereits seit Jahren auch im Bereich Beschaffung der Stadt eine wichtige Rolle. Eine eigene Stelle berät Dienststellen und Bürgerinnen und Bürger bei Fragen zu diesem Thema.

"Die Menschen mobilisieren"

Herr Bachmann, vor vier Jahren wurde die Agenda 2030 von den Vereinten Nationen verabschiedet. Haben die Kommunen seitdem ihre Hausaufgaben gemacht?
Günther Bachmann:  Niemand auf der ganzen Welt hat seine Hausaufgaben gemacht. Wir sind von den Zielen 2030 insgesamt noch ein gutes Stück entfernt. Wir können also nur sagen, wer die größte Annäherung  gemacht hat – und da sind die deutschen Kommunen im Schnitt ganz gut dabei, viele sind  auch weltweit ganz vorne mit dabei.

Bei welchen Themen läuft es in den Kommunen am besten in Sachen Nachhaltigkeit?
Bachmann: Die Städte haben die Frage der kommunalen Beschaffung   gut im Griff, sie sind auch sehr gut bei der Frage der nachhaltigen Stadtentwicklung, also bei der Nutzung von Funktionen. Sie kämpfen natürlich mit der Bodenpreis-Entwicklung und der Preisentwicklung beim Bauen und Mieten und Wohnen – das haben sie alle gemeinsam. Aber trotzdem versuchen sie, über gute Konzepte darauf hinzuwirken, Wohnen sozial sicher zu machen. Viele Städte machen auch tolle Sachen im Bereich der kommunalen Energiepolitik.

Wo gibt es die größten Defizite?
Bachmann: Die gibt es bei der Mobilität. Bei den Autofluten der Pendlerströme – morgens rein, abends raus –, bei der Parkraumbewirtschaftung, beim Umbau von Automobilverkehr zu Fahrrad- oder Fußgängerverkehr. Ein Riesenproblem ist der Lieferverkehr in die Fußgängerzonen, ebenso die Frage: Wo kann ich Elektroautos in der Stadt aufladen? Das sind Strukturprobleme, die die Städte alle gemeinsam haben. Es gibt einige, die hier vorangehen, aber die meisten rätseln noch ziemlich, wie es eigentlich gehen kann.

Zu den Städten, die bei der Organisation des Nachhaltigkeitsprozesses noch eher am Anfang stehen, gehört  auch Ingolstadt. Was raten Sie solchen Städten?
Bachmann:  Ich rate,  nach Augsburg,  Erlangen oder Ulm zu reisen und sich anzusehen, wie die das  machen. Die haben zuerst Strukturen geschaffen.  Ich rate, lieber mal auf ein Projekt zu verzichten und dafür eine Struktur von  Zuständigkeiten und  Verantwortlichkeiten in der Stadt zu schaffen. Idealerweise ist das dann so  wie in Augsburg, wo relativ wenig Input von der Stadt zu einer großen bürgerschaftlichen Aktivität geführt hat. Darauf müssen  die Verantwortlichen  einer Stadt bauen: dass sie die Menschen mobilisieren. Das wäre für mich der erste Schritt.

ZUR PERSON 
Günther Bachmann leitet die Geschäftsstelle des Rates für Nachhaltige Entwicklung in Berlin und ist dessen Generalsekretär. Der Honorarprofessor  ist Vorsitzender der Jury des Deutschen Nachhaltigkeitspreises für Unternehmen und für Städte.

Richard Auer