Ingolstadt/Kösching

Wollte der Täter sie töten?

Linke-Bezirksrätin Stefanie Kirchner entkam Attacke in Kösching – Polizei mauert

02.07.2020 | Stand 02.12.2020, 11:03 Uhr
Linken-Politikerin Stefanie Kirchner ist am Sonntagabend in Kösching von einem Unbekannten attackiert worden. −Foto: DK-Archiv

Ingolstadt/Kösching - Sonntag, 23 Uhr in Kösching. Stefanie Kirchner, die für die Linke im Bezirkstag sitzt, geht in ihrem Wohnort spazieren, als sie plötzlich von einem Unbekannten von hinten gepackt wird. Der Mann, der offenbar auch ein Messer bei sich trägt, fängt an, sie zu würgen. Es muss ein fester Griff sein, denn am Ende trägt sie Würgemale und weitere Verletzungen davon. „Ihr scheiß Linke!“, ruft der Mann mehrmals, während er sie stranguliert. Die Frau tritt nach hinten und kann sich schließlich aus dem Würgegriff befreien und flieht.

So erzählte sie es der Polizei, nachdem sie diese verständigt hatte. Und die Beamten gaben  den Fall gleich an das Fachkommissariat Staatsschutz der Kriminalpolizei weiter.    Es spricht für sie einiges dafür, dass es sich um eine politisch motivierte Tat handelt. 

Es ist die erste bekannte Attacke auf einen Politiker oder eine Politikerin im Ingolstädter Raum. Und sie wurde erst am Donnerstag durch eine Pressemitteilung des Linken-Landesverbands bekannt – einen Tag, nachdem Bayerns Innenminister Joachim Herrmann und Justizminister Georg Eisenreich (beide CSU) ihr gemeinsames Schutzkonzept für Kommunalpolitiker vorgestellt hatten. 

„Wir wollten unsere Mitglieder warnen“, erklärt Max Steininger, der Landesgeschäftsführer der Linken, die Mitteilung auf Anfrage des DK. Denn der Bezirkstag sei kein  Gremium, das häufig im Fokus der Öffentlichkeit stünde, und Stefanie Kirchner, die erst seit 2018 im Bezirkstag sitzt, keine besonders bekannte Politikerin. Sie habe als Gesundheitspolitikerin auch keine häufigen Berührungspunkte mit Rechtsradikalen. „Es ist nicht nachvollziehbar, warum es sie erwischt hat“, sagt Steininger. „Das macht es noch schlimmer.“ Denn das hieße ja im Grunde, es könnte jeden treffen. Auch Kirchner selbst könne es sich nicht erklären. 

„Wir hoffen, dass jetzt aus der Bevölkerung Hinweise kommen“, sagte Steininger. Auch deswegen habe sich der Landesverband, nachdem der Staatsschutz schon vier Tage ohne Information der Öffentlichkeit ermittelt habe, zu der Pressemitteilung entschieden. 

Die Polizei begründet die Zurückhaltung ihrer Behörde beziehungsweise der Staatsanwaltschaft mit der Brisanz des Themas.  Erst einmal habe geklärt werden müssen, ob es genügend Verdachtsmomente für eine politisch motivierte Tat gebe, sagt Karl Höpfl, der stellvertretende Leiter des Präsidialbüros des Polizeipräsidiums Oberbayern Nord.  Auf Anfrage des DK bestätigt er aber den Vorfall, den Ablauf und das anzunehmende Motiv.  Der Täter sei derzeit noch unbekannt, mehr wolle man im Moment nicht bekanntgeben – auch nicht, ob man von einer Tötungsabsicht des Täters ausgehe.

„Es war schon ernst“, sagt Steininger.  Man müsse angesichts der Würgemale davon ausgehen, dass der Täter die Frau töten wollte. Stefanie Kirchner gehe es den Umständen entsprechend, erklärte er. Sie wolle jetzt ihre Ruhe haben, weshalb er Presseanfragen für sie beantworte.  
Die Pressemitteilung der Linken beinhaltete auch ein Statement von Eva Bulling-Schröter, der Landessprecherin und Kreisvorsitzenden der Linken in der Region:  „Der Anschlag auf die Bezirksrätin Stefanie Kirchner ist ein Anschlag auf Die Linke. Ein Anschlag auf Die Linke ist ein Anschlag auf die Demokratie.“

Am Donnerstag tagte der bayerische Bezirketag, der Dachverband der Bezirke,  in Erlangen. Als dort übers Internet der Angriff bekannt wurde,  verurteilte auch der Präsident des Bayerischen Bezirketags, Franz Löffler,  die Attacke auf Kirchner, sprach ihr seine Solidarität  aus  und wünschte ihr gute Besserung.  Der oberbayerische Bezirkstagspräsident Josef Mederer erklärte, er zeige sich besorgt ob des Angriffs.   „Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung, egal ob aus politischen oder anderen Motiven, ist absolut indiskutabel und muss aufs Schärfste geahndet werden“, so Mederer. „Ich wünsche Frau Kirchner eine baldige Genesung von diesem Schock und baue darauf, dass der Täter ermittelt und zur Rechenschaft gezogen wird.“ 

Kommentar von Thorsten Stark

Beschädigungen, Schmierereien und Beschimpfungen haben Politiker in der Region auch schon über sich ergehen lassen müssen. Jetzt scheint eine neue Stufe erreicht: Die Attacke auf die  Linke-Bezirksrätin Stefanie Kirchner ist brutal und kann einem Angst machen – weil sie offenbar vorbereitet war, weil das klare Motiv fehlt und weil niemand daran gedacht hätte, dass so ein Verbrechen in der Region geschehen könnte. Es ist schockierend, dass Politiker inzwischen mit solchen oder ähnlichen Hasstaten rechnen müssen. Allein in Bayern wurden  im vergangenen Jahr 272 Straftaten gegen Amts- und Mandatsträger angezeigt, bis Ende Mai dieses Jahres waren es schon 158. Kein Wunder also, dass immer weniger Menschen bereit sind, sich in der Politik zu engagieren.

 

Köschinger Bürgermeister: „Ich finde es erschreckend“

In Kösching hatte sich der Vorfall bis zum Donnerstagnachmittag noch nicht herumgesprochen. Auch auf den bekannten öffentlichen Facebook-Seiten gab es bis dahin keine Einträge. „Ich finde es erschreckend, dass sowas in Kösching vorkommen soll“, sagt Bürgermeister Ralf Sitzmann (UW), als er durch die Nachfrage des DONAUKURIER von dem Überfall auf Frau Kirchner erfährt. Er kenne die Frau nicht, so Sitzmann weiter. Die Linke sei in Kösching seit dem Rückzug von Manfred Linder vor zwölf Jahren nicht mehr politisch vertreten. Politisch werde in Kösching jeder gehört, jeder dürfe seine Meinung frei sagen, so der Rathauschef. Da habe es in der Vergangenheit „keine Auffälligkeiten“ gegeben. Bei Wahlen bekämen extreme Parteien fast keine Stimmen. Freilich gebe es Schmierereien, sagt Sitzmann auf Nachfrage, aber die seien „nicht politisch motiviert“, sondern das Werk von Halbstarken. Sitzmann hofft, dass die Tat bald aufgeklärt wird: „Ich hoffe, dass der Verrückte bald gefasst wird!“

Auch Manfred Lindner, der frühere Ortsvorsitzende der Köschinger Linken, der seit Mai für die Grünen im Marktrat sitzt, hat erst durch die Online-Meldung des Donaukurier von dem Überfall erfahren. „Ich bin entsetzt, dass in Kösching sowas möglich ist, dass eine Frau, die als Krankenpflegerin arbeitet und sich politisch für die Verbesserung der Pflege und der Arbeitsbedingungen der Pflegekräfte einsetzt, überfallen und bedroht wird“, sagt Lindner. Stefanie Kirchner habe er als nette Frau kennen gelernt, die niemanden provoziert. Sie sei erst vor einigen Jahren nach Kösching gezogen, weil sie hier am Krankenhaus arbeite. In Kösching sei sie deshalb auch nicht sehr bekannt. „Ich habe keine Angst“, betont der 1,92-Mann, räumt aber ein, dass ihm der Vorfall schon zu denken gibt. „Man wird sich künftig öfter umschauen“, glaubt er. „Es kann nicht angehen, dass, wenn man politisch nur ein bisschen im Rampenlicht steht, ein Wahnsinniger kommt und einen von hinten packt“, empört sich Lindner. Die Solidarität der Grünen gehöre deshalb in dieser Situation Stefanie Kirchner und den Linken. DK

 

 

 

Thorsten Stark